Auf dem Bette liegt Sabine, verblutet, mit geschlossenen Lidern, weiß wie das Linnen, und vor ihr nackt ein neugeborenes Kind, ein Mädchen, mit faltigem Gesicht, leerem, unruhigem Blick, auf der Stirne ein rotes Mal: – Zug um Zug das grauenhafte Ebenbild der Erschlagenen aus der Kapelle.


Meister Leonhard sieht einen Mann hinjagen über die Erde mit von Dornen zerfetzten Kleidern: sich selbst, wie ihn grenzenloses Entsetzen, des Schicksals ureigene Faust, fortpeitscht von Haus und Hof, – nicht mehr der selbstgefällige Wunsch, Großes zu vollbringen. –

Die Hand der Zeit baut Stadt hinter Stadt hinein in seinen Geist, düstere und helle, große, kleine, freche und furchtsame, ohne Wahl, zerbröckelt sie wieder, malt Flüsse hin wie gleißende silberne Schlangen, graue Einöden, ein Harlekinkleid aus Äckern und Feldern gewürfelt braun, violett und grün, Landstraßen voll Staub, spitzige Pappeln, dunstige Wiesen, weidendes Vieh und wedelnde Hunde, Heilande an Kreuzwegen, weiße Meilensteine, Menschen, junge und alte, Regenschauer, Tropfenglitzern, goldene Froschaugen in Grabenpfützen, Hufeisen mit rostigen Nägeln, einbeinige Störche, Zäune aus splittriger Rinde, gelbe Blumen, Friedhöfe und wattige Wolken, Höhendampf und Essenlohe: sie kommen und gehen wie Nacht und Tag, sinken hinab in Vergessenheit und sind wieder da wie versteckenspielende Kinder, wenn ein Duft, ein Schall, ein leises Wort sie ruft.

Länder, Burgen und Schlösser wandern an Leonhard vorüber, nehmen ihn auf, man kennt den Namen seines Geschlechtes, kommt ihm mit Freundschaft und Feindschaft entgegen.

Er spricht mit dem Volk in den Dörfern, mit Landstreichern, Gelehrten, Krämern, Soldaten und Priestern, das Blut seiner Mutter kämpft in ihm mit dem Blut seines Vaters: – was ihn heute mit staunendem Grübeln erfüllt und wie aus tausend Scherben zerbrochenen Glases einen Pfauenschweif von bunten Farben spiegelt, scheint ihm morgen blind und grau, je nachdem Mutter oder Vater den Sieg erringen, – dann wieder brüten die langen furchtbaren Stunden, wo die beiden Lebensströme sich vermischen und er sein altes Ich wieder anhat, die Schrecknisse der Erinnerung aus, und er setzt blind, stumm und taub Schritt vor Schritt, umhüllt von den Schwaden der Vergangenheit, – sieht zwischen Augapfel und Lid das Greisengesicht des kleinen Kindes, die leblosen lauernden Kerzenflammen, die beiden Sterne, die dicht beisammen am Himmel stehen, den Brief, das mürrische Schloß mit den zermürbenden Qualen, die tote Sabine und ihre schneeweißen Leichenhände, hört das Lallen seines sterbenden Vaters, das Rauschen des seidenen Kleides, das Krachen des berstenden Schädels.

Dann faßt es ihn zuweilen an wie Furcht, abermals im Kreis zu gehen, – jeder Wald in der Ferne droht sich in den bekannten Park zu formen, jede Mauer: das eigene Haus zu werden, die Gesichter, die ihm entgegenkommen, wollen den Mägden und Dienern seiner Jugend ähnlicher und ähnlicher sein; – er flüchtet sich in Kirchen, nächtet im Freien, zieht hinter plärrenden Prozessionen her, betrinkt sich in Schenken mit Dirnen und Strolchen, um sich vor den spähenden Augen des Schicksals zu verbergen, daß es ihn nicht wiederum fange. Er will Mönch werden: der Abt des Klosters entsetzt sich, als er seine Beichte hört und den Namen seines Stammes erfährt, auf dem der Bannfluch der alten Tempelritter lastet; er stürzt sich kopfüber ins brausende Leben, es speit ihn wieder aus; er sucht den Teufel: das Böse ist allgegenwärtig, dennoch kann er den Urheber nicht finden; er sucht ihn im eigenen Selbst, und schon ist dieses Selbst nicht mehr vorhanden, – er weiß: es muß da sein, er fühlt es doch jede Sekunde, trotzdem ist es augenblicklich fort, sowie er es sucht, ist jeden Tag ein anderes, ein Regenbogen, der auf der Erde steht und beständig zurückweicht, in der Luft zerfließt, wenn er danach greifen will.

Wohin er blickt, hinter allem sieht er verborgen das Kreuz des Satans aus vier laufenden Menschenbeinen gebildet: überall ein sinnloses Zeugen und Gebären, ein sinnloses Wachsen, ein sinnloses Sterben; er fühlt, daß der Schoß, aus dem das Leiden entspringt, dieses ewig sich drehende Windrad ist, aber die Achse, um die es kreist, bleibt ihm unfaßbar wie ein mathematischer Punkt.

Ein Bettelmönch zieht des Weges, er schließt sich ihm an, betet, fastet, kasteit sich wie er, die Jahre fallen wie die Perlen eines Rosenkranzes: nichts ändert sich, nicht innerlich, nicht äußerlich, nur die Sonne scheint trüber.

Wie früher wird den Armen das Letzte genommen und den Reichen wird doppelt gegeben; je inbrünstiger er fleht um »Brot«: um so härter die Steine, die der Tag ihm reicht, – die Himmel bleiben hart wie blauer Stahl.