Soweit ich zurückdenken kann, immer ist mir, als trüge ich um den Kopf einen eisernen Reifen, der mein Gehirn einschnürt und dasjenige zu entfalten verhindert, was man gemeinhin Phantasey nennen mag. Fast möchte ich sagen, es fehlt mir ein innerer Sinn, doch dafür sind meine Augen und Ohren scharf wie die eines Wilden. Wenn ich die Lider schließe, sehe ich heute noch mit beklemmender Deutlichkeit die schwarzen starren Umrisse der Zypressen vor mir, wie sie sich damals von den zerbröckelnden Klostermauern abhoben, sehe die ausgetretenen Ziegelsteine auf dem Boden der Kreuzgänge, Stück für Stück, daß ich sie zählen könnte, und doch ist das alles kalt und stumm – spricht nicht zu mir, wo doch sonst die Dinge zum Menschen reden sollen, wie ich schon oft gelesen habe.
Es geschieht aus Offenheit, daß ich unumwunden sage, wie es mit mir steht, denn ich will Anspruch haben auf Glaubwürdigkeit; bewegt mich doch die Hoffnung, daß, was ich hier niederschreibe, Menschen vor Augen kommen möge, die mehr wissen als ich und mir Licht und Erkenntnis schenken können, wenn sie dürfen und wollen, über all das, was einer Kette unlösbarer Rätsel gleich meinen Lebenspfad begleitet hat.
Sollte nun gar wider jenes vernünftige Ermessen diese Druckschrift den beiden Freunden meines verewigten zweiten Herrn: Magister Peter Wirtzigh (gestorben und begraben zu Wernstein am Inn im Jahre des großen Krieges 1914), nämlich den beiden wohlgeborenen Herren Doktores Chrysophron Zagräus und Sacrobosco Haselmayer, genannt »der rote Tandschur«, zu Gesicht kommen, so mögen die Herren gerechterweise bedenken, daß es nicht Schwatzhaftigkeit oder eitel Neugier sein können, die mich bewogen haben, etwas an den Tag zu geben, was die Herren selbst vielleicht ein Menschenalter lang geheimhielten, zumal ein Greis von 70 Jahren, wie ich, über derlei kindischen Firlefanz wohl schon hinausgereift ist, – daß es vielmehr Gründe geistiger Art sein dürften, die mich hierzu zwangen, worunter die Befürchtung meines Herzens: dereinst nach dem Ableben des Leibes eine – Maschine zu werden (die Herren werden schon verstehen, was ich meine), gewißlich kein geringes ist.
Doch nun zu meiner Geschichte:
Die ersten Worte, die der Herr Graf du Chazal zu mir sprach, als er mich in seine Dienste nahm, waren die Frage:
»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?«
Als ich mit gutem Gewissen verneinte, schien er sichtlich zufrieden.
Die Worte brennen mich heute wie Feuer, ich weiß nicht warum. Silbe für Silbe denselben Satz fragte mich 35 Jahre später mein zweiter Brotgeber, Herr Magister Peter Wirtzigh, als ich bei ihm als Diener eintrat:
»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?«
Auch damals konnte ich ruhig verneinen – hätte es bis heutigen Tag können –, aber ich kam mir voll Schrecken einen Augenblick lang vor wie eine leblose Maschine, als ich es sagte, und nicht wie ein menschliches Wesen.