»Ä Lämmergeier und sich bessern?!« rief höhnisch der Hamster, drückte die Fingerspitzen zusammen, als hielte er eine Prise Salz darin und bewegte sie vor den Augen seiner Zuhörer ausdrucksvoll hin und her: »was ämol ä Lämmergeier is, is ä Lämmergeier und bleibt ä Lämmergeier und wird ä Lämmergeier bleiben, bis – –« er kam nicht weiter: laute menschliche Stimmen näherten sich. Touristen!

Im Nu waren sämtliche Murmeltiere verschwunden.

Er auch.

»Herrlich! Zückend! So’n Sonnenaufgang! Achch!« schrillte die eine Menschenstimme. Sie gehörte einer spitznasigen, idealgesinnten Jungfrau an, die gleich darauf, an ihren Bergstock geschmiegt, das Hochplateau betrat, den Busen wogend, so gut es gehen wollte, und die treuherzigen Augen rund und offen wie Spiegeleier. Nur nicht so gelb! (Sondern veilchenblau): »achch! Nu, im Angesicht der ’zückenden Natua – wo allens so schön ist – dürfen Se auch nich mehr sagen, Herr Klempke, was Se unten im Tale üwah das italien’sche Volk gesacht haben. Sie werden sehen, wenn der Kriech ma’ vorüwer ist, werden die Italienah die ersten sein, die komm’ und uns die Hand hinstrecken und sagen:

‘Liewes Deutschland, verzeih uns, awa wir haben uns – gebessert.’«

J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln

Mein Großvater liegt auf dem Friedhof des weltvergessenen Städtchens Runkel zur ewigen Ruhe bestattet. Auf einem dicht mit grünem Moos bewachsenen Grabstein stehen unter der verwitterten Jahreszahl, in ein Kreuz gefaßt und so frisch im Golde glänzend, als seien sie erst gestern gemeißelt worden, die Buchstaben:

V | I
––––
V | O

»Vivo« das heißt: »ich lebe«, bedeute das Wort, sagte man mir, als ich noch ein Knabe war und das erstemal die Inschrift las, und es hat sich mir so tief in die Seele geprägt, als hätte es der Tote selbst aus der Erde zu mir empor gerufen.

Vivo – ich lebe, – ein seltsamer Wahlspruch für ein Grabmal!