Daß trotzdem keine rechte Freude unter den Bewohnern des Murmeltierstädtchens einziehen wollte, war lediglich dem ebenso befremdenden wie betrüblichen Umstande zuzuschreiben, daß die Zahl der Bürgerschaft auf erschreckende Weise und ohne ersichtlichen Grund abnahm, sozusagen von Woche zu Woche abnahm. Fast keine Stunde verging, ohne daß nicht irgendein Familienmitglied als »vermißt« gemeldet wurde. Man riet auf dies, man riet auf jenes, man wartete – aber niemals kehrte eines der Verschollenen jemals wieder.

Eines Tages fehlte sogar – das Gemsenfräulein! Man fand ihr Riechfläschchen auf dem Felsenbande; sie selbst mußte infolge eines Schwindelanfalles verunglückt sein.

Amadeus Knödlseders Schmerz kannte keine Grenzen.

Immer wieder und wieder stürzte er sich mit ausgebreiteten Schwingen hinab in den Abgrund – wie er sagte, um die Leiche der Teuern zu suchen. Oder er saß in der Zwischenzeit, einen Zahnstocher im Schnabel, unverwandt in die Tiefe starrend am Rande der Schlucht.

Sein Krawattengeschäft vernachlässigte er ganz und gar. – – –

Da, eines Nachts, enthüllte sich Schreckliches! Der Besitzer des Hauses, in dem der Lämmergeier wohnte, – ein alter mürrischer Murmler, – erschien auf der Polizei und verlangte die sofortige zwangsweise Öffnung des Ladens, sowie die Beschlagnahme der darin befindlichen Waren seines Mieters, da er nicht länger gesonnen sei, auf Zahlung des schuldigen Zinses zu warten.

»Hm! Seltsam. Herr Knödlseder sollte die Miete nicht gezahlt haben?« – der Beamte mochte es gar nicht glauben – und ob Herr Knödlseder denn nicht zu Hause sei? Man brauche ihn doch nur zu wecken!

»Der, und zu Hause?« – der alte Murmler lachte schrill auf – »der? Der kommt doch nie vor fünf Uhr früh heim und dann jedesmal schwer besoffen!«

»So?! Besoffen?!« – der Beamte gab seine Befehle.

Der erste Morgenschein zog bereits herauf, und noch immer arbeiteten die Schergen schweißtriefend an dem schweren Vorhängschloß, das den rückwärtigen Teil des Krawattenladens versperrte.