Willst du an das Herz und das innere Wesen der alten getreuen Bergstadt herankommen, willst du willig den spröden Reiz ihrer Herbheit kennenlernen und dir erobern, dann darfst du nicht mit der Bahn zu ihr kommen und durch das geräuschvolle Gewühl des nüchternen Bahnhofs und die Langweile der freudlosen Bahnhofstraße in die Altstadt wandern.
Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales oberhalb Halsbach im Osten der Stadt. Tief im Grunde windet sich die Mulde zwischen den grünen Abhängen. Hie und da tritt der nackte Fels schroff zutage. Häuser und kleine Gehöfte sind da und dort wie ein Spielzeug hingestellt. Birken leuchten mit ihren weißen Stämmen und winken mit ihrem grünen, zarten Schleier. Und droben, gegenüber auf den Höhen, die aus dem Talgrunde aufsteigen, türmt sich nicht ein malerisches Stadtbild mit Zinnen, Mauern und Toren, es türmen sich riesenhafte Halden mit ihren Werkbauten, Stätten der Arbeit vieler Jahrhunderte, die der Landschaft ihren Stempel aufgedrückt hat. Die Romantik der Arbeit, die Romantik, welche in die Tiefe der Erde, ins Dunkel hinabsteigt, die Schrecken der Finsternis mit kühnem Wagemut und raschem Erfindergeist besiegt, blinkende Schätze zutage fördert und aus dem Gestein der Tiefe Berge zum Himmel türmt von gigantischer Wucht und Denkmalsgröße, diese heroische Romantik der Arbeit schuf das Landschaftsbild.
Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales am linken Ufer gegenüber Muldenhütten. Wie ein schwarzer riesenhafter Kessel liegt es vor dir im Grunde. Schwarz blinkend fließt die Mulde und trägt weiße Schaumflocken, wie eine langsam gleitende gefleckte Schlange der Unterwelt scheint sie in der Tiefe unheimlich zu schleichen. Und es türmen sich bergaufwärts vom Grunde schwarze Schlackenmauern, Dächer über Dächer, Häuser über Häuser, Giebel über Giebel, die Essen rauchen und recken sich wie schlanke Türme dazwischen, und es ist als zitterte und dröhnte eine ungeheure Spannung, eine unbändige Lebenskraft und unzähmbare Arbeitswucht im Körper eines gefesselten Riesen. Sein heißer Atem stößt empor und flockt in weißlichen Wolken in den blauen Himmel hinein. Kahle mächtige Halden schieben sich hervor mit steil abstürzenden Seiten in ihrer schwarzen Nacktheit wie aus der Unterwelt und Nacht emporgehobene Felsenklippen mit trotziger Stirn in die flimmernde Welt des Lichtes starrend. Und darüber die Talhänge in goldgelber Farbe des herbstlichen rauhen langen Grases leuchten wie ein ungeheurer goldener Reif über dem Haupte des arbeitenden Giganten. Romantik der Arbeit schuf dieses Landschaftsbild als Ausdruck heroischer Schönheit und Kraft der Industrie. – Wandere mit mir durch das Muldental, wo steil die Halden der Bergwerke ins Tal abstürzen. Der Ludwigschacht mit seinen riesenhaften Sturzmassen schwarzer Blöcke schiebt sich wie ein gewaltiger Felsriegel dunkel und drohend ins Landschaftsbild. Aus finsterem Stollenmundloch strömt das Wasser des Kunstgrabens hervor und eilt hellgrün schimmernd neben unserem Pfad. Hie und da ein Häuslein am Wege oder dort auf grüner Halde unter leuchtenden Birken zierlich ein freundliches Idyll. Die Mulde strömt in raschem Flusse bald dicht an unserem Wege, bald in weitem Bogen im breiteren Talgrunde. Bald lieblich und freundlich, bald ernst und schwermütig oder gar finster ist diese Landschaft des Muldentales, geworden und gestaltet durch die Arbeit der Jahrhunderte, durch das Ringen starker Fäuste von tausend Geschlechtern im Bergmannskleid. Die Romantik der Arbeit mit Schlägel und Eisen geht im Bergkittel und mit dem Bergleder neben dir auf dem Weg durchs Muldental und raunt dir ins Ohr und fragt dich stolz: Wo gibt es Täler, deren Eigenart und Schönheit, deren landschaftlicher Charakter erst durch die industrielle Arbeit zu solcher Größe und Bedeutung im Wandel der Zeiten emporgehoben ist? –
Und dann komm und steige mit mir den steilen Weg der alten Dresdner Straße am linken Muldenhang, den Hammerberg, aufwärts, vorbei an der riesigen Halde des Abrahamschachtes, deren schwarze Steinmassen an der Straße zu mächtigen Mauern gepackt sind und weiter hinauf in steiler Böschung sich türmen. Wir gehen zu der etwa 100 m vom Wege rechts liegenden Grube Elisabeth, zur »Alten Liese«, wie sie der Freiberger Volksmund nennt. Ihre Grubengebäude über der mächtigen grau und weiß und gelblich schimmernden Haldenböschung sind echte Charakterbauten des Bergbaus mit ihren hohen, durch Fensterluken geteilten grauen Dächern und niedrigen hellen Mauern. Als wären sie aus der Halde gewachsen und geworden wie ein Naturgebilde, nicht wie gebaut oder hingestellt, sind sie echt, wahr und bodenständig.
