an uns dieselbe Freude hat.«
Doch nein, nicht nur für die Nachwelt, nein, für das bunte, freudige Leben des Tages und seiner Gäste ist das Haus geschaffen.
Ein frohes Behagen umfängt uns, treten wir unter sein Dach. Der Hauptschmuck des geräumigen Hausflures ist die Gestalt eines Freiberger Bergmannes, der auf einer Konsole kniet bei der Arbeit vor Ort mit Schlägel und Eisen. Der Bergmann, der Erzsucher und Erzfinder, ist – oder leider vielmehr war – ja die Charaktergestalt des Erzgebirges. Bergleute sind Wappenhalter bei erzgebirgischen Städtewappen, Bergleute sind die Träger erzgebirgischer Kanzeln, Bergleute sind in den alten Bergstädten Schmuckfiguren an Bürgerhaus und Portalen, in Kirchen und an Geräten. Der bergmännische Gruß »Glückauf« klingt dir oft noch treuherzig entgegen. Bergleute sind das Spielzeug großer und kleiner erzgebirgischer Kinder. So mag auch hier, wie nirgends, der Bergmann an seinem Platze sein.
Wir treten in die Gaststube ein und fühlen uns wie zu Hause in warmer Behaglichkeit. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt und rings von den Simsen klingt es uns wie Kinderlachen und Weihnachtsjubel aus frohen Kinderherzen entgegen. Da ist sie aufmarschiert die ganze bunte, lustige Gesellschaft, ohne die Weihnachten im Erzgebirge nicht denkbar ist: die Bergleute und Weihnachtsengel mit ihren Lichtern, die Nußknacker im buntesten Wechsel, die Räuchermännlein in allerlei abenteuerlichen Gestalten. Pferdchen, Kühe und Schafe und der getreue Spitz dürfen nicht fehlen. Über den bunt mit Blumen bemalten Türen, wie wir sie von den alten Bauernschränken kennen, ist hier der Frachtwagen auf die Wand gemalt mit seinen vier starken Pferden, wie er einst auf den Straßen des Gebirges verkehrte, um Salz nach Böhmen oder das gute Freiberger Bier ins Gebirge zu schaffen. Dort ist der Postschlitten in voller Fahrt dargestellt. Kein Plakat, wie sonst in Gaststuben, stört mit aufdringlicher Reklame die Harmonie des Raumes.
Einfach gerahmte Bilder aus der erzgebirgischen Heimat von Künstlerhand schmücken die Wände, deren oberen Abschluß ein starkes farbiges Friesband – Ähren mit bunten Feldblumen – bildet. Durch die Fenster strömt das volle Licht herein, denn sie sind frei von unnützen Gardinen und Stoffgehängen. Dafür schmückt ein starker, farbiger Fries von Blumen die tiefen Fensterlaibungen und vor den Scheiben hängen gute Glasbilder in farbiger Bleiverglasung mit Darstellungen eines drolligen Musikantenvolkes voll köstlichen Humors. Eine wohltuende, satte, tiefe harmonische Farbigkeit erfüllt den Raum wie ein voller, echter Klang, der von allen Sinnen aufgenommen wird und warm zum Herzen dringt. Die kräftigen, gut geformten Holzstühle und Tische laden ein zu behaglicher Rast und helfen das Gefühl des Daheimseins steigern, weil sie sich ganz in die Raumstimmung fügen. Die Teller, von denen du speisest, die Tassen, aus denen du trinkst, sind bunt bemaltes Bauerngeschirr, wie wir es aus der Verkaufsstelle des Heimatschutzes in Dresden kennen und lieben. Welche Freude ist es, hier im täglichen Gebrauch einer Gastwirtschaft dieses reizvolle Geschirr in passender Umgebung zu sehen und die Lust an seiner echt volkstümlichen Art zu empfinden. Durch dieses Hineinstellen der Ergebnisse liebevoller heimatlicher, künstlerischer Arbeit, Forschung und Begeisterung mitten in den Gebrauch des praktischen Lebens ist eine Tat getan, durch welche die hohen Gedanken des Heimatschutzes und volkstümlicher Kunstpflege, Kunstschaffens und Kunstfreude mächtig gefördert werden, um so mehr, als es an einem Orte geschieht, in dem die Erziehung zum guten Geschmack sich unmittelbar in der täglichen Arbeit auszuwirken vermag.
