So oft ich jetzt darüber grüble, schleicht mir ein grausiger Verdacht ins Hirn; ich kann es nicht in Worte fassen, was ich mir dann denke, aber – – gibt’s denn nicht auch Pflanzen, die sich nie recht entwickeln können, die trostlos verkümmern und wachsgelb bleiben (so als schiene die Sonne nie auf sie), bloß, weil der Giftsumach in ihrer Nähe wächst und heimlich an ihren Wurzeln zehrt?

In den ersten Monaten fühlte ich mich in dem einsamen Schloß, das nur von dem Herrn Grafen du Chazal, der alten Haushälterin Petronella und mir bewohnt wurde und buchstäblich angefüllt war mit seltsamen altertümlichen Geräten, Uhrwerken und Fernrohren, recht unbehaglich, zumal der gnädige Herr Graf allerlei Absonderlichkeiten an sich hatte. So durfte ich ihm zum Beispiel wohl beim Anziehen helfen, nie aber beim Auskleiden, und wenn ich mich dazu erbötig machte, gebrauchte er immer die Ausrede, er wolle noch lesen; in Wirklichkeit aber – muß ich annehmen – streifte er in der Dunkelheit umher, denn oft waren frühmorgens seine Stiefel dick mit Schlamm und Moorerde bedeckt, auch wenn er tags vorher den Fuß nicht aus dem Hause gesetzt hatte.

Auch sein Aussehen war nicht sehr anheimelnd: klein und schmächtig, wollte sein Körper nicht recht zum Kopf passen, und obschon wohlgewachsen, machte der Herr Graf auf mich lange Zeit den Eindruck eines Buckligen, wiewohl ich mir darüber keine genaue Rechenschaft zu geben vermochte.

Sein Profil war scharf geschnitten und hatte durch das schmale, hervorstehende Kinn und den spitzigen, grauen, nach vorn gebogenen Bart darunter etwas merkwürdig Sichelartiges. Er mußte übrigens eine unverwüstliche Lebenskraft besitzen, denn er alterte während der langen Jahre, die ich ihm diente, kaum merklich, höchstens, daß die seinen Gesichtszügen eigentümliche Halbmondform schärfer und schmäler zu werden schien.

Im Dorfe gingen allerlei kuriose Gerüchte über ihn: er würde nicht naß, wenn es regne, und dergleichen, und so oft er nachtschlafender Zeit an den Bauernhäusern vorüberginge, blieben jedesmal in den Stuben die Uhren stehen.

Ich achtete nie auf solches Geschwätz, denn daß ähnlicherweise zuzeiten die metallenen Gegenstände im Schlosse, wie Messer, Scheren, Rechen und dergleichen für ein paar Tage magnetisch wurden, so daß Stahlfedern, Nägel und anderes daran haften blieb, ist wohl eine nicht weiter wunderbare Naturerscheinung, denke ich; wenigstens klärte mich der Herr Graf, als ich ihn einmal fragte, darüber auf. Der Ort stünde auf vulkanischem Boden, sagte er, auch hingen solche Vorgänge mit dem Vollmond zusammen.

Überhaupt hatte der Herr Graf eine ungewöhnlich hohe Meinung vom Mond, wie ich aus folgenden Begebenheiten schließe:

Ich muß vorausschicken, daß jeden Sommer, genau am 21. Juli, aber immer nur für vierundzwanzig Stunden, ein über die Maßen wunderlicher Gast zu Besuch kam: derselbe Herr Doktor Haselmayer, von dem später noch die Rede sein wird.

Der Herr Graf sprach von ihm stets als vom »roten Tandschur«, warum, habe ich nie begriffen, denn der Herr Doktor war nicht nur nicht rothaarig, sondern hatte überhaupt kein einziges Haar auf dem Kopf und weder Augenbrauen noch Wimpern. Schon damals machte er auf mich den Eindruck eines Greises; – mag sein, daß es von der seltsamen uraltmodischen Tracht kam, die er jahraus, jahrein trug: einem glanzlosen moosgrünen Tuchzylinderhut, der nach oben zu ganz eng, fast spitzig wurde, einem holländischen Sammetwams, Schnallenschuhen und schwarzen Seidenkniehosen an den beängstigend kurzen und dünnen Beinchen, – wie gesagt: mag sein, daß er nur deshalb so, so – »verstorben« aussah, denn seine hohe, liebliche Kinderstimme und die wundersam feingeschwungenen Mädchenlippen sprachen gegen ein hohes Alter.

Andererseits hat es wohl auf dem ganzen Erdenrund noch nie so erloschene Augen gegeben, wie er sie besaß.