Mit Schrecken wurde ich mir klar, daß mein ganzes Leben nur aus Warten in jeglicher Form bestanden hatte und nur aus Warten – aus einer Art unaufhörlichen Verblutens, – und daß die gesamte Zeit, die mir übriggeblieben war zum Empfinden von Gegenwart, kaum nach Stunden zählte. Wie eine Seifenblase zerplatzte vor mir, was ich bis dahin für den Inhalt meines Lebens gehalten. Ich sage Ihnen, was wir auch auf Erden vollbringen, immer gebiert es ein neues Warten und ein neues Hoffen; das ganze Weltall ist getränkt von dem Pesthauch des Absterbens einer kaum geborenen Gegenwart. Wer hätte nie die entnervende Schwäche gefühlt, die uns befällt, wenn wir im Wartezimmer eines Arztes, eines Advokaten, einer Amtsstube sitzen? Was wir Leben nennen: es ist der Wartesaal des Todes. Plötzlich begriff ich – damals – was die Zeit ist: Wir selbst sind Gebilde, aus Zeit gemacht, Leiber, die Stoff zu sein scheinen und nichts anderes sind als geronnene Zeit.
Und unser tägliches Hinwelken dem Grabe entgegen, was ist es denn sonst als Wiederum-zu-Zeit-Werden unter der Begleiterscheinung des Wartens und Hoffens, – so, wie Eis auf dem Ofen unter Zischen wiederum zu Wasser wird!
Ich sah, daß ein Beben die Gestalt meines Doppelgängers durchlief, als diese Erkenntnis in mir wach wurde, und daß Angst sein Gesicht verzerrte. Da wußte ich, was ich zu tun hatte: kämpfen bis aufs Messer mit jenen Phantomen, die uns aussaugen wie Vampire.
Oh, sie wissen genau, warum sie den Menschen unsichtbar bleiben und sich vor ihren Blicken verbergen, diese Schmarotzer an unserem Leben; auch des Teufels größte Gemeinheit ist, daß er so tut, als ob er nicht existiere. Und seitdem habe ich die Begriffe ‘Warten und Hoffen’ für immer ausgerottet aus meinem Dasein.«
»Ich glaube, Herr Obereit, ich würde zusammenbrechen schon beim ersten Schritt, wenn ich den schrecklichen Weg gehen wollte, den Sie gegangen sind,« sagte ich, als der Alte schwieg; »ich kann mir wohl denken, daß man durch unausgesetzte Arbeit das Gefühl des Wartens und Hoffens in sich betäuben kann; dennoch – – – – – – – – – –«
»Ja, aber nur betäuben! Innerlich bleibt das ‘Warten’ lebendig. Sie müssen das Beil an die Wurzel legen!« unterbrach mich Obereit. »Werden Sie wie ein Automat hier auf der Erde! Wie ein Scheintoter! Greifen Sie nie nach einer Frucht, die Ihnen winkt, wenn auch nur das geringste Warten damit verbunden ist, rühren Sie keine Hand, und alles wird Ihnen reif in den Schoß fallen. Anfangs ist’s wohl wie ein Wandern durch trostlose Wüsten, oft lange Zeit, aber plötzlich wird rings um Sie her eine Helle sein, und Sie werden alle Dinge, die schönen und die häßlichen, in einem neuen, ungeahnten Glanze sehen. Dann gibt’s kein ‘Wichtig’ mehr für Sie und kein ‘Unwichtig’, jedes Geschehnis wird gleich ‘wichtig’ sein und gleich ‘unwichtig’, und dann werden Sie im Drachenblut gehörnt sein wie Siegfried und von sich sagen können: ich fahre hinaus ins uferlose Meer eines ewigen Lebens mit schneeweißem Segel.«
Es waren die letzten Worte, die Johann Hermann Obereit zu mir gesprochen; – ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen.
Viele Jahre sind inzwischen verflossen; ich habe mich bemüht, so gut ich konnte, der Lehre zu folgen, die Obereit mir gab, aber das Warten und Hoffen will nicht aus meinem Herzen weichen.
Ich bin zu schwach, das Unkraut auszureißen, und wundere mich auch nicht mehr, daß unter den zahllosen Grabsteinen auf den Friedhöfen so selten einer die Inschrift trägt: