Meister Leonhard starrt hinein in ein neues Bild, das vorüberzieht wie ein Fiebertraum: die Kapelle, in der er sitzt, ist hell von Kerzenschein, ein Priester murmelt vor dem Altar, Geruch von welkenden Kränzen, ein offener Sarg, der Tote im weißen Rittermantel, die wachsgelben Hände auf der Brust gefaltet. Goldglanz blinkt um dunkle Heiligenbilder, schwarze Männer stehen im Halbkreis; betende Lippen, dumpfe kalte Erdluft dringt aus dem Boden, eine eiserne Falltür mit blankem Kreuz steht halb offen, ein gähnendes viereckiges Loch darunter führt in die Gruft hinab. Gedämpfter Gesang in lateinischer Sprache, Sonnenlicht hinter farbigem Glasfenster wirft grüne, blaue, blutrote Flecken auf schwebende Weihrauchschwaden, silbernes eindringliches Läuten von der Decke, die Hand des Geistlichen in spitzenbesetztem Ärmel schwingt den Weihwedel über dem Gesicht des Toten. – Plötzlich Bewegung ringsum, zwölf weiße Handschuhe werden flink, heben die Bahre vom Katafalk, schließen den Deckel, Seile straffen sich, der Sarg sinkt in die Tiefe; die Männer steigen die steinernen Stufen hinab, dumpfes Hallen aus dem Gewölbe, Sand knirscht, feierliche Stille. Lautlos tauchen ernste Gesichter empor aus der Gruft, die Falltür neigt sich, klappt ins Schloß, Staub wirbelt aus den Fugen, das blanke Kreuz liegt wagrecht. – Die Kerzen erlöschen, verglimmen; an ihrer Stelle flackern wieder die Kienspäne auf dem kleinen Herd, Altar und Heiligenbilder werden zur kahlen Wand. Erde bedeckt die Quadern, die Kränze zerfallen zu Moder, die Gestalt des Priesters zergeht in der Luft, Meister Leonhard ist wieder allein mit sich selbst.
Seit der alte Graf nicht mehr lebt, gärt es unter der Dienerschaft; die Leute weigern sich, den sinnlosen Befehlen zu gehorchen, einer nach dem andern schnürt sein Bündel und geht. Die wenigen, die übrigbleiben, sind trotzig und widerwillig, verrichten nur die nötigste Arbeit, kommen nicht, wenn man sie ruft.
Mit zusammengekniffenen Lippen rast Leonhards Mutter nach wie vor durch alle Stuben, aber der helfende Troß fehlt; wutfauchend rüttelt sie an den schweren Schränken, die sich nicht von der Stelle rühren unter ihren ungeschickten Griffen, die Kommoden sind wie angeschraubt, Schubladen spreizen sich, gehen nicht auf, nicht zu; was sie anfaßt, fällt ihr aus der Hand, niemand hebt es auf; tausend Dinge liegen umher, Gerümpel sammelt sich an, wächst zu unübersteiglichen Hindernissen – keiner, der Ordnung schafft. Die Bücherbretter rutschen von den Leisten, eine Lawine von Bänden verschüttet das Zimmer, macht es unmöglich zum Fenster zu gelangen, der Wind rüttelt daran, bis die Scheiben zerbrechen; der Regen ergießt sich in Strömen herein und bald überzieht Schimmel alles mit einer grauen Decke. Die Gräfin tobt wie eine Irrsinnige, hämmert mit den Fäusten gegen die Wände, schnappt nach Luft, kreischt, reißt in Fetzen, was sich zerreißen läßt. Der ohnmächtige Grimm, daß ihr niemand mehr gehorcht, – daß sie sogar ihren Sohn, der seit seinem Sturz noch am Stocke geht und nur mühselig humpelt, nicht als Diener verwenden kann, raubt ihr vollends den letzten Rest von Besinnung: oft redet sie stundenlang halblaut mit sich selbst, knirscht mit den Zähnen, schreit zornig auf, läuft wie ein wildes Tier durch die Gänge.
Aber allmählich geht eine seltsame Veränderung in ihr vor, ihre Züge werden hexenhaft, die Augen bekommen einen grünlichen Schimmer, sie scheint Phantome zu sehen, horcht plötzlich mit offenem Mund in die Luft wie auf Worte, die ihr jemand zuflüstert, frägt: was, was, was, was soll ich?
Der Dämon in ihr wirft nach und nach die Maske ab, ihr planloser Tätigkeitsdrang macht einer bewußten berechnenden Bosheit Platz. Sie läßt die Gegenstände in Ruhe, rührt nichts an; Schmutz und Staub sammelt sich überall an, die Spiegel erblinden, Unkraut wuchert im Garten, kein Ding ist mehr am richtigen Ort, die notwendigsten Geräte sind unauffindbar; das Gesinde macht sich erbötig, den ärgsten Wirrwarr zu beseitigen, sie verbietet es mit barschen Worten, – es ist ihr recht, daß alles drunter und drüber geht, die Ziegel vom Dache fallen, das Holzwerk verfault, die Leinwand verstockt, – mit hämischer Schadenfreude sieht sie, daß eine neue Art Qual an Stelle der alten lebenvergällenden Ruhelosigkeit tritt, ein Verzweiflung erzeugendes Unbehagen ihre Umgebung befällt; sie spricht mit niemand eine Silbe mehr, gibt keine Befehle, aber alles, was sie tut, geschieht mit der tückischen Absicht, die Dienerschaft beständig in Schrecken und Aufregung zu versetzen. Sie spielt die Wahnsinnige, schleicht sich nachts in die Schlafkammern der Mägde, wirft Krüge krachend zu Boden, lacht schrill auf. Absperren nützt nichts: sie zieht sämtliche Schlüssel im Hause ab; – es gibt keine einzige Tür mehr, die sie nicht mit einem Ruck aufreißen kann. Sie nimmt sich nicht die Zeit, sich zu kämmen, die Haare hängen ihr wirr um die Schläfen, sie ißt im Gehen, legt sich nicht mehr schlafen. Halb angezogen, damit das Rascheln der Kleider ihr Kommen nicht verrät, huscht sie auf leisen Filzschuhen, um wie ein Gespenst da und dort aufzutauchen, durchs Schloß.
Selbst in der Nähe der Kapelle geistert sie bei Mondschein umher. Niemand traut sich mehr hin; das Gerede entsteht, daß der Tote dort spukt.
Nie läßt sie sich irgendwelche Hilfe leisten, was sie braucht, holt sie sich selber; sie weiß genau, daß ihr stummes blitzartiges Erscheinen mehr Furcht unter dem abergläubischen Gesinde erzeugt, als wenn sie herrisch auftritt; die Leute verständigen sich nur noch im Flüsterton, keiner wagt ein lautes Wort, alles ist vom bösen Gewissen befallen, trotzdem nicht der geringste Grund dazu vorliegt.
Auf ihren Sohn hat sie es besonders abgesehen; heimtückisch benützt sie bei jeder Gelegenheit ihr natürliches Übergewicht als Mutter, das Gefühl der Abhängigkeit in ihm zu vertiefen, schürt seine nervöse Angst, sich nie unbeobachtet zu wissen, zur Wahnvorstellung beständigen Ertapptwerdens, bis es wie der Alpdruck ewigen Schuldbewußtseins auf ihm lastet.