All seine Mühe, zu erfassen, ist umsonst, schon hört er laute eilige Schritte draußen auf dem Gang, die schrillen abgehackten Befehle und das entsetzliche Rascheln des schwarzen, seidenen Kleides. Die Worte seines Vaters werden schneller und schneller, er will sie auffangen, um sie sich zu merken und später darüber nachzudenken, hascht nach ihnen, wie nach schwirrenden Messern, – sie entgleiten ihm, lassen blutende Schnittwunden zurück.

Die atemlosen Sätze: »schon die Sehnsucht nach Weisheit ist Weisheit«, – »ringe nach einem festen Punkt in dir, dem die Außenwelt nichts anhaben kann, mein Kind«, – »sieh alles, was geschieht, wie ein gemaltes lebloses Bild an und laß dich davon nicht berühren« – bohren sich in sein Herz ein, aber sie haben eine Maske vor dem Gesicht, die er nicht zu durchdringen vermag.

Er will weiter fragen, die Tür springt auf, ein letztes Wort: »laß die Zeit an dir ablaufen wie Wasser« weht an seinem Ohr vorüber, die Gräfin rast herein, ein Kübel fällt über die Schwelle, schmutzige Flut ergießt sich über die Fliesen. »Steh nicht im Weg! Mach’ dich nützlich!« gellt es ihm nach, wie er voll Verzweiflung die Treppen hinunterläuft in sein Zimmer. – – – – – – – – – – –

Das Bild der Kindheit erlischt, und Meister Leonhard sieht wieder den weißen Forst im Mondschein vor seinem Kapellenfenster, – nicht schärfer und nicht schwächer als die Szenen aus seiner Jugend: Vor seinem starren kristallenen Geist ist Wirklichkeit und Erinnerung gleich leblos und gleich lebendig.

Ein Fuchs trabt vorüber, langgestreckt, ohne Laut; der Schnee staubt glitzrig auf, wo sein buschiger Schweif den Boden streift, die Augen leuchten grün aus dem Dunkel der Stämme, verschwinden im Dickicht.

Hagere Gestalten in ärmlicher Kleidung, Gesichter, ausdrucksarm und nichtssagend, verschieden durch das Alter und doch einander so seltsam ähnlich, erstehen vor Meister Leonhard; er hört ihre Namen flüsternd im Ohr, gleichgültige alltägliche Namen, die kaum ein Mittel sind, ihre Träger zu unterscheiden. Er erkennt sie wieder als seine Hauslehrer, die kommen und nach einem Monat gehen, – nie ist seine Mutter mit ihnen zufrieden, entläßt einen nach dem andern, weiß keinen Grund dafür und sucht auch keinen; wenn sie nur da sind und gleich wieder fort wie Blasen in brodelndem Wasser. Leonhard ist ein Jüngling mit keimendem Flaum auf der Lippe und bereits so groß wie seine Mutter. Wenn er ihr gegenübersteht, sind seine Augen auf gleicher Höhe wie die ihrigen, aber immer muß er wegschauen, wagt den Versuch nicht, zu dem es ihn beständig reizt und stachelt: ihren leeren fahrigen Blick zu bannen und den tödlichen Haß hineinzusengen, den er gegen sie empfindet; jedesmal würgt er es herunter, fühlt, daß der Speichel in seinem Munde bitter wie Galle wird und sein Blut vergiftet.

Er sucht und scharrt in seinem Innern und kann doch die Ursache nicht finden, die ihn so ohnmächtig macht gegen diese Frau mit ihrem unsteten fledermaushaften Zickzackflug.

Ein Chaos von Begriffen dreht sich in seinem Kopf wie ein rasendes Rad, jeder Herzschlag schwemmt neues Trümmerwerk halbfertiger Gedanken in sein Hirn und schwemmt es wieder weg.

Pläne, die keine sind, Ideen, die sich selbst widerlegen, Wünsche ohne Ziel, blinde heißhungrige Begierden, sich drängend und aneinander zerschellend, tauchen empor aus den Wirbeln der Tiefe, die sie sofort wieder einsaugt; Schreie ersticken in der Brust und können nicht an die Oberfläche.

Eine wilde heulende Verzweiflung ergreift Besitz von Leonhard, steigert sich von Tag zu Tag; in jedem Winkel erscheint ihm gespenstig das verhaßte Gesicht seiner Mutter; aus den Büchern, wenn er sie aufschlägt, springt es ihm schreckhaft entgegen; er traut sich nicht umzublättern aus Angst, es von neuem zu sehen, wagt nicht sich umzudrehen, daß es nicht leibhaftig hinter ihm stehe: jeder Schatten gerinnt in die gefürchteten Züge, der eigene Atem rauscht wie das schwarze seidene Kleid.