des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
Dresden 1924
Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.
Meiner Frau und Wandergenossin
durch Heimat und Leben
Inhaltsverzeichnis.
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| 1. | Alt-Freibergs Romantik | [5–19] |
| 2. | Von festen Mauern und festen Herzen | [20–59] |
| 3. | Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus | [60–103] |
| 4. | Was der Petriturmknopf erzählt | [104–125] |
| 5. | Spruchweisheit in alter und neuer Zeit | [126–170] |
| 6. | Im Freiberger Dom | [171–213] |
| 7. | Vor der Goldenen Pforte | [214–229] |
| 8. | Haldenwanderung | [230–243] |
| 9. | Das Tännichttal im Tharandter Wald | [244–272] |
| 10. | Der Königstein | [273–322] |
| 11. | Eine Fahrt ins Weihnachtsland | [323–361] |
| 12. | O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit | [362–370] |
Alt-Freibergs Romantik.
Nicht lange vor dem Kriege hatte ich mit meinem Freunde Heinz eine köstliche Wanderfahrt ins Blaue mit dem Rade unternommen. Die alten lieben Städtchen am Main, wie Wertheim und Miltenberg, übten ihren mittelalterlichen Zauber, die Landschaft und der Frankenwein ließ unsere Herzen höher schlagen. Wie auf leichten Schwingen flogen wir durchs liebliche Taubertal. Eines Tages war das alte herrliche Rothenburg o. T. unser lockendes Ziel. Wir hatten das schöne Weickersheim mit seinem mächtigen Hohenlohe-Schloß und vergessenem, verwunschenem, verträumtem Park besucht und kamen gegen Sonnenuntergang über die Höhen an den Rand des Taubertales. Wir traten aus dem Walde: da lag plötzlich vor uns wie ein Märchen in rotglühendem Abendschein aus duftigem Talgrunde aufsteigend die alte herrliche Stadt mit ihren Mauern und Türmen, mit ihren Giebeln und Dächern und malerischen Toren in wundervollem Umriß vor dem leuchtenden Abendhimmel. Wir konnten nur stumm und atemlos schauen und schauen und haben den unvergeßlichen Eindruck nie wieder aus dem Herzen verloren. – Einige Jahre nach dem Kriege kam ich mit der Bahn von Würzburg nach dem alten herrlichen Rothenburg, um meiner Frau dieses Kleinod der Erinnerung zu zeigen. Wehe – ein nüchterner Bahnhof, eine langweilige Landstraße zur Stadt – – nichts von Romantik bis wir in der Stadt waren und der mittelalterliche Zauber unsere empfänglichen, zunächst so enttäuschten und ernüchterten Herzen wieder umsponnen hatte. –
Freiberg ist kein Rothenburg, und Tausend mögen durch seine Gassen wandern ohne je eine Spur von Romantik oder mittelalterlichem Zauber zu finden. Tausend mögen kopfschüttelnd wieder davongehen mit enttäuschtem, ernüchtertem Herzen, weil der karge, spröde, ernste Geist und Charakter der Stadt kein Lächeln für sie fand, das ihre Seele aufschloß und warm machte, wie jenes heitere, köstliche Stadtjuwel im Süden so leicht es vermag.
Und doch kann Romantik in Freiberg lebendig noch werden, wenn auch die grausame Gegenwart unendlich viel davon geraubt hat. Die rechte Stunde, den rechten Ort, die rechte Art zu schauen und zu lauschen, muß man haben, muß man suchen und finden, dann wird der Zauber lebendig und die verschütteten Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte Glocken tönen, die Augen und Herzen werden sehend, das Verlorene ist wieder da und lebt und füllt mit seinem wundersamen Leben und Weben die Stätten, welche zuvor leer, öde, karg und nüchtern schienen. Öffne dein Herz der Heimat, dann nimmt sie dich an ihr Herz und raunt dir wundersame Kunde zu und stille Geheimnisse, die dich reich und froh und stille machen. Heimat ist nicht Sache der verstandesmäßigen Vorstellung, sondern der seelischen Empfindung. Die Heimat hat nur der, welcher Heimatgefühl hat. Die Heimat liegt nicht draußen irgendwo, wo der nüchterne Verstand und kritische Geist seine harten, kalten Grenzsteine setzt, nein, wer sie sucht, der muß im eigenen Herzen suchen, muß die Arme ausbreiten, wie das Kind der Mutter entgegen, er muß glauben und lieben.