Dieser Absicht dient auch die Spielwarenausstellung im Erdgeschoß des Seitenflügels, wo man an der Fülle alter und neuer Stücke der Seiffener Industrie und Kunstfertigkeit seine Freude hat und nach Herzenslust wählen darf, was man sich oder anderen zur Freude erwerben mag. –

Doch draußen lacht die Sonne! Es hält uns nicht mehr im Zimmer. Wir steigen zur Kirche aufwärts, welche als achteckiger Zentralbau mit hohem Zeltdach und stolz daraus hervorschießendem Glockenturm charaktervoll in die Landschaft der Höhenlinien und Hänge sich hineinpaßt, wie aus dem Boden gewachsen und doch eigenartiges Leben für sich behauptend. Über dem Haupteingange befindet sich eine Platte mit der Inschrift: »Zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen geweihet 1779. Ps. 24. 7 – Pred. 4. 17.« Links unten ist die Höhenmarke 640,462 m eingelassen. Im Innern ist man überrascht über die geschlossene feierliche einheitliche Wirkung des zentralen Raumes, in dem zwei Emporen übereinander äußerste Raumausnutzung bei günstiger Anlage der Plätze zeigen. Im Sinne des großen Meisters der Frauenkirche in Dresden, Georg Bähr, ist hier ein echt evangelischer Predigtraum für viele Hörer in packendem Zusammenschluß geschaffen.

Auf dem Friedhof draußen stehen wir dann am Grabe des Pfarrers Härtel, der ein rechter Pfarrer für seine Gemeinde war, ein treuer Berater für die Seelen seiner Gemeinde, Helfer und Anreger auch in allen Dingen, die zur Blüte seiner Gemeinde in wirtschaftlicher, heimatkundlicher und kunstgewerblicher Hinsicht beitragen konnten, ein Freund der Heimat, festgewurzelt im Boden seiner geliebten Gemeinde.

Draußen im Walde hatte er sein Lieblingsplätzchen, wo er von moosig bewachsener Felsbank ins Tal schaute. Dieser Stein aus heimischem Grund sollte sein Grabstein werden, hatte er einst gewünscht.

Als ein rascher Tod ihn seiner Gemeinde nach beinahe dreißigjähriger treuer Arbeit entriß, da dachte man seiner Worte. Er konnte nicht mehr zum Stein im Walde draußen gehen. So kam der Stein aus dem Walde zu ihm und deckt nun als mächtige, rauhe Platte sein Grab und schützt es wie der Deckstein das Grab eines germanischen Edelings. Eine schlichte Inschrift nennt seinen Namen. Ein grüner Kranz aus ernsten Fichtenzweigen ist sein Schmuck.

Eine weihevolle, ernste Stimmung liegt über dem Grabe. »Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie du!« –

Wir schreiten weiter unter der Traueresche hindurch, welche wie ein mächtiger Torbogen die Straße überwölbt, und als ein eigenartiges Naturdenkmal von besonderem Reiz zu hegen ist.

Die Binge ist unser Ziel. Zwei Kessel sind es, aus denen einst das Erz gebrochen wurde. Eine Halde und steiler Felsgrat liegt zwischen ihnen und trennt sie. In die kleinere kann man hineingehen. Sie wirkt wie ein ungeheurer Steinbruch mit steilen Wänden, auf deren Vorsprüngen und Kanten heute der leuchtende Schnee liegt und die Farben des Gesteines besonders hervorhebt. Oben von der Höhe zwischen den Bingen haben wir einen weiten Blick ins Land und auf den Ort zu unseren Füßen. Wie auf einer gewaltigen Kanzel stehen wir hoch über der Geschäftigkeit des Tages, die verworren zu uns heraufklingt. Dann steigen wir zur großen Binge herab auf vereistem Wege, der glatt und nicht ungefährlich uns dicht am Rande dieses ungeheuren, wildromantischen Kraters entlang führt. Ein Wasser stürzt jenseits rauschend in die Tiefe und Eiszapfen hängen von dem Gestein wie schimmernder Spitzenbehang. Aus dem Grunde ragen Bäume auf und drüben am Rande stehen echt erzgebirgische, niedrige Bergmannshäuser. Längst ist der Bergbau hier erloschen, aber sein unverwischbares Gepräge hat er dem Orte gegeben. – Doch jetzt wollen wir noch Seiffen bei der Arbeit und bei der Kunst – Kunst der kleinen Leute suchen!

Unser Weg und unsere Wißbegierde führt uns in die Fachschule, die ein Jungbrunnen für die Seiffener Industrie zu werden bestimmt ist. Eine reiche Sammlung von Seiffener Spielzeug von ältester Zeit her zeigt wie die Entwicklung von einstiger Höhe zur Tiefe abwärts und in der neueren Zeit wieder zur Höhe aufwärts ging. Neben den alten guten Sachen fesseln uns vor allen die Dinge der Gegenwart und Zukunft, die Dinge der Hoffnung, neuzeitliche Arbeiten, die in echt erzgebirgischer Art die fröhliche Farbenbuntheit mit immer wieder neuen Formgedanken in materialgerechter Bildung und Herstellung verbinden. Über vielen Arbeiten liegt ein frischer Humor, der uns unwillkürlich lächeln läßt, wie bei jener Familie bunter Vögel, die mit ihren drehbaren Köpfchen sich um ihren gravitätischen Vogelkönig mit dem großen Schnabel und goldenem Krönchen scharen und mit aufgehobenen Schwänzchen bald keck, bald dummdreist, bald fröhlich in die Welt gucken. Kindeseinfalt, Märchensinn und Schelmerei sind mit scharfer, künstlerischer Naturbeobachtung verbunden, um in einfachster Form und Technik echte Vogelcharaktere zu geben und echtes kinderseliges Spielzeug zu schaffen. Und doch ist es so schwer, wie man uns sagt, diesen köstlichen Dingen Eingang ins Volk zu schaffen! Zur Anfertigung z. B. dieser Vögel hatte sich nur eine Fabrik seinerzeit bereit gefunden, welche inzwischen den Betrieb eingestellt hat. Diese Dinge werden also aus dem Handel völlig verschwinden, wenn nicht ein anderer Betrieb sie wieder aufnimmt und für den Vertrieb sorgt. Wir sehen in der Ausstellung z. B. auch das köstliche Gespann eines Ochsen und Pferdes vor einem Wagen mit Holzstämmen von einer verblüffenden Naturwahrheit und Echtheit in der Bewegung bei aller packenden Einfachheit der Form und Technik, daß man seine helle Freude daran hat. Auch dieses prächtige Werk echt deutschen Kindersinnes wird in deutschen Spielzeughandlungen wenig gekannt, geführt und gekauft. England und Amerika sind die Abnehmer. Und doch sind gerade diese Dinge, welche die künstlerische Leitung der Fachschule schafft und mustergültig durcharbeitet, die Hoffnungen für einen neuen Aufschwung in künstlerischem und wirtschaftlichem Sinne für die Seiffener Industrie. Sie sind die gesunden Keime einer kräftigen, zukunftssicheren Entwicklung und einer reichen kommenden Ernte.

Wenn die erstarrten und veralteten, z. T. unnatürlichen und unschönen oder gekünstelten Formen, welche noch vielfach den Spielzeugmarkt und die Musterläger beherrschen, diesen schönen Dingen weichen würden und den reichen Anregungen der Fachschule mehr nachgegangen würde, so wäre eine neue Blüte erzgebirgischer Kunstindustrie zu erhoffen. Das Schöne muß Massenartikel werden.