Mit wie einfachen Mitteln auch schwierigere Fragen gelöst werden können, das zeigt die elektrische Beleuchtung. Sie hätte leicht die Raumstimmung stören können, wenn die Birnen mit den Glasschalen im Raume pendelten oder irgendeine Dutzendware als Beleuchtungskörper diente. Wie half sich der Künstler? Er bemalte den Glasschirm der Pendellampe in kräftiger Stilisierung mit bunten Bauernblumen. Auf den Glasschirm legte er einen bemalten Holzreifen, wie man sie in Seiffen dreht, und ließ von ihm bunte Bänder herabhängen. Auf dem Holzreifen aber ist allerlei Seiffener Spielzeug lebendig. Da sitzen allerlei Vögelchen und schauen mit drolliger Kopfbewegung keck herunter. Da jagt der Hirsch durch den Wald, verfolgt vom Jäger mit seinem Hund. Kein Beleuchtungskörper ist wie der andere und doch alle einheitlich und ein Schmuck des Raumes von echt volkstümlicher Seiffener Heimatart. Der Hauptschmuck ist ein großer Kronleuchter, nach Art von Kristallkronleuchtern gestaltet, jedoch aus weißen Holzperlen zusammengesetzt mit sparsamer Vergoldung, ein mühsames, eigenartiges Stück Seiffens Kunsthandarbeit.
In einem Glasschranke sind allerlei Musterstücke der Seiffener Kunst ausgestellt, um die Kauflust anzuregen und damit dem Orte zu dienen. Der Schrank wirkt freilich in seiner Form des oberen Abschlusses mit den geschwungenen Linien und krausen Schnitzerei und Spitzchen hier etwas fremdartig, als habe er sich hierher verlaufen und verirrt aus einer anderen Welt. Das hat der Künstler wohl empfunden und hat ihm, ohne helfen zu können, ein paar Bauernblumen auf die Stirn und unten an den Schubkasten gemalt. So wirkt er in der echten einheitlichen Raumstimmung gekünstelt und falsch, wie der Salontiroler in der Dorfschenke. Auch das Klavier dort an der Wand wird dadurch, daß auf die schwarze Politur ein paar kecke Bauernblumen gemalt werden, nicht »echt«, wird nicht aus einem Salonwesen zu einem erzgebirgischen Bauernkind. – Gerade auf diesem Gebiete liegen noch viele ungelöste Aufgaben, würdig der Mühe tüchtiger Künstlerhände. Die Gewohnheit läßt oft Mängel auf diesem Gebiete übersehen, die in einer neuen, fein abgestimmten, echten Umgebung plötzlich auffallen und das Verlangen nach Neubildung und neuem Leben und Schaffen hervorrufen. In neuem Lichte sieht man alte Formen und klarer sieht man, was not tut; den falschen Ton einer Saite hört man schärfer, wenn alle anderen Saiten und Instrumente gut gestimmt sind, wie hier. Doch diese kleinen Unstimmigkeiten sollen uns die herzliche Freude und das Behagen an dem stimmungsvollen, echt erzgebirgischen Raum nicht stören. Der Alltag liegt weit hinter uns und fröhliche Weihnachtsgeister lachen durch den Raum. Nicht in Lärm und jagendem Witz und Scherz, nein, in jener tiefen, freudigen Stimmung sind wir beieinander, in der einer den anderen versteht, und freudig aus seinem Innern gibt, weil er fühlt, nur so kann eine gute Stunde ihren Wert als wahrhaft frohe Stunde bringen. – Wir betrachten dann den Nebenraum, der im Gegensatz oder auch Ergänzung zu der echt volkstümlichen Seiffener Stimmung der Gaststube mehr auf hohe Kunst erzgebirgischer Art und Landschaft und als »Herrenstube« gestimmt ist. Er wird beherrscht von den Gemälden mehrerer Künstler, welche hier das hohe Lied der Schönheit heimatlicher Landschaft singen. E. Buchwald, Zinnwald, Alfred Hofmann, Stollberg, Alfred Kunze, Chemnitz, Prof. Seifert, Seiffen, der Neubeleber und Anreger der Seiffener Kunst und Gerhard Dreßler, der Künstler, dem die stimmungsvolle Einrichtung des Hauses hier zu danken ist, sie alle reden dort mit stummer eindringlicher Sprache von der Heimat, wie sie ihnen dort durch die Seele gegangen ist, und ihre Bilder beseelen den Raum. Ein Gasthauszimmer, ein Kneipenraum, und doch geweiht und frohmachend durch die Kunst.
