Eine neue unbestimmte Furcht, als stehe jemand Unsichtbarer hinter ihm und halte einen Dolch gezückt, drosselt ihn; er weiß: diesmal ist es nicht die spukhafte Nähe seiner Mutter, die ihm den Angstschweiß aus allen Poren treibt, – es sind die Schatten einer fernen Vergangenheit, die an die Briefe gebunden sind und darauf lauern, ihn in ihr Reich hinabzuziehen.

Er tritt ans Fenster, sieht hinaus: ringsum atemlose Totenstille, zwei große Sterne stehen dicht beisammen am südlichen Himmel, ihr Anblick ist ihm sonderbar fremd, wühlt ihn auf, er weiß nicht warum, – erweckt das Vorgefühl, daß etwas Riesenhaftes hereinbrechen will; wie zwei leuchtende Fingerspitzen ist es auf ihn gerichtet.

Er wendet sich zurück ins Zimmer, die Flammen der beiden Kerzen auf dem Tisch warten regungslos gleich drohenden Boten aus dem Jenseits; es ist, als komme ihr Schein von weither – von einem Ort, wohin keines Sterblichen Hand sie stellen kann; unmerklich schleicht sich die Stunde heran, leise, wie Asche fällt, wandern die Zeiger der Uhr.

Leonhard glaubt einen Schrei unten im Schloß zu hören; er horcht: alles liegt stumm.

Er liest die Briefe: das Leben seines Vaters entrollt sich vor ihm, der Kampf eines unbändigen Geistes, der sich bäumt gegen alles, was Gesetz heißt; ein Titan reckt sich vor ihm auf, der keine Ähnlichkeit hat mit dem gebrochenen Greis, den er als seinen Vater kennt, die Gestalt eines Menschen, der über Leichen geht, wenn es sein muß, und sich laut rühmt gleich all seinen Ahnen ein geweihter Ritter der echten Templer zu sein, die den Satan zum Schöpfer der Welt erheben und schon das Wort »Gnade« als unauslöschlichen Schimpf empfinden. Tagebuchblätter sind dazwischen, die die Qual einer verdurstenden Seele schildern und die Ohnmacht eines Geistes mit von den Mottenschwärmen des Alltags zerfressenen Schwingen andeuten: umzukehren auf einem Pfad, der hinabführt in Dunkelheit von Abgrund zu Abgrund, in Wahnsinn enden muß und jegliches »zurück« vereitelt.

Wie ein roter Faden zieht sich der stetig wiederkehrende Hinweis durch alles, daß es ein ganzes Geschlecht ist, das hier seit Jahrhunderten von Verbrechen zu Verbrechen gepeitscht wird, – vom Vater auf den Sohn das finstere Vermächtnis vererbt, nicht zur innern Ruhe gelangen zu können, da jedesmal ein Weib, sei es als Gattin, Mutter oder Tochter, bald als Opfer einer Blutschuld, bald als Urheberin selbst, den Weg zum geistigen Frieden durchkreuzt; – aber immer wieder leuchtet nach Stellen tiefster Verzweiflung wie ein unbesiegbarer Stern die Hoffnung auf: und doch und doch kommt einer aus unserem Stamm, der aufrecht stehenbleibt, dem Fluch ein Ende bereitet und die »Krone des Meisters« erringt.

Mit jagenden Pulsen überfliegt Leonhard Episoden voll glühender Leidenschaft seines Vaters zur – eigenen Schwester, die ihm enthüllen, daß er selbst die Frucht jener Verbindung ist, und nicht nur er: – auch Sabine!

Jetzt wird ihm klar, warum Sabine nicht weiß, wer ihre Eltern sind, – daß kein Zeichen ihre wahre Herkunft verrät. Er sieht die Vergangenheit lebendig werden und versteht: sein Vater selber ist es, der schützend vor ihn die Arme breitet, indem er Sabine als Bauernmädchen – als Leibeigene niedersten Ranges – erziehen läßt, damit sie beide, Sohn und Tochter, – für immer frei bleiben sollen vom Bewußtsein der Schuld an einer Blutschande selbst für den Fall, daß der Fluch der Eltern bei ihnen wiederkehre und sie zusammenführt als Mann und Weib.

Wort für Wort geht es aus einem angsterfüllten Brief seines Vaters, der fern in einer fremden Stadt daniederliegt, an die Mutter hervor, in dem er sie beschwört, nichts zu unterlassen, um künftiger Entdeckung vorzubeugen, und auch den Brief sofort zu verbrennen.

Erschüttert wendet Leonhard die Augen ab; wie ein Magnet zieht es ihn weiter zu lesen, – er ahnt, daß da noch Dinge stehen, die dem Geschehnis in der Kapelle auf ein Haar ähnlich sehen, ihn an die äußerste Grenze des Entsetzens treiben müssen, wenn er sie erfährt, – mit einem Schlage, schreckhaft deutlich, wie wenn der Blitz die Finsternis zerreißt, wird ihm die tückische Kampfesweise einer riesenhaften dämonischen Macht offenbar, dahinter der Maske blinden unbarmherzigen Schicksals verborgen, sein Leben planmäßig zerquetschen will: ein vergifteter Pfeil nach dem andern soll aus unsichtbarem Versteck sein Inneres treffen, bis er unrettbar dahinsiecht, die letzten Fasern von Selbstvertrauen seiner Seele verdorren und er dem gleichen Schicksal wie seine Vorfahren anheimfällt: ohnmächtig und wehrlos zusammenzubrechen; – etwas Tigerhaftes schnellt plötzlich in ihm auf, er hält den Brief in die Flammen der Kerze, bis der letzte glimmende Zunder seine Finger versengt, – ein wilder unversöhnlicher Grimm gegen das satanische Ungeheuer, in dessen Hände das Wohl und Wehe der Wesen gelegt ist, verbrennt ihn bis ins Mark, er hört den tausendfachen Racheschrei vergangener, unter den Fängen des Schicksals jammervoll verendeter Geschlechter in seinen Ohren gellen, jeder Nerv in ihm wird zur geballten Faust – seine Seele ist ein einziges Waffengeklirr.