Der Mund klappt auf.

Bleibt offen stehen.

»Vater!« schreit Leonhard auf; endlich ist das Wort da, aber der, dem es gilt, rührt sich nicht mehr.

Tumult entsteht auf den Treppen; schreiende Stimmen, hallende laufende Schritte auf den Gängen, der Hund schlägt an, heult dazwischen. Leonhard achtet nicht darauf, er sieht und fühlt nur die furchtbare Ruhe auf dem starren leblosen Gesicht; sie erfüllt das Zimmer, strahlt auf ihn über, hüllt ihn ein. Ein betäubendes Gefühl von Glück, das er nicht kennt, legt die Hand über sein Herz, ein Empfinden einer unbeweglichen Gegenwart, die jenseits von Vergangenheit und Zukunft steht, – ein stummes Frohlocken, daß eine Kraft ringsum schwingt, in die man sich flüchten kann vor der wirbelnden Unruhe im Haus wie in eine Wolke, die unsichtbar macht.

Die Luft ist voll Glanz.

Leonhard stürzen die Tränen aus den Augen. – –

Ein prasselndes Geräusch, wie die Türe aufspringt, macht ihn zusammenfahren, seine Mutter eilt herein, – »es ist keine Zeit zum Weinen jetzt; siehst doch, ’s gibt alle Hände voll zu tun«, trifft es ihn mit Peitschenhieb; Befehle schwirren, einer hebt den andern auf, die Mägde schluchzen, man jagt sie hinaus, in fliegender Hast schleppen die Diener die Möbel auf den Gang, Glasscheiben klirren, Arzneiflaschen zerbrechen, man soll den Doktor holen, nein: den Geistlichen, halt halt, nicht den Geistlichen: den Totengräber, er soll die Schaufel nicht vergessen, einen Sarg bringen, Nägel zum Zunageln, die Schloßkapelle aufsperren, die Gruft herrichten jetzt gleich, auf der Stelle, wo die brennenden Kerzen bleiben und warum niemand die Leiche aufbahrt! – muß man denn alles zehnmal sagen!?

Mit Schaudern sieht Leonhard, wie der tolle Hexentanz des Lebens sogar vor der Majestät des Todes nicht haltmacht und Schritt für Schritt einen scheußlichen Sieg gewinnt, – fühlt, daß der Frieden in seiner Brust zergeht wie ein Hauch.

Sklavisch gehorsame Hände greifen schon nach dem Rollstuhl mit dem Verstorbenen darin, um ihn fortzutragen; er will dazwischen springen, den Toten schützen, breitet die Arme aus, – sie fallen ihm kraftlos herab. Er beißt die Zähne zusammen und zwingt sich, die Augen seiner Mutter zu suchen, ob denn keine Spur von Leid oder Trauer in ihnen zu lesen ist: keine Sekunde ist ihr unsteter, ruheloser Affenblick zu fassen, schweift von Winkel zu Winkel, auf und nieder, von der Decke zur Wand, vom Fenster zur Tür in wahnwitziger schmeißfliegenhafter Eile und verrät ein Geschöpf ohne Seele, – eine Besessene, an der Schmerz und Empfindung abprallen wie Pfeile von einer wirbelnden Scheibe, ein scheußliches Rieseninsekt in Weibsgestalt, das den Fluch ziel- und zweckloser Arbeit auf Erden verkörpert. Lähmender Schrecken durchzuckt Leonhard, er starrt sie an wie ein Wesen, das er zum erstenmal sieht, entsetzt sich vor ihr; sie hat nichts Menschliches mehr für ihn, ist ihm plötzlich ein urfremdes Geschöpf aus einer teuflischen Welt, halb Kobold, halb boshaftes Tier.

Das Gefühl, daß sie seine Mutter ist, läßt ihm das eigene Blut als etwas Feindseliges, das ihm Leib und Seele zerfrißt, empfinden, macht sein Haar sträuben, jagt ihm Furcht ein vor sich selbst, hetzt ihn hinaus, – nur fort, fort aus ihrer Nähe; er flieht in den Park, weiß nicht, was er will, wohin er soll, rennt gegen einen Baum, fällt rücklings zu Boden, verliert das Bewußtsein.