Zur Christvesper rufen ja heute die Glocken. Durch die enge Kirchgasse mit den malerisch gestaffelten Dächern der alten kleinen Häuser, hinter denen die wuchtigen Massen des altersgrauen Domes um so gewaltiger in das Nachtdunkel emporwachsen, eilen vermummte Gestalten dem Eingange zu. Wie mächtige Wogen ehernen Klanges dröhnen die Stimmen der Glocken vom Turme dir entgegen, füllen die Gasse, überfluten die engen Wände der Häuser und strömen hinaus in die stille, heilige Wundernacht.

Aus dem Eingange zum Dom tönt weich und süß der Klang der Orgel, schimmert der Glanz ferner Weihnachtslichter vom Altar her aus dunkelgrünem Nadelgezweig. Heute hat es so manchen in das Gotteshaus gezogen, der sonst ein gar seltener Gast hier ist. Heute will er hier das wilde Hasten und Treiben da draußen ganz vergessen, will zur Kindheit sich zurücktasten und in das Herz aufnehmen einen Klang von dem »Friede auf Erden«. Dicht sind alle Reihen und Plätze besetzt. Wie ein stilles freudiges Warten liegt es über der Gemeinde. Heute sind mehr denn je die Herzen aufgetan, und wie die Alten in weicher Stimmung in das selige Kinderland der Erinnerung zurückschauen, so pochen die Herzen der Jungen, der Kinder zumal, kommenden seligen Stunden entgegen. Freudig und voll jauchzen die Akkorde der alten herrlichen Silbermannorgel, jubelt der Gesang der Gemeinde dazu: »Welt ging verloren, Christ ward geboren, freue dich, freue dich o Christenheit!« Ein Kinderchor auf der Empore über dem Altar gegenüber der Orgel singt die alte süße herrliche Weise »Es ist ein Ros’ entsprungen« mit der Innigkeit, wie nur Kinder vor der Christbescheerung aus ihrem erwartungsvollen, wunderseligen Kinderherzen ausströmen können. Dann ist es, als ob der Engel der Verkündigung herniederstiege: »Vom Himmel hoch, da komm ich her« singt eine wunderholde Frauenstimme aus der Höhe und füllt mit ihren reinen, weichen, süßen Tönen die Halle des Domes und dringt in die Herzen der lauschenden Gemeinde. Die hohen stolzen Gewölbe öffnen sich, die Mauern sinken nieder, über uns wölbt sich der dunkelblaue Nachthimmel, an dem der Stern von Bethlehem strahlt. Wir sind die Hirten und schauen empor in diese Nacht der Wunder und Geheimnisse, aus der so unbegreiflich selige Verheißungen in lichten goldenen Klängen herniederströmen. Ganz leise singen die Stimmen der Orgel dazu, als tönten aus himmlischer Ferne die Harfen der Engel und als spielte der Nachtwind durch die flüsternden Halme des Feldes bei Bethlehem und durch die Kronen träumender Palmen. – Heimwehklänge nach einer unbekannten Heimat, nach einer versunkenen Stadt der Seele, deren Glockengeläute und Orgelsang der Sehnsucht geheimnisvoll aus fernen Tiefen deiner Seele ruft. Ergriffen lauschen wir den wunderbaren, uralten, heiligschönen und doch so kindlich reinen einfachen Worten der Weihnachtsgeschichte. Was die Gemeinde in dieser Stunde so am Herzen packt und über sich hinaushebt, hinausträgt über alle Unruhe draußen im Leben und drinnen im Herzen, das klingt dann empor in dem wundersamen »Stille Nacht, heilige Nacht!« Was in den vielen hundert Herzen hier lebendig geworden ist in dieser Stunde, erwachte und sich rührte an Lust und Leid, an Glaube und Liebe, an tiefer Andacht und Friedeverlangen, an Herzensnot und tiefer Seelensehnsucht, das drängt sich zusammen im Gesange dieses Liedes. Das tiefe Gefühl des Augenblicks, welches die Gemeinde wie mit einem goldenen Reif zu inniger Andachtseinheit und Gemeinschaft zusammenschmiedet, gibt dem Gesange eine wunderbare heilige Fülle und Ausdruckstiefe, als ob tausend goldene Halme emporsprießen, zur vollen Garbe sich einen, deren schwere Ähren sich tief neigen in Demut vor dem Unbegreiflichen und doch so tief Ergreifenden!

»O daß mein Sinn ein Abgrund wär

und meine Seel’ ein weites Meer,

dies Wunder zu erfassen!«

Ja, versunken ist alles, was draußen so unruhig ist, und die stille heilige Nacht hat ihren Einzug gehalten. Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Es ist Weihnachten geworden! Wie die hohen Weihnachtsbäume neben dem Altare mit ihren Kerzen schimmern und flimmern, so leuchten nun in den Häusern die Bäume auf. Draußen fallen die Flocken weich und still vom dunklen Himmel hernieder, Flocke auf Flocke, eine weiche zarte Decke, die hüllt und deckt mit weißem Flaum, was dunkel und häßlich ist. So hüllen die Weihnachtsgedanken auch manches Dunkle in den Herzen ein. Es ist Weihnachten geworden auch in den Herzen. Es hallen die Glocken ihr Halleluja über die Dächer und in die Straßen:

»Süßer die Glocken nie klingen

als zu der Weihnachtszeit,

ist’s als ob Engelein singen

wieder von Frieden und Freud!«