Dr. Paupersum blickte verstört umher. Die Göttin von »Über Land und Meer« war verschwunden und statt ihrer hockte ein alter unverbesserter Gewohnheits-Theaterkritiker auf dem Sofa, »verriß« im Geiste eine Premiere, die nächste Woche stattfinden sollte, tupfte mit nassem Zeigefinger ein paar Semmelbrösel vom Tisch, zernagte sie mit den Vorderzähnen und schnitt Iltisgesichter dazu.
Allmählich wurde sich Dr. Paupersum darüber klar, daß er selbst sonderbarerweise mit dem Rücken gegen das Lokal saß – vermutlich die ganze Zeit über so gesessen hatte – und alles, was er mit dem Auge erlebt, in dem großen Wandspiegel vor sich gesehen haben mußte, denn sein eigenes Gesicht starrte ihn jetzt nachdenklich an. – Der Weltmann war auch noch da, fraß auch wirklich kalten Lachs – mit dem Messer natürlich –, aber er saß ganz drüben im Winkel und nicht hier am Tisch.
»Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?« fragte sich der Gelehrte.
Er konnte sich nicht entsinnen.
Dann legte er sich langsam zurecht: Es kommt von dem ewigen Hungern, und wenn man andere Lachs essen sieht und Wein dazu trinken. Mein Ich hat sich eine Weile gespalten. Alte Sache das und ganz natürlich; in solchen Fällen sind wir mit einem Male wie Zuschauer im Theater und doch auch gleichzeitig die Darsteller unten auf der Bühne. Und die Rollen, die wir spielen, setzen sich zusammen aus dem, was wir einst gelesen und gehört und heimlich – gehofft haben. Ja, ja, die Hoffnung ist ein grausamer Dichter! Wir malen uns da Gespräche aus, die wir zu erleben glauben, sehen uns Gebärden machen, bis die Außenwelt fadenscheinig wird und unsere Umgebung zu anderen trügerischen Formen gerinnt. Selbst die Sätze, die in unserem Hirn geboren werden, denken wir nicht mehr wie sonst; sie sind mit Phrasen und Begleitbemerkungen umhüllt wie in einer Novelle. – Ein seltsames Ding, dieses »Ich«! Es fällt zuweilen auseinander wie ein Bündel Ruten, von dem man die Schnur löst ... – und wieder ertappte sich Dr. Paupersum dabei, daß seine Lippen murmelten: »Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?«
Plötzlich zerriß ein Jubelschrei in seinem Innern alles Grübeln: »Ich habe doch eine Mark gewonnen im Schachspiel. Eine ganze Mark! Jetzt ist ja alles gut; mein Kind kann wieder gesund werden. Rasch eine Flasche roten Wein, und Milch, und – – –.«
In wilder Aufregung durchwühlte er seine Taschen, da fiel sein Blick auf den Trauerflor, den er am Ärmel trug, und mit einem Schlage stand die nackte entsetzliche Wirklichkeit vor ihm: seine Tochter war doch gestern nacht gestorben!
Er griff mit beiden Händen nach seinen Schläfen – – ja, ge–stor–ben. Jetzt wußte er auch, wieso er ins Café gekommen war – vom Friedhof, vom Begräbnis. Am Nachmittag hatten sie sie doch bestattet. Eilig, teilnahmslos, verdrossen. Weil es so geregnet hatte.
Und dann war er durch die Straßen geirrt, stundenlang, hatte die Zähne zusammengebissen und krampfhaft auf das Klappen seiner Absätze gehorcht und dabei gezählt, immer gezählt und gezählt von eins bis hundert und wieder von vorn, um nicht wahnsinnig zu werden vor Furcht, seine Schritte könnten ihn gegen seinen Willen nach Hause führen in sein kahles Zimmer mit dem ärmlichen Bett, in dem sie gestorben, und das jetzt – leer war. Irgendwie mußte er dann hier gelandet sein. Irgendwie.
Er hielt sich am Tischrand, um nicht zusammenzubrechen. Abgerissen und unvermittelt zog es durch sein Gelehrtenhirn: »Hm, ja, ich hätte – ich hätte ihr durch Transfusion Blut aus meinen Adern überleiten sollen; – Blut überleiten sollen – –« wiederholte er ein paarmal mechanisch; da schreckte ihn ein Gedanke auf: »Ich kann mein Kind doch nicht allein lassen – draußen in der nassen Nacht,« wollte er aufschreien, aber es kam nur ein leises Winseln aus seiner Brust. – – – – – – –