„Ich fühle mich so alt geworden seit damals. — Sich von immer neuen Rätseln umgeben zu sehen, es zermürbt einen mehr, als man denkt. — Die große Menge kann gar nicht erfassen, was es für manchen Menschen bedeutet, ein ewig unlösbares Rätsel in seiner Erinnerung mitschleppen zu müssen! — Und dann, täglich die Schmerzensausbrüche der armen Lukretia mit ansehen zu müssen.
Vor kurzem starb sie, — das schrieb ich euch —, aus Gram und Leid.
Congo-Brown entsprang aus dem Untersuchungsgefängnis, und die letzten Quellen, aus denen man hätte Wahrheit schöpfen können, sind versiegt.
Ich will euch später einmal ausführlich alles erzählen, bis die Zeit die Eindrücke gemildert hat, — es griffe mich jetzt noch zu sehr an.“
„Ja, aber hat man denn gar keinen Anhaltspunkt gefunden?“ fragte Sinclair.
„Es war ein wüstes Bild, das sich da entrollte, — Dinge, die unsere Gerichtsärzte nicht glauben konnten oder durften. — Finsterer Aberglauben, Lügengewebe, hysterischer Selbstbetrug, hieß es immer, und doch lagen manche Dinge so erschreckend klar da.
Ich ließ damals alle kurzerhand verhaften. Congo-Brown gestand zu, die Zwillinge, — überhaupt das ganze Panoptikum von Mohammed Daraschekoh als Lohn für frühere Dienste geschenkt bekommen zu haben. — Vayu und Dhanándschaya seien ein künstlich erzeugtes Doppelgeschöpf, das der Perser vor acht Jahren aus einem einzigen Kinde (dem Kinde Thomas Charnoques) präpariert habe, ohne die Lebenstätigkeit zu vernichten. — Er habe nur verschiedene magnetische Strömungen, die jedes menschliche Wesen besitze, und die man durch gewisse geheime Methoden voneinander trennen könne, — zerlegt und es dann durch Zuhilfenahme tierischer Ersatzstoffe schließlich zuwege gebracht, daß aus einem Körper — zwei mit ganz verschiedenen Bewußtseinsoberflächen und Eigenschaften geworden wären.
Überhaupt habe sich Daraschekoh auf die sonderbarsten Künste verstanden. — Auch die gewissen drei Obeah Wanga-Schädel seien nichts anderes als Überbleibsel von Experimenten, und — sie wären früher lange Zeit lebendig gewesen. — Das bestätigten auch Fatme, Congo-Browns Geliebte, und alle andern, die übrigens harmloser Natur waren.
Ferner gab Fatme an, Congo-Brown wäre epileptisch, und zur Zeit gewisser Mondphasen käme eine sonderbare Aufregung über ihn, in der er sich einbilde, selber Mohammed Daraschekoh zu sein. — In diesem Zustand stünden ihm Herz und Atem still, und seine Züge veränderten sich angeblich derart, daß man glaube, Daraschekoh (den sie früher öfter in Paris gesehen) vor sich zu haben. — Aber mehr noch, er strahle dann eine solch unüberwindliche magnetische Kraft aus, daß er, ohne irgendein befehlendes Wort auszusprechen, jeden Menschen zwingen könne, ihm sofort alle die Bewegungen oder Verdrehungen nachzuahmen, die er vormache.
Es wirke wie Veitstanz ansteckend auf einen — unwiderstehlich. Er besäße eine Gelenkigkeit sondersgleichen und beherrsche zum Beispiel alle die sonderbaren Derwischverrenkungen vollkommen, vermittelst derer man die rätselhaftesten Erscheinungen und Bewußtseinsverschiebungen hervorbringen könne — der Perser habe sie ihn selbst gelehrt —, und die so schwierig seien, daß sie kein Schlangenmensch der Welt nachzuahmen imstande sei.