Sie sehen nicht, daß die eiserne Falltür, die hinab zur Gruft führt, offensteht, nur von einer Holzspreize gestützt, – sehen das gähnende viereckige Loch im Boden nicht, fühlen den eiskalten Hauch nicht, der aus dem Totengewölbe dringt; sie verschlingen sich mit den Blicken wie Raubtiere; Sabine will reden, – bringt nur ein lechzendes Lallen hervor; Leonhard reißt ihr die Kleider vom Leib, wirft sich über sie; keuchend verbeißen sie sich ineinander.
Im Sinnenrausch entschwindet ihnen das Verständnis für ihre Umgebung; schlürfende Schritte tasten die steinernen Stufen aus der Gruft herauf, sie hören es deutlich, aber es bleibt für ihr Bewußtsein dessen, was vorgeht, belanglos wie Rascheln von Laub.
Hände tauchen aus dem Schacht, suchen einen Halt an den Rändern der Quadern, ziehen sich empor.
Langsam wächst eine Gestalt aus dem Boden; Sabine sieht es mit halbgeschlossenen Lidern, wie hinter roten Schleiern; plötzlich durchzuckt sie die jähe Erkenntnis der Lage, sie stößt einen gellenden Schrei aus: – es ist die grauenhafte Alte, dieses furchtbare Überall und Nirgends, die da aus der Erde steigt.
Entsetzt springt Leonhard auf, starrt einen Moment wie gelähmt in das hämisch verzerrte Gesicht seiner Mutter, dann bricht eine schäumende wahnwitzige Wut in ihm los; mit einem Fußtritt schleudert er die Holzspreize fort: die Falltür saust hernieder, trifft krachend den Schädel der Alten und schmettert sie in die Tiefe, daß man hört, wie ihr Körper dumpf unten aufschlägt. –
Unfähig, ein Glied zu rühren, stehen die beiden mit aufgerissenen Augen und stieren sich wortlos an. Die Beine schlottern ihnen unter dem Leib.
Langsam kauert sich Sabine nieder, um nicht umzufallen, verbirgt stöhnend das Gesicht in den Händen; Leonhard schleppt sich zum Betstuhl. Laut schlagen seine Zähne zusammen.
Minuten vergehen. Keines wagt sich zu bewegen, ihre Blicke weichen einander aus; dann, von demselben Gedanken gepeitscht, stürzen sie zur Tür ins Freie, zurück ins Haus wie von Furien gehetzt.
Das Abendrot verwandelt das Wasser im Brunnen in eine Blutlache, die Fenster des Schlosses glühen in lohenden Flammen, die Schatten der Bäume wachsen zu langen dünnen schwarzen Armen, die sich mit Zoll um Zoll vorwärts schleichenden Fingern über den Rasen tasten, das letzte Zirpen der Grillen zu ersticken. Der Glanz der Luft wird stumpf unter dem Atem der Dämmerung. Dunkelblaue Nacht zieht auf.