Der alte unbändige Haß gegen den heimlichen Feind der Menschen, der die Geschicke verhängt, bricht wieder auf in ihm.

Er hört den Mönch predigen von Gerechtigkeit und den Höllenqualen der ewig Verdammten: es klingt ihm wie teuflischer Hahnenschrei, – er hört ihn eifern gegen den verruchten Templerorden, der auf Scheiterhaufen tausendmal verbrannt, immer wieder sein Haupt erhebe, nicht sterben könne und im geheimen, über die ganze Erde verbreitet, unvertilgbar weiter bestehe.

Es ist das erstemal, daß er Genaueres über den Glauben der Templer erfährt: – daß sie zwei Götter haben, einen obern, der fern von den Wesen steht, und einen untern: den Satan, der stündlich die Welt neu erschafft und sie mit Greueln erfüllt, gräßlicher von Tag zu Tag, bis sie endlich völlig im eigenen Blute erstickt, – daß über diesen beiden Göttern ein dritter stehe – der Baphomet, – ein Götzenbild mit goldnem Kopf und drei Gesichtern.

Die Worte sengen sich in ihn ein, als sei es der Mund des Feuers selbst, der sie ausspricht.

Er kann nicht in die Tiefen dringen, über denen sich ihr Sinn ausspannt wie ein schwankender Teppich aus Sumpfmoos, aber er fühlt mit unabweisbarer Gewißheit, daß dieser Weg für ihn der einzige ist, auf dem er sich selbst entrinnen kann: der Orden der Templer reckt den Arm nach ihm – die Erbschaft der Vorfahren, der kein Mensch entgehen kann.

Er verläßt den Mönch.

Wieder sind die Scharen der Toten rings um ihn, rufen ihm einen Namen zu, bis seine Lippen ihn wiederholen und er ihn allmählich – Silbe für Silbe – versteht, wie sein Mund ihn ausspricht, – es ist, als wachse er gleich einem Baum Zweig um Zweig aus seinem Herzen hervor, – ein Name, ihm vollkommen fremd und doch mit seinem ganzen Dasein verwachsen, ein Name mit Purpur und Krone, den er beständig vor sich hinflüstern muß, nicht mehr loswerden kann, dessen Rhythmus Ja–cob–de–Vi–tri–a–co er im Takt empfindet, wie seine Füße beim Gehen den Boden berühren.

Nach und nach wird ihm der Name ein gespenstischer Führer, der vor ihm hergeht, heute als sagenhafter Hochmeister der Ritter vom Tempel, morgen als gestaltlose innere Stimme.

Wie ein in die Luft geworfener Stein seine Bahn ändert und mit wachsender Schnelle zur Erde strebt, bedeutet der Name für Leonhard plötzlich einen Wendepunkt in seinen Wünschen und ein übermächtiger unerklärlicher Trieb, nichts mehr zu wollen, als den Träger dieses Namens zu finden, verschlingt nach und nach sein ganzes Sinnen und Trachten.

Manchmal will er schwören, daß der Name ihm vollkommen neu ist, dann wieder erinnert er sich scharf, daß er in einem Buch seines Vaters steht an der und der Stelle als Oberhaupt des Ordens verzeichnet; vergeblich sagt er sich vor, daß es zwecklos ist, nach diesem Hochmeister Vitriaco auf Erden zu forschen, daß er einem vergangenen Jahrhundert angehört und seine Gebeine längst im Grabe modern müssen; aber der Verstand hat keine Macht mehr über den Durst des Suchens: das Radkreuz mit den vier laufenden Beinen rollt vor ihm her, unsichtbar, zieht ihn hinter sich drein.