Die Spiele während des Tages im Garten entspringen nicht jugendlicher Lust, die Mutter ordnet sie an ohne Verständnis, wie alles, was sie tut, um sie in der nächsten Minute zu unterbrechen; ein längeres Beharren bei einer Sache erscheint ihr als Stillstand, gegen den sie glaubt ankämpfen zu müssen wie gegen den Tod. Das Kind traut sich nicht vom Schlosse weg, bleibt immer in Hörweite, es fühlt: es gibt kein Entrinnen, ein Schritt zu weit und schon fällt ein lautes Wort aus den offenen Fenstern herab und hemmt den Fuß.

Die kleine Sabine, ein Bauernmädchen, das unten beim Gesinde wohnt und ein Jahr jünger ist als er, sieht Leonhard nur von weitem, und gelingt es ihnen, einmal für kurze Minuten zusammenzukommen, reden sie in hastigen abgerissenen Sätzen, so wie Leute, die von sich begegnenden Schiffen einander eilige Worte zurufen.

Der alte Graf, Leonhards Vater, ist lahm auf beiden Füßen, er sitzt den ganzen Tag im Rollstuhl in seinem Bibliothekszimmer, stets im Begriffe zu lesen; aber auch hier ist keine Ruhe, stündlich wühlen die nervösen Hände der Mutter in den Büchern, stauben sie ab und schlagen sie mit den Deckeln aneinander, Merkzeichen flattern auf den Boden, Bände, die heute hier stehen, stehen morgen hoch oben auf den Borden oder türmen sich zu Bergen, wenn plötzlich die Tapeten hinter den Gestellen mit Brot oder Bürsten abgerieben werden sollen. Und ist die Gräfin für eine Zeit in den andern Räumen des Schlosses, so steigert sich nur die Qual des geistigen Wirrwarrs durch das nagende Gefühl der Erwartung, daß sie jeden Augenblick unversehens zurückkommen kann.

Abends, wenn die Kerzen brennen, schleicht sich der kleine Leonhard zu seinem Vater, um ihm Gesellschaft zu leisten, aber es kommt zu keinem Gespräch; wie eine Glaswand, durch die hindurch eine Verständigung unmöglich ist, steht es zwischen ihnen; zuweilen öffnet der Alte, als fasse er gewaltsam den Entschluß, seinem Kinde etwas Wichtiges, Einschneidendes zu sagen, mit einem erregten Vorneigen des Gesichtes den Mund, aber immer bleiben ihm die Worte in der Kehle stecken, er schließt die Lippen wieder, fährt nur stumm und zärtlich mit der Hand über die glühheiße Stirne des Knaben, aber seine Blicke flackern dabei zur Türe hin, die jeden Augenblick eine Störung bringen kann.

Dumpf ahnt das Kind, was in der alten Brust vorgeht: daß es Übervollsein des Herzens und nicht Leere ist, die die Zunge seines Vaters stumm macht, und wieder steigt ihm der Haß gegen die Mutter bitter zum Halse hinauf, die es in Gedanken mit den tiefen Furchen und dem verstörten Ausdruck des Greisengesichtes in den Kissen des Rollstuhls in unklare Verbindung bringt; ein leiser Wunsch, man möge eines Morgens die Mutter tot im Bette finden, wird in ihm wach, und zu der Folter beständiger innerer Unruhe treten die Qualen eines höllischen Wartens, – es belauert im Spiegel ihre Züge, ob sich keine Spur von Krankheit in ihnen zeigt, beobachtet ihren Gang voll Hoffnung, die Zeichen beginnender Müdigkeit zu entdecken. Aber eine unerschütterliche Gesundheit belebt die Frau, sie kennt kein Schwachsein, scheint immer neue Kraft zu bekommen, je mehr die Menschen in ihrer Nähe siech und schlaff werden.

Von Sabine und der Dienerschaft erfährt Leonhard, daß sein Vater ein Philosoph ist, ein Weiser, und daß in den vielen Büchern lauter Weisheit steht, und er faßt den kindlichen Entschluß, die Weisheit zu erringen, – vielleicht fällt dann die unsichtbare Schranke, die ihn von seinem Vater trennt, und die Furchen werden wieder glatt, das gramvolle Greisengesicht wieder jung.

Aber niemand kann ihm sagen, was Weisheit ist, und die pathetischen Worte des Geistlichen, an den er sich wendet: »die Furcht des Herrn, das ist Weisheit«, machen ihn vollends verwirrt.

Daß es die Mutter nicht weiß, steht felsenfest bei ihm, und langsam dämmert ihm daraus die Erkenntnis, daß alles, was sie tut und denkt, das Gegenteil von Weisheit sein muß.

Er faßt sich ein Herz und fragt seinen Vater, als sie einen Augenblick allein sind, was Weisheit ist, – unvermittelt, abgerissen, wie ein Mensch, der einen Hilferuf ausstößt; er sieht, wie die Muskeln in dem bartlosen Gesicht seines Vaters arbeiten vor Anstrengung die richtigen Worte zu finden, die einem wißbegierigen Kindesverstand angepaßt sind, – ihm selbst zerspringt der Kopf fast vor krampfhaftem Bemühen, den Sinn der Rede zu begreifen.

Er fühlt genau, warum die Sätze so hastig und abgebrochen aus dem zahnlosen Munde kommen, – daß es wieder die Angst vor Störung durch die Mutter ist, die Scheu, daß heilige Samenkörner entweiht werden könnten, wenn sie der zersetzende nüchterne Hauch trifft, den seine Mutter ausströmt, – daß sie zum Giftkraut werden können, falls er sie mißversteht.