Man muß dem mutigen Unternehmer danken, diese Lösung der Frage »Kunst und Kunsterziehung« für das Volk, so fest angepackt und durchgeführt zu haben hier oben im erzgebirgischen Dorfe, während in den Großstädten auch in den besten Gaststätten oft nur Plakate oder minderwertige Kunst oder Kitsch zu finden ist. Wenn nur in jeder besseren Gaststätte im Lande nur ein oder zwei Originalkunstwerke hingen, angeschafft für das Geld, das anderweitig für die Augen- und Ohrenmarter der Gäste hinausgeworfen wird und besser erspart bliebe so wäre unserer notleidenden Kunst geholfen und durch die Erziehung und Freude, welche jedes echte Kunstwerk schafft, würde reicher Segen geschaffen. Könnten nicht die vornehmeren Gaststätten zugleich stimmungsvolle Ausstellungsräume sein für Kunstwerke, die sich hier dem Käufer in jeder Beleuchtung zur ruhigen Betrachtung darbieten können und für sich und den Künstler unaufdringlich werben können in Räumen, die der heimischen Wohnung ähnlich sind. Alle Teile, der Wirt, der Gast, die Kunst und der Künstler hätten ihren Vorteil dabei.
Solche Betrachtungen und Lehren regt die Herrenstube hier im Seiffener Erbgericht an, während die Sonne durch die bunten Scheiben blinkt und leuchtende Farbenflecken auf die blankgescheuerten Tische wirft. In den Fenstern sind buntfarbige Wappen und Tierbilder wie Elster, Eichhörnchen, Fuchs, Hase angebracht und oben im Laubwerk und Nadelgezweig des breiten Wandfrieses tummelt sich fröhlich allerlei Getier des deutschen Waldes, frisch und keck ohne ängstliche Schablone hingemalt, wie es der Phantasie des Künstlers entsprang. So regt es auch wieder die Phantasie an und macht die Gedanken fröhlich.
Eine besondere Zierde des Raumes sind neben dem Holzleuchter an der Decke mit einem Bergmann in der Mitte noch die geschnitzten dreiarmigen Holzleuchter auf den Tischen, welche in ihrer leuchtenden Farbigkeit und mit ihren fröhlichen Motiven das Auge anziehen. Als Mittelstück zwischen den drei Armen sprengt dort z. B. ein Reiter im leuchtend roten Rock mit einem Jagdhorn auf einem Apfelschimmel über ein Fichtenbäumchen hinweg, dort ist es ein stolzer, springender Hirsch, dort wieder der Kopf des Hubertushirsches mit dem Kreuz zwischen den mächtigen Stangen. Das ist Volkskunst, welche erzählt, welche Seele und Gedanken hinausführt aus dem grauen Alltag in Wald und Heide und das Herz fröhlich macht.