Wenn er es hie und da versucht, sie anzureden, schneidet sie nur höhnische Grimassen, daß ihm das Wort im Munde quillt und er sich vorkommt wie ein Verbrecher, dem die Verworfenheit wie ein Brandmal auf der Stirne geschrieben steht; die dumpfe Furcht, daß sie seine geheimsten Gedanken lesen könne und wie es mit ihm und Sabine bestellt sei, wird zur schreckhaften Gewißheit, wenn ihr stechender Blick auf ihm ruht; beim leisesten Geräusch, das er hört, bemüht er sich krampfhaft ein unbefangenes Gesicht zu machen, – immer weniger gelingt es ihm, je mehr er sich dazu zwingt.

Heimliche Sehnsucht und Verliebtheit ineinander spinnen sich an zwischen Sabine und ihm. Sie stecken sich Briefchen zu, empfinden es als Todsünde; bald verdorren unter dem Pesthauch des immerwährenden Sichverfolgtfühlens alle zarteren Triebe, und eine unbändige tierische Brunst erfaßt sie. Sie stellen sich auf an Ecken, wo zwei Gänge sich kreuzen, so daß sie einander zwar nicht sehen, aber eines der beiden das Kommen der Gräfin bemerken muß und den anderen Teil warnen kann, – so sprechen sie mitsammen in der Angst, die kostbaren Minuten zu verlieren, ohne jede Umschreibung, nennen die Dinge unverblümt beim Namen, erhitzen gegenseitig ihr Blut immer mehr und mehr.

Aber der Raum um sie wird enger und enger. Als ob die Alte ahnt, was vorgeht, versperrt sie das zweite Stockwerk, dann das erste; nur das Erdgeschoß, wo das Gesinde aus- und eingeht, steht noch zur Verfügung; sich auf weitere Strecken vom Schloß zu entfernen, ist verboten, der Park bietet keine Schlupfwinkel weder bei Tag noch bei Nacht; erhellt ihn das Mondlicht; kann man ihre Gestalten von den Fenstern aus sehen, ist es dunkel, droht jeden Augenblick die Gefahr beschlichen zu werden.

Ihre Begierden wachsen ins Unbezähmbare, je mehr sie sie unterdrücken müssen; offen die Schranken zu durchbrechen, kommt ihnen nicht entfernt in den Sinn: die Zwangsvorstellung, wehrlos wie Sklaven unter einer fremden dämonischen Macht zu stehen, die über Leben und Tod gebieten kann, ist ihnen von Kindheit an zu tief eingeimpft, als daß sie auch nur den Versuch wagten, einander in Gegenwart seiner Mutter ins Gesicht zu sehen.


Ein glutheißer Sommer dorrt die Wiesen, der Erdboden klafft vor Trockenheit, abends flammt der Himmel im Wetterleuchten. Das Gras ist gelb, betäubt die Sinne mit schwülem Heugeruch, heiße Luft zittert um die Mauern; die Brunst der beiden erreicht ihren höchsten Grad, ihr ganzes Sinnen und Trachten richtet sich auf einen Punkt; wenn sie sich erblicken, können sie sich kaum halten, nicht übereinander herzufallen.

Eine schlaflose fiebrige Nacht mit wachen, wilden, begehrlichen Träumen. So oft sie die Augen öffnen, sehen sie Leonhards Mutter hereinspähen, hören ihr Schleichen an den Schwellen, – sie nehmen es wahr halb als Wirklichkeit, halb als ein Hirngespinst, kümmern sich kaum darum, können den kommenden Tag nicht erwarten, um sich endlich, koste es was es wolle, in der Kapelle zu treffen.

Den ganzen Morgen bleiben sie in ihren Zimmern und horchen mit stockendem Atem und bebenden Knien an den Türspalten auf Anzeichen, daß sich die Alte in entlegeneren Teilen des Schlosses befindet.

Stunde um Stunde vergeht in markversengender Qual, es schlägt Mittag: da – ein Geräusch wie von klirrenden Schlüsseln im Innern des Hauses, das ihnen Sicherheit vortäuscht; – sie stürzen hinaus in den Garten; die Pforte der Kapelle ist angelehnt, sie stoßen sie auf, schlagen sie hinter sich zu, daß sie knallend in den Riegel schnappt.