„Ä Grotte sucht jenner!“ hörte ich hinter mir dreinraunen, wenn ich, den Kopf voller Zahlen, schnellen Schrittes Geschäftsleute auf der Straße überholte.
„Ä Grotte sucht jenner!“ las ich von den murmelnden Lippen der violettrasierten Herren, wenn sie abends unter dem Vorwand, dem Kunstgenuß zu frönen, die Theatersperrsitze füllten.
„Ä Grotte sucht jenner!“ fühlte ich, sprachen in stummer Geste die Dutzende heimlich unter Liderzwinkern auf mich gedrehten Daumen neugieriger Fahrgäste, wenn ich, des Angestarrtwerdens überdrüssig, die „Elektrische“ zu verlassen mich anschickte.
„Ä Grotte sucht jenner!“ hörte ich sogar einmal mitten im Telephongespräch sich eine krächzende Stimme in meine Rede verirren.
Wie ungemein schwierig es ist, Grotten im Weichbilde einer Großstadt zu entdecken, das weiß nur jemand, der wie ich sich wochenlang darauf versteift hat, welche zu finden.
Aber Fleiß bricht Eisen! In meinem Falle brach er es auf folgende Weise:
Nahe daran, das Vorhandensein von Grotten überhaupt ins Reich der Fabel zu verweisen — siehe: Konversationslexikon, Artikel „Untersberg“ —, hatte ich nach und nach eine mir schon von Kindesbeinen an liebgewordene Beschäftigung wieder aufgenommen, nämlich die Veranstaltung von Rendezvous mit jungen Damen, und zu diesem Zwecke mehrere gleichlautende Briefchen dem Postkasten hinter die gefletschten Zähne geschoben.
Leider fiel mir erst zu spät ein, daß sie auch hinsichtlich des Ortes und der Zeit des Stelldicheins gleichlautend gewesen waren. Die Rasseveredelung in Prag zu fördern, hatte ich von je als hohes Ziel angesehen, aber in diesem Falle schien sie mir kaum durchführbar, denn angesichts des betrüblichen Überflusses an seelischem Ballast, der allen meinen Geliebten leider eigen war, durfte es wohl als ausgeschlossen gelten, sie am gleichen Ort und zu gleicher Stunde sozusagen unter einen Hut zu bringen.
Als ich im Geiste den Inhalt der Liebeskorrespondenz nochmals überflog, kam ich gesträubten Haares — ich war damals noch jung — zu dem Resultat, daß ich nicht weniger als vier Stück auf den Wyschehrad bestellt hatte. Darunter Msi (eine Abkürzung von: „Mein süßes Julchen“, denn ich pflegte meine Geliebten des schnelleren Überblicks wegen stets mit Anagrammen zu bezeichnen), ein junges Mädchen von furienhaftem Temperamente und einer so gellenden Stimme, daß bei ihrem Ertönen sicherlich jeder Durchschnittsjochgeier entmutigt die Segel gestrichen hätte.
Der Wyschehrad ist ein hohes viereckiges Hügelmassiv, das die Stadt nach Süden, unberufen, abschließt; die eine Seite fällt steil in die Moldau ab. Uralte Mauerreste, mehrere Meter über dem Flusse, führen den Namen Libussabad. Hier soll die sagenhafte Königin Libussa einst ein Bad genommen haben. — Ob seitdem eins fehlt, weiß ich nicht.