»Soll ich es Ihnen vormachen?«, fragte er kurz und sah mich scharf an.

»Ich gebe gerne zu,« erklärte ich, »daß die sogenannten Hexen durch den Gebrauch gewisser narkotischer Mittel in einen Zustand der Entrückung gerieten und felsenfest glaubten, auf einem Besen durch die Luft zu fliegen.«

Er dachte eine Weile nach. »Freilich, Sie werden immer sagen, auch ich bilde es mir nur ein« – erwog er halblaut und versank wieder in Nachsinnen. Dann stand er auf und holte vom Bücherbord ein Heft. »Aber vielleicht interessiert es Sie, was ich hier niedergeschrieben habe, als ich vor Jahren das Experiment machte? Ich muß vorausschicken, ich war damals noch jung und voller Hoffnungen« – ich sah an seinem versinkenden Blick, daß sein Geist zurückwanderte in ferne Zeiten – »und glaubte an das, was die Menschen das Leben nennen, bis es dann Schlag auf Schlag kam: ich verlor, was einem auf Erden lieb sein kann, mein Weib, meine Kinder, – alles. Da führte mich das Schicksal mit Ihrem Großvater zusammen und er lehrte mich verstehen, was Wünsche sind, was Warten ist, was Hoffen ist, wie sie miteinander verflochten sind, und wie man diesen Gespenstern die Maske vom Gesicht reißt. Wir haben sie die ‘Zeit-egel’ genannt, weil sie, wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren Saft des Lebens, aus dem Herzen saugen. Hier in diesem Zimmer war’s, da lehrte er mich den ersten Schritt auf den Weg tun, auf dem man den Tod besiegt und die Vipern der Hoffnung zertritt. – – – Und dann« – er stockte einen Augenblick – »ja – und dann bin ich geworden wie Holz, das nicht fühlt, ob man es streichelt oder zersägt, ins Feuer oder ins Wasser wirft. Mein Inneres ist leer seitdem; ich habe keinen Trost mehr gesucht. Habe keinen mehr gebraucht. Wofür hätte ich ihn suchen sollen? Ich weiß: ich bin, und jetzt erst lebe ich. Es liegt ein feiner Unterschied zwischen: ‘ich lebe’ und ‘ich lebe’.«

»Sie sagen das alles so einfach, und es ist doch furchtbar!« fiel ich erschüttert ein.

»Es scheint nur so,« beruhigte er mich lächelnd; »es strömt ein Glücksgefühl aus der Unbeweglichkeit des Herzens, das Sie sich nicht träumen lassen. Es ist wie eine ewige süße Melodie, dieses ‘ich bin’, die nie mehr erlöschen kann, wenn sie einmal geboren ist, – weder im Schlaf, noch, wenn die Außenwelt wieder aufwacht in unsern Sinnen, noch auch im Tod. – – – – – – – Soll ich Ihnen sagen, warum die Menschen so früh sterben und nicht 1000 Jahre leben, wie’s in der Bibel steht über die Patriarchen? Sie sind gleich den grünen Wassertrieben eines Baumes, – sie haben vergessen, daß sie zum Stamme gehören, darum verwelken sie im ersten Herbst. Doch ich wollte Ihnen erzählen, wie ich das erstemal meinen Körper verließ.

Es gibt eine uralte verborgene Lehre, so alt wie das Menschengeschlecht; sie hat sich vererbt von Mund zu Ohr bis heutigentags, aber nur wenige kennen sie. Sie zeigt uns die Mittel, die Schwelle des Todes zu überschreiten, ohne das Bewußtsein zu verlieren, und wem es gelingt, der ist von da an Herr über sich selbst: – er hat ein neues Ich erworben und was ihm bis dahin als ‘Ich’ erschienen, ist nur mehr ein Werkzeug, so wie jetzt Hand oder Fuß unsere Werkzeuge sind.

Herz und Atem stehen still wie bei einer Leiche, wenn der neuentdeckte Geist auszieht, – wenn wir ‘wegwandern, wie die Israeliten von den Fleischtöpfen Ägyptens, und zu beiden Seiten die Wasser des Roten Meeres stehen wie Mauern.’ Lange und vielemal mußte ich es üben unter namenlosen, zermürbenden Qualen, bis es mir endlich gelang, mich vom Leibe loszulösen. Anfangs fühlte ich mich schweben, so wie wir wohl im Traume zuweilen glauben fliegen zu können, – mit angezogenen Knien und ganz leicht, – aber plötzlich trieb ich in einem schwarzen Strom dahin, der von Süden nach Norden floß, – wir nennen es in unserer Sprache das Aufwärtsfließen des Jordan, – und sein Brausen klang wie das Rauschen des Blutes im Ohr. Viele aufgeregte Stimmen, deren Urheber ich nicht sehen konnte, schrien mich an, ich solle umkehren, bis mich ein Zittern befiel und ich in dumpfer Angst einer Klippe zuschwamm, die vor mir auftauchte. Im Mondlicht sah ich ein Geschöpf dortstehen, so groß wie ein halbwüchsiges Kind, nackt und ohne die Merkmale männlichen oder weiblichen Geschlechtes; es hatte ein drittes Auge auf der Stirn wie der Polyphem und deutete regungslos in das Innere des Landes.

Dann schritt ich durch ein Dickicht dahin auf einem glatten, weißen Wege, doch ich spürte den Boden mit meinen Füßen nicht, und auch, wenn ich die Bäume und Sträucher ringsum berühren wollte, konnte ich ihre Oberfläche nicht greifen: immer lag eine dünne Schicht Luft dazwischen, die sich nicht durchdringen ließ. Ein fahler Glanz wie von faulem Holz bedeckte alles und machte das Sehen deutlich. Die Umrisse der Dinge, die ich wahrnahm, schienen locker, molluskenartig aufgeweicht und wunderlich vergrößert. Junge federlose Vögel mit runden frechen Augen hockten feist und gedunsen gleich Mastgänsen in einem riesigen Nest und kreischten auf mich herab; eine Rehkitz, kaum noch fähig zu laufen und doch schon so groß wie ein völlig entwickeltes Tier, saß träge im Moos und drehte, fett wie ein Mops, schwerfällig den Kopf nach mir.

Eine krötenhafte Faulheit in jedem Geschöpf, das mir zu Gesichte kam.

Allmählich ging mir die Erkenntnis auf, wo ich mich befand: In einem Land, so wirklich und wahrhaftig wie unsere Welt und dennoch nur ein Widerschein von ihr: in dem Reich der gespenstischen Doppelgänger, die sich von dem Mark ihrer irdischen Urformen nähren, sie ausplündern und selber ins Ungeheuere wachsen, je mehr sich jene verzehren in vergeblichem Hoffen und Harren auf Glück und Freude. Wenn auf der Erde jungen Tieren die Mutter weggeschossen wird, und sie voll Vertrauen und Glauben auf Nahrung warten und warten, bis sie in Qualen verschmachten, entsteht ihr gespenstisches Ebenbild auf dieser verfluchten Geisterinsel und saugt wie eine Spinne das versickernde Leben der Geschöpfe unserer Erde in sich: die im Hoffen entschwindenden Kräfte des Daseins der Wesen werden hier Form und wucherndes Unkraut, und der Boden ist geschwängert von dem düngenden Hauch einer verwarteten Zeit.