Er fühlt, daß er etwas Unerhörtes, Himmel und Erde Erschütterndes vollbringen muß, daß das unabsehbare Heer der Toten hinter ihm steht, mit Myriaden Augen auf ihn starrt, nur eines Winkes seiner Hand gewärtig: hinter ihm, dem Lebenden, dem einzigen, der sie in die Schlacht führen kann – drein sich auf den gemeinsamen Feind zu stürzen.
Taumelnd unter dem Anprall eines Meeres von Kraft, das auf ihn einstürmt, steht er auf, blickt um sich: was, was, was soll er zuerst tun: Feuer an das Haus legen, sich selbst zerfleischen, mit einem Messer in der Hand hinunterlaufen und alles niedermachen, was ihm zu Gesicht kommt?
Eines dünkt ihm zwergenhafter als das andere; das Bewußtsein der eigenen Winzigkeit rüttelt an ihm, er bäumt sich dagegen in jugendlichem Trotz, fühlt ein spöttisches Grinsen ringsum im Raum, das ihn wieder aufstachelte.
Er versuchts mit Besonnenheit, lügt sich hinein in die Gebärde des alles erwägenden Feldherrn, geht zu der Truhe neben dem Schlafzimmer, füllt seine Taschen mit Gold und Juwelen, nimmt Mantel und Hut, schreitet stolz ohne Abschied hinaus in den nächtlichen Nebel, die Brust voll verworrener kindischer Pläne: ohne Ziel durch die Welt zu wandern und dem Herrn des Schicksals ins Antlitz zu schlagen.
Das Schloß verschwindet im weißlich schillernden Dunst hinter ihm. Er will der Kapelle ausweichen, muß dennoch an ihr vorbei, der Bannkreis seiner Geschlechter läßt ihn nicht entrinnen, – – er ahnt es, fühlt es, zwingt sich, immerwährend geradeaus zu gehen, stundenlang, aber die Schemen der Erinnerung halten gleichen Schritt mit ihm. Schwarzes Gebüsch reckt sich hier und dort, gleicht der mörderischen aufklaffenden Falltür; die Unruhe um Sabine quält ihn; er weiß, es ist das erdwärtsziehende fluchbringende Blut der Mutter in seinen Adern, das ihm die Flugkraft hemmen will, mehr und mehr das junge Feuer seiner Begeisterung mit grauer nüchterner Asche verschüttet, – er wehrt sich dagegen mit aller Kraft, tappt sich vorwärts von Baum zu Baum, bis er in der Ferne ein Licht erblickt, das in Mannshöhe über dem Boden schwebt. Er eilt darauf zu, verliert es aus den Augen, sieht es wieder aus dem Nebel blinken, näher und näher, ein lockender irrlichternder Schein; ein Weg lenkt seine Füße, windet sich nach links und rechts.
Ein leises kaum vernehmbares rätselhaftes Schreien zittert durch die Dunkelheit.
Dann wuchten hohe schwarze Mauern mitten drin in der Nacht, ein hohes offenes Tor und Leonhard erkennt – das eigene Haus:
Eine Wanderung durch den Nebel im Kreis umher.
Willenlos und gebrochen tritt er ein, drückt auf die Klinke zu Sabines Zimmer, da packt es ihn plötzlich eiskalt wie tödliche unbegreifliche Gewißheit, daß da drinnen seine Mutter steht, leibhaftig, von Fleisch und Bein, ein lebendig gewordener Leichnam, und auf ihn wartet.
Er will umkehren, zurückfliehen in die Finsternis, er kann nicht: eine unwiderstehliche Macht zwingt ihn die Türe aufzustoßen.