Da hängen z. B. in der Ausstellung eine Reihe von reizvollen, bunten Leuchtern aus Holz in einfacheren und reicheren Formen und Ausgestaltungen nach Motiven der alten erzgebirgischen, sogenannten Bergspinnen, gefertigt und belebt mit allerlei lustigen Figuren. Wer kennt diese köstlichen Dinge? Sprudelndes Leben, volkstümliche Kraft und bunte Farbenfreude spricht aus jedem Stück. Wie geschaffen sind sie, um im Kinderzimmer, im Herrenzimmer, auf der Diele oder in traulichen Gaststuben einen frohen Klang erzgebirgischer Heimatkunst, Heimatlust und Freude zu tragen. Sie haben sprühende, lebendige Ursprünglichkeit und farbenreiche Musik in allen Gliedern, wie ein Volkslied, das durch alle Stimmungen reißt, innig empfunden und frisch aus dem Herzen gesungen.

Sie sind wahre Volkskunst eigener echter Prägung und Art, durch welche das Erzgebirge seinen Ruf in ungeahnte Fernen zu tragen vermag. Denn nicht die Schablone, nicht die Allerweltsartikel, nicht die Überalldinge, nicht die Billigkeit begründen den Ruf und Erfolg, sondern die Eigenkunst, die Eigenkraft, der Eigenwert, die volkstümliche Eigenart, welche lebendig aus dem tiefsten Empfinden der Volksseele herausgewachsen ist. Wenn sich mit dieser volkstümlichen Eigenkunst der echte Unternehmergeist im Betrieb und Vertrieb verbündet, so wird er auch die wirtschaftlichen Erfolge für die erzgebirgische Heimatkunst herbeizuführen wissen. Trotz vieler köstlicher Dinge, die aus der Fachschule noch zu berichten wären, z. B. die Christmetten mit der Kirche in Seiffen in wunderbarer Lebendigkeit figurenreich hingestellt, müssen wir scheiden. Wir gehen noch durch mancherlei Häuser und Fabriken, um einerseits die Heimarbeit, andrerseits die Reifendreherei und die bis ins äußerste getriebene Arbeitsteilung der Seiffener Industrie kennenzulernen, wo mancherlei bemerkenswerte Beobachtungen, Bilder und Gespräche uns lohnten. Geht nur mit offenen Augen und Herzen in die Arbeitsstätten und ihr werdet stets reicher daraus wiederkehren. – Durch bis ins kleinste durchgeführte Arbeitsteilung werden in der Heimarbeit oft mit großer Geschwindigkeit große Mengen des einfachen Spielzeuges hergestellt. Da sitzt die ganze Familie oder mehrere Familien in einer Stube beieinander, und das kleine Werk eilt von Hand zu Hand der Vollendung entgegen. Die Männer an der Drehbank, den Reifen drehend, von welchem wie schimmernde lustige Bänder die feinen Drehspäne fliegen. Wie die Scheiben vom Kuchen, so werden vom Reifen die Profile der Spielgestalten abgespalten, geschnitzt, zusammengesetzt, geleimt, gemalt. Frauen und Kinder sind emsig tätig, singen auch wohl ein Heimatlied von Anton Günther, während der Krinitz im Bauer dazu pfeift.

Aus der Heimarbeit mit ihrer Traulichkeit, die die Familienglieder oder Nachbarschaft zu gemeinsamer Tätigkeit zusammenschließt, entwickelt sich durch die Arbeitsteilung die Fabrikarbeit, wo die Hand die Maschine bedient oder in einförmiger, immer wieder geübter Bewegung zur Maschine wird. An langen Tischen sitzen sie und schaffen und reichen sich die Arbeitsteile zu; nur der Arbeitsvorgang verbindet sie noch äußerlich. Das innere Verhältnis zur Arbeit, das innere Band, welches die Familie daheim um die gemeinsame Schöpfung eines Spielzeuges zusammenschloß, ist verlorengegangen, das was den Heimatfreund so fesselte, ist nicht mehr. Freilich mag diese Industrie mehr Leute und besser nähren, wir wollen sie nicht drum schelten, aber die Seele ist doch verloren gegangen und die Innigkeit des schlichten Empfindens, die Poesie der Schöpferfreude ist in den Fabriksälen nicht zu finden! –

Von sausenden Rädern und Transmissionen aus Sälen, durch deren mächtige Fenster hart, kalt und helle der nüchterne Tag hineinschien, traten wir in ein schlichtes Haus und stiegen auf hölzerner Treppe mit knarrenden Stufen aufwärts zu einem alten Mütterchen von mehr als 70 Jahren, Auguste Müller, welche als letzte wohl noch die urtümliche Herstellung einzelner Originalstücke nach eigener Erfindung in mühevoller Handarbeit von rohem Holze bis zum letzten Pinselstrich in köstlicher Naivität übt und in ihren Figuren ihre Phantasie mit munterem Blick durch die ganze Gotteswelt spazieren läßt.

