der Glocken hergezogen.«
Wie oft haben sie umsonst gerufen, und wie oft trugen sie mit ihrer singenden Seele empor den Aufschrei der Seele, der Gemeinde aus dem dunklen Grunde tiefster Gefühle.
Es ist etwas Besonderes, Ehrwürdiges, ans Herz Greifendes, wenn die Glocken von den Türmen dröhnen, die seit Jahrhunderten mit den Wolken und den Blitzen, mit den Stürmen und den Wettern Zwiesprache halten, deren Stimmen wir heute lauschen, wie die Urahnen ihnen die Herzen öffneten und ihnen ihre Herzensgedanken vertrauten, um sie hinauszurufen in Jubel und Freude, in Angst und Not, in Dank und Gebet. Dieselben Stimmen, die mit uns sprechen und für uns rufen, wie vor längst verschollener Zeit zu längst vergangenen Geschlechtern!
Wieviel Hände sind längst zu Staub zerfallen, die dort schon vor Jahrhunderten die Glockenstränge zogen, um des ehernen Mundes Singen und Rufen ins Leben tönen zu lassen!
Wieviel unruhige Herzen sind stille geworden, denen ihr Klang etwas Besonderes zu sagen hatte!
Ja, eine geheimnisvolle, unergründliche, tiefe Seele lebt in der alten Glocke, die mit dir reden will, sich offenbaren und dich emportragen will, aus der Enge der Gassen, aus dem Dunkel der Stuben und Häuser, vor allem aus der Enge und Beklommenheit deines Herzens und dem Dunkel deiner Seele, emportragen zum Licht und einer Fülle aller inneren Akkorde.
»Hebt meine Seele ins Abendrot
aus Erdendämmerung, aus Erdennot.«
Ist es nicht etwas Wunderbares um eine Glocke? Eine Glocke kennt nur einen Ton, ob der Sturm sie schüttelt oder der zarte Finger eines Kindes sie rührt, ob sie die glückliche Braut zum Altare geleitet oder die trauernde Witwe auf dem Gange zum Grabe, ob sie die Gemeinde zum Gottesdienst ladet oder das Sturmsignal bei Feuersbrünsten gibt: Nur einen Ton gibt die Glocke, aber Untertöne schwingen mit, und dein Herz klingt wider von ihren Tönen, und du weißt, was dieses Tönen sagen will und wie tausend Zungen daraus sprechen in Freud und Leid, in Sturm und Stille, im Leben und Sterben. Wenn die Glocken dröhnen, dann lausche, ob dein Herz mitschwingt, ob dein Herz auf den rechten Ton gestimmt ist. – – – –
Heute ist es ein ganz besonderes Klingen, das durch die gewaltigen Stimmen der Glocken schüttert und bebt. Die hohen Dächer und Giebel scheinen zu lauschen. Leise, leise fallen die Flocken wie zartes silbernes Spitzengeriesel! Der Wind scheint zu schweigen und stille, ganz stille zu ruhn, wie so von den Türmen die erhabenen Stimmen sich hinausschwingen und weit über die Mauern der Stadt, über Halden und schweigende Felder und die tiefverschneiten ruhenden Wälder rufen und künden mit unendlichem Wohlklang: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«, jene Kunde, deren selige Verheißung noch von keinem anderen Worte übertroffen worden ist.