Ein alter Mann mit weißem Haar, bartlos, die Züge scharf geschnitten, saß davor, den Elfenbeingriff seines Spazierstocks ans Kinn gedrückt, und blickte mich mit merkwürdig lebhaften Augen an, wie jemand, bei dem die Ähnlichkeit eines Gesichtes allerlei Erinnerungen weckt.

Altmodisch gekleidet, fast in Biedermeiertracht, mit Vatermördern und schwarzseidner breiter Halsbinde, sah er aus wie ein Ahnenbild aus längst vergangener Zeit.

Ich war über seinen Anblick, der ganz und gar nicht in die Gegenwart paßte, dermaßen erstaunt und hatte mich überdies so vergrübelt in all das, was ich dem Nachlaß meines Großvaters entnommen, daß ich, mir kaum bewußt, was ich tat, halblaut den Namen »Obereit« aussprach.

»Ja, mein Name ist Johann Hermann Obereit,« sagte der alte Herr, ohne sich im geringsten zu wundern.

Mir verschlug es fast den Atem, und was ich im Verlauf des sich entwickelnden Gespräches noch weiter erfuhr, war ebenfalls nicht danach angetan, meine Überraschung zu vermindern.

Es ist an sich kein alltäglicher Eindruck, einen Menschen vor sich zu haben, der nicht viel älter scheint, als man selbst ist, und doch anderthalb Jahrhunderte gesehen hat: – ich kam mir vor wie ein Jüngling trotz meiner schon weißen Haare, als wir nebeneinander hergingen und er mir von Napoleon und andern geschichtlichen Persönlichkeiten, die er gekannt, erzählte, wie man von Leuten spricht, die erst vor kurzem gestorben sind.

»In der Stadt gelte ich als mein eigener Enkel,« sagte er lächelnd und deutete auf einen Grabstein, an dem wir vorüberkamen und der die Jahreszahl 1798 trug, »von Rechts wegen sollte ich hier begraben liegen; ich habe das Todesdatum draufschreiben lassen, denn ich wünsche nicht, von der Menge als moderner Methusalem angestaunt zu werden. Das Wort ‘Vivo’« fügte er bei, als habe er meine Gedanken erraten, »kommt erst hinzu, wenn ich wirklich tot bin.« –

Wir schlossen bald enge Freundschaft, und er bestand darauf, daß ich bei ihm wohnte.

Wohl ein Monat war verflossen und oft saßen wir bis tief in die Nacht in angeregter Unterhaltung beisammen, aber immer lenkte er ab, wenn ich die Frage stellte, was wohl der Satz auf der Mappe meines Großvaters: »Wie will einer dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er nicht warte noch hoffe,« bedeuten möge: eines Abends jedoch, – der letzte, den wir zusammen verbrachten (das Gespräch kam auf die alten Hexenprozesse, und ich vertrat die Ansicht, es müsse sich in solchen Fällen wohl nur um hysterische Frauenzimmer gehandelt haben), – unterbrach er mich plötzlich: »Sie glauben also nicht, daß der Mensch seinen Körper verlassen kann und, sagen wir mal, nach dem Blocksberg reisen?«

Ich schüttelte den Kopf.