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Friedlich flossen Tage und Wochen dahin, die Bürgerschaft hatte ihre Besorgnisse längst fahren lassen, und fröhliches Gemurmel belebte wiederum von früh bis spät die Straßen.

Fein säuberlich mit Rundschrift auf ein Brett geschrieben stand über dem neuen Laden zu lesen:

Krawattengeschäft in allen Farben,
ausgeübt
von
Amadeus Knödlseder.
(Braune Rabattmarken.)

und gaffend staute sich die Menge vor den ausgestellten Herrlichkeiten.

Früher, wenn die Wildenten – protzig, daß ihnen die Natur so schöne grünschillernde Halsbinden geschenkt – in Schwärmen vorübergezogen kamen, hatte jedesmal Verstimmung und Bitterkeit im Orte geherrscht – wie anders war das jetzt geworden! Wer halbwegs auf Rang und Ansehen hielt, besaß einen Schlips von primissima Qualität, aber noch viel, viel greller. Da gab’s rote und blaue, dieser trug einen gelben, jener einen gewürfelten, und gar der Herr Bürgermeister, der hatte einen so langen, daß er sich beim Gehen beständig mit den Vorderpfoten dreinverwickelte.

Die Firma Amadeus Knödlseder war in aller Munde, und der Inhaber galt als Vorbild für sämtliche Untertanentugenden. Sparsam, fleißig, erwerbsfreudig und mäßig (er trank bloß Limonade).

Tagsüber bediente er vorn im Laden die Kundschaft: nur zuweilen führte er besonders wählerische Käufer in das rückwärtige Zimmer, wo er dann auffallend lang zu verweilen pflegte, wahrscheinlich um Eintragungen im Hauptbuch vorzunehmen; wenigstens hörte man ihn in solchen Fällen oft und laut rülpsen – bei Kaufleuten seiner Branche stets ein Zeichen angestrengter, geistiger Tätigkeit.

Daß der betreffende Käufer das Geschäft niemals wieder durch das vordere Lokal verließ, war nicht weiter befremdlich. Gab es doch so viele rückwärtige Ausgänge!

In den Stunden nach Feierabend liebte es Amadeus Knödlseder, auf einem steilen Schroffen zu sitzen und schwärmerische Weisen auf der Schalmei zu blasen, bis er die heimlich Angebetete seines Herzens – ein ältliches Gemsenfräulein mit Hornbrille und schottischem Plaid – auf dem schmalen Felsenbande gegenüber einhertrippeln sah. Dann grüßte er stumm und ehrerbietig. Und sie dankte mit züchtigem Neigen des Köpfchens. Man munkelte bereits, die beiden würden ein Paar werden, und alle, die um die zarten Beziehungen wußten, konnten sich nicht genugtun in Ausrufen der Bewunderung, wie erfreulich es doch sei, die segensreiche Wirkung gesitteten Lebenswandels selbst bei einem erblich so schwer belasteten Individuum, wie es ein Lämmergeier naturgemäß sein mußte, mit eigenen Augen ansehen zu dürfen.