Der Impresario, der das lange Schweigen des Gelehrten als Unentschlossenheit deutete, fing an, seine ganze Überredungskunst aufzubieten: »Herr Doktor! So hören Sie doch! Sie treten ja Ihr Glück mit Füßen, wenn Sie ‘nein’ sagen! Ihr ganzes Leben war bisher verfehlt. Und warum? Sie haben Ihren Verstand vollgepfropft mit lauter Lernen. Lernen ist doch Blödsinn. Schauen Sie mich an: hab’ ich vielleicht was gelernt? Das Lernen können sich Leute leisten, die wo von Haus aus schon reich sind – und die haben’s dann eigentlich erst recht net nötig. – Der Mensch muß demütig sein und – dumm, sozusagen, dann hat ihn die Natur gern. Die Natur ist doch auch dumm. Haben Sie schon einmal g’sehn, daß ein dummer Mensch zugrund’ ’gangen is? – Sie hätten von Anfang an die Talente dankbar entwickeln sollen, die Ihnen das Schicksal als Geschenk in die Wiege gelegt hat. Oder haben Sie sich ’leicht noch nie in den Spiegel geschaut? Wer so aussieht wie Sie, selbst jetzt, wo Sie noch kein Ambraser Trinkwasser eing’nommen haben, hätt’ sich schon längst als Clown eine solide Existenz gründen können, – Gott, die Fingerzeige der gütigen Mutter Natur sind doch so blitzeinfach zu verstehen. Oder fürchten Sie sich ’leicht, als Monstrosität keine Ansprache zu haben? Ich kann Ihnen nur sagen, ich hab’ schon ein stattliches Angsambel beisammen. Und lauter Leute aus den besten Kreisen. – Da hab’ ich zum Beispiel einen alten Herrn, der wo ohne Arme und Beine geboren worden ist. Den führ’ ich demnächst Ihrer Majestät der Königin von Italien als belgischen Säugling vor, den die deutschen Generäle verstümmelt haben.«
Dr. Paupersum hatte nur die letzten Worte klar erfaßt. »Was reden Sie da für Zeug zusammen?« fuhr er unwirsch auf. »Erst sagen Sie, der Krüppel sei ein alter Herr, und dann wollen Sie ihn als belgischen Säugling vorstellen!«
»Das erhöht doch gerade den Reiz!« widersprach der Impresario; »ich behaupte ganz einfach, er sei so rapid gealtert – aus Gram, weil er hat zuschauen müssen, wie ein preußischer Ulan seine Mutter bei lebendigem Leib aufgefressen hat.«
Der Gelehrte wurde unsicher; die Schlagfertigkeit des andern war zu verblüffend. »Na gut, meinetwegen. Aber sagen Sie mir vor allem: Wie gedenken Sie mich zur Schau zu stellen, bis ich erst einen Rüssel habe, Füße wie ein Faßdeckel und so weiter?«
»Blitzeinfach! – Ich schmuggle Sie mit falschem Paß über die Schweiz nach Paris. Dort kommen Sie in einen Käfig, haben alle fünf Minuten zu brüllen wie ein Stier und dreimal täglich ein paar lebende Ringelnattern zu essen (die Sache kriegen wir schon, es hört sich nur ein bissel grausig an). Abends ist dann Galavorstellung: ein Turko zeigt, wie er Sie in den Urwäldern Berlins mit dem Lasso eingefangen hat. Und draußen auf einem Plakat steht: Dieses ist ein garantiert echter deutscher Professor (und das ist doch die Wahrheit; zu einem Schwindel gebe ich meine Hand nicht her), das erstemal lebend nach Frankreich gebracht! – und so weiter. Übrigens wird mein Freund d’Annunzio den Text gern verfassen, der findet den richtigen poetischen Schwung schon.«
»Was aber, wenn inzwischen der Krieg beendet ist?« gab der Gelegte zu bedenken, »wissen Sie, bei meinem Pech – – –«
Der Impresario lächelte: »Seien Sie unbesorgt, Herr Doktor; die Zeit, wo ein Franzose nicht alles glaubt, was gegen die Deutschen spricht, kommt nie. Auch in tausend Jahren nicht.« – –
War das ein Erdbeben gewesen? Nein, – nur der Pikkolo hatte seinen Nachtdienst im Café angetreten und als musikalisches Vorspiel ein Kredenzblech mit Wassergläsern heruntergeschmissen.