Mit gebeugtem Rücken, sitzt sie im engen Stübchen, das Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitsraum, Himmel, Erde und Weltall zugleich ist, wo die Katze schnurrend umherstreicht. In malerischer oder vielmehr schnitzerischer Unordnung liegen auf dem Tisch Arbeitsgeräte, gekochte Kartoffeln, Nähzeug, Kaffeetopf und allerlei Dinge verschiedenster Bestimmung. Eifrig holt sie einen Kasten herbei mit einzelnen fertigen Arbeiten und erzählt von ihren Plänen. Für einen feinen Herrn hat sie die Figuren der Söhne geschnitzt in Matrosenanzügen, und ein feines Fräulein mit Täschchen und Federhut. Im Walde lebt der »Nusser« (Häher) sagt sie, und diesen packt der Habicht. Da verliert er seine kleinen blauen Federn. Diese sammelt sie sich und schmückt damit den Federhut des feinen Fräuleins. Für Kleid und Tasche sucht sie in der Modenzeitung ihre Muster in Schnitt und Farbe. Für das Dienstmädchen wählt sie ein flottes Dirndlkleid. Frisch ist der Typus der feinen Dame und des drallen Dienstmädchens getroffen. Dort hat sie eine ganze Tiroler Sängergesellschaft humorvoll zusammengestellt. Jetzt wolle sie einen Tempel bauen mit einer Krone oben, um den die Engel schweben. So geht ihre Phantasie und ihr Plaudern mit einer erstaunlichen Lebendigkeit. Was sie sich zusammensinniert mit ihrer kindlichen Phantasie, das führt sie mit großer Sicherheit durch, wofür viele eigenartige und reizvolle Stücke in der Sammlung der Fachschule und im Bunten Haus Zeugnis ablegen. Unter manches dieser Stücke klebt sie einen Zettel, auf dem irgendeine Schnurre oder scherzhafter Einfall notiert ist, der ihr vielleicht gerade Anlaß zu dieser Arbeit und ihrem Humor gegeben hat. So läßt sie ihre kleinen Personen reden und macht sie sich selbst lebendig. Sie lebt mit ihnen, sie sind kindlicher Ausdruck ihrer Stimmung. Auch ihr Name darf nicht fehlen. Ein stark abgeschliffenes Schnitzmesser ist ihr Handwerkszeug bei der Schnitzarbeit.

Das ist echte Volkskunst in ihrer ganzen naiven Kindlichkeit, die noch in diesem alten Mütterchen lebt und webt, sie ausfüllt und geistig lebendig, zufrieden und rüstig erhält, trotz aller Kärglichkeit und Sorge, welche der mühsame Erwerb bereitet; Volkskunst, wo in jedem einzelnen Stück die ganze Liebe und Freude des Herstellers an der Arbeit steckt und es wertvoll macht als Originalwerk, das aus der Seele des Volkes geboren ist. Volkskunst freilich auch, die nicht für den Massenexport und als Lebensberuf geeignet ist. –

Wir scheiden von der Alten mit dem Wunsche, daß sie noch lange ihr Schnitzmesser führen möge als letzte Schnitzerin echt volkstümlicher Seiffener Kleinkunst. Ihre kleinen Arbeiten werden wohl bald in Sammlungen solcher Dinge gesucht sein.

Bei dieser Wanderung durch die Seiffener Arbeitsstätten haben wir immer stärker und stärker empfunden, daß nur die Pflege der Eigenart uns stark machen kann. Nur in ihr schlummert die urwüchsige Kraft, welche sich durchzusetzen und zu behaupten vermag. Nur durch kraftvolle Eigenart und schlichte, einfache, volkstümliche, kindhafte Gestaltung muß diese Volkskunst wirken, sich abheben, herausheben von dem Gleichgültigen, aus der stumpfen Masse, aus tödlicher Schablone. Wie unsere Berge ihren Charakter tragen, der auch in den echten Kindern der Berge sich ausprägt, so muß die Kunst des Gebirges zu immer größerer Echtheit und Eigenart, zum Charakter sich durchringen und emporsteigen, mehr und mehr echt erzgebirgische Weihnachts- und Kinderkunst werden. Der innere Gehalt und äußere Wert können und werden dadurch wachsen und eine neue Blüte der alten erzgebirgischen Volkskunst gewinnen.

Hebt euch, ihr Künstlerhände, zum Werke und zur Tat, wache auf, du deutsche Phantasie mit Kindesaugen und Kinderherzen und schaffe neues Kinderglück, greife ins Land der Träume und trag’ die Erfüllung ins Land der Wirklichkeit, raffe dich auf, Unternehmergeist, zu frischem Wagen auf neuen Wegen und zu neuer Unternehmung für alte und neue Weihnachtskunst und Kinderkunst.