Knödlseder ließ die Ereignisse der verflossenen Wochen im Geiste an sich vorüberziehen: anfangs, nun ja, da hatte er selbst oft über des Steinadlers urwüchsige Art lächeln müssen; besonders bei einer Gelegenheit: in den anstoßenden Raum waren damals zwei engbrüstige, hochmütige Gesellen – stelzbeinig wie Störche – gebracht worden, und der Steinadler hatte ausgerufen: »Ja, was wär denn jetzt dös? Was seid’s denn ös für welche?«
»Wir sind Jungfernkraniche«, war die Antwort gewesen.
»Wer’s glaubt«, hatte der Steinadler zur allgemeinen Heiterkeit gesagt, aber gar bald kehrte sich die Spottlust des rüden Burschen auch gegen ihn: So zum Beispiel besprach er sich heimlich einmal mit einem Raben, der bis dahin ein sehr umgänglicher Kollege gewesen, und sie entwendeten einer unvorsichtigerweise zu nahe am Gitter vorbeifahrenden Kindsfrau aus deren Säuglingswagen einen roten Gummischlauch. Dann legten sie den Schlauch in die Freßmulde, und der Steinadler hatte mit dem Daumen hingedeutet und gesagt: »Amatöus, da hast du eine Wurscht.« Und er – er, der bislang einstimmig als die Zierde des Zoologischen Gartens gegolten, der hochgeehrte königliche Lämmergeier Knödlseder! – hatte es geglaubt, war mit dem Schlauch auf die Stange geflogen, hatte ihn zwischen die Fänge genommen und mit dem Schnabel daran gezogen und gezogen, bis er selbst schon ganz lang und dünn geworden und dann war das elastische Zeug plötzlich gerissen und er nach hinten heruntergefallen, wobei er sich den Hals scheußlich verrenkte. Unwillkürlich befühlte Knödlseder die noch immer schmerzende Stelle. Wieder schüttelte ihn ein Wutausbruch, aber er bezwang sich rasch, um dem Marabu keinen Anlaß zur Schadenfreude zu geben. Er warf einen raschen Blick hinunter: nein, zum Glück hatte der ekelhafte Kerl nichts bemerkt – er saß im Winkel und »dankte Gott«. –
»Heute nacht wird entflohen,« beschloß der Lämmergeier nach längerem Hin- und Hergrübeln endlich bei sich; »besser die Freiheit mit ihren Sorgen ums Dasein, als mit diesen Unwürdigen auch nur einen Tag noch beisammen sein!« – Ein kurzer Versuch zeigte ihm, daß die Klappe – oben im Käfig am Scharnier durchgerostet – noch immer leicht zu öffnen war, ein Geheimnis, um das er seit geraumer Zeit schon wußte.
Er zog seine Taschenuhr zu Rate: Neun Uhr! Also mußte es bald finster werden!
Er wartete noch eine Stunde und packte dann geräuschlos seinen Handkoffer. Ein Nachthemd, drei Taschentücher (er hielt sie ans Auge: mit A. K. gemerkt?, ja, es waren die seinigen), sein abgegriffenes Gesangbuch mit dem vierblättrigen Kleeblatt drin und dann – eine Träne der Wehmut feuchtete seine Lider – das alte liebe Bruchband, das, bunt als Brillenschlange bemalt, ihm einst Mütterlein zum Osterfeste kurz bevor er von Menschenhand aus dem Neste genommen worden, zum Spielen geschenkt hatte. So, das war alles. Zugesperrt und den Kofferschlüssel im Kropfe geborgen.
»Eigentlich sollte ich mir«, überlegte Knödlseder, »noch vom Herrn Vorstand ein Leuschnabelzeugnis ausstellen lassen! Man kann nie wissen – –«; aber er verwarf den Gedanken; nicht mit Unrecht sagte er sich, die Direktion des Zoologischen Gartens könnte trotz ihrer sprichwörtlichen Harmlosigkeit seiner Abreise mißbilligend gegenüberstehen. »Nein, lieber noch ein Stündchen schlafen.«
Schon wollte er den Kopf unter den Flügel stecken, da schreckte ihn ein Klappern auf. Er horchte. Es war nichts weiter von Bedeutung: der Marabu, der insgeheim dem Hazard fröhnte, spielte bei Mondenschein unter dem Schutze der Nacht, »grad ungrad auf Ehrenwort« mit sich selber. Und das machte er so: er schluckte einen Haufen Kieselsteine und spuckte sie zum Teil wieder aus; war die Zahl ungrad, hatte er »gewonnen«. Eine Weile sah der Lämmergeier zu und freute sich mordsmäßig, da der Marabu unausgesetzt verlor, bis wiederum ein Geräusch, – diesmal aus dem künstlichen Zementbaum, der das Innere des Käfigs verschönte, kommend – seine Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nahm. Es war eine Flüsterstimme, die ihm zuraunte: »Pst, pst, Herr Knödlseder!«
»Ja, was gibts?« antwortete der Lämmergeier ebenso leise und flog lautlos von seiner Stange herab.
Es war ein Igel, der ihn angeredet hatte, zwar auch ein gebürtiger Bayer, aber im Gegensatz zu dem widerwärtigen Steinadler ein schlichter biederer Charakter und rohen Späßen von Grund aus abhold.