Da liegt die alte Bergstadt vor uns in malerischer Umrißlinie mit ihren Türmen, Dächern und Giebeln, mit ihrer sturmerprobten, verwitterten Stadtmauer und dem starken Donatsturm und dem buschigen Grün der Wallpromenade im Vordergrunde. Die ruhende Masse des Domes, die beiden Türme von Nikolai und als stolzragende Krönung die Türme von St. Petri und Rathaus gliedern das Stadtbild in klarem, klingendem Rhythmus. Lachende Felder und Fluren weitumher, dort die grünen Wogen des Waldes, der bis in die Stadt seine harzduftigen Grüße schickt, und in der Ferne die Linien der Berge und Höhen, die in dem leuchtenden Himmel mit wundersamer Zartheit ferner und ferner, weicher und weicher sich zeichnen. Zu unseren Füßen blühende Gärten, in denen Kinder lachen und spielen, und dort drüben ein andrer großer Garten, wo stille Schläfer ruhen von ihrer Arbeit, der ehrwürdige Donatsfriedhof.
Vergangenheit und zukunftsfrohe Gegenwart, Geschichte, Sage und tausend Erinnerungen, das Leben, welches heute in den alten Gassen und Häusern wirkt und drängt, die Gestalten, Herzen und Gedanken, welche diese Giebel und Mauern, Türme und Straßenbilder einst schufen, darin lebten, liebten und schließlich dort drüben ihre Ruhe fanden, alles vereinigt sich zu einem geheimnisvollen Zauber, der verklärend über dem Alltag des Lebens liegt und über Nüchternheit und kalte Prosa und graue Sorge erhebt. Und mögen wir nichts wissen, was dort in jenen winkligen Gassen und alten Häusern an Leid und Lust geschah, wir fühlen es, daß sie viel erlebt haben und erzählen können, daß ihre heimlichen Worte die Romantik uns erwecken könnten, die mit ihrem Lächeln das Herz gewinnt und warm macht. Der Bergbau ist zur Rüste gegangen, aber immer noch klingt seine Poesie über die Firste der alten Häuser, wenn das Bergglöckchen noch läutet wie einst zur Schicht. Sie schreitet durch die alten Gassen mit den schlichten Häusern und lugt um die Ecken winkliger Straßen, die mit ihm jung waren, wo an Portalen hie und da die Gestalt des Bergmanns oder das Bergmannszeichen in Stein gehauen, Schlägel und Eisen, dich grüßt oder irgendein frommer Spruch oder Gruß, wie ihn unsre Zeit nicht mehr kennt. Poesie wandert hinaus zu den alten Schächten und Halden, die wie Hünenmale uralter Zeit die Höhen rings um die Stadt krönen. Sie steigt hinab in die tiefen dunklen Schächte, die jetzt so still und einsam sind. Wo einst des Fäustels muntrer Schlag erklang, »und sie gruben das Silber und das Gold bei der Nacht,« und wo das funkelnde Erz aus schwarzer Tiefe zur strahlenden Sonne gleißend emporstieg, wo man die Grubenwässer murmeln und fließen hört, und die Gänge und Stollen in schweigender Finsternis sich tief unter der Stadt und weit darüber hinaus wie ein ungeheures Netz meilenweit erstrecken, da lugt sie aus Spalten und Klüften, da huscht sie um die Ecken und Winkel, da hörst du sie flüstern vom Berggeist, von Gnomen und Kobolden, von den märchenhaften Schätzen der Berge, von den »Walen«, den zauberkundigen Venetianern, die ihren Ort wußten, von all den Wundern der Tiefe, die noch kein Menschenauge geschaut und der Erlösung harren, von den Geheimnissen der Wünschelrute. Da werden die Schatten lebendig, Vergangenheit wird Gegenwart, zeitlos und ohne Stunde ist das Dasein. Du weißt nicht, ist es droben Tag oder Nacht, Sommer oder Winter – eine Poesie ganz eigener Art hat dich in ihr Reich geführt, hält dich in ihrer Macht. –
Dort der alte Donatsfriedhof, ist er nicht auch Poesie? Seit 400 Jahren fast schlafen im Ringe seiner altersgrauen Mauern Freiberger Geschlechter. Sie zogen aus dem weiten Ringe der starken Mauern der Stadt, aus ihren schönen steinernen Häusern in den engeren Mauerring des alten Friedhofes, in die schmalen hölzernen Wohnungen aus sechs Brettern. Über ihren alten Grüften rauschen hohe Bäume. Um ihre schönen Denkmäler rankt sich der Efeu und Heckenrosen, duftet der Flieder und jubeln die Singvögel das Lied des Lebens und der unvergänglichen Liebe. – Pestzeiten waren es, als Herzog Heinrich der Fromme 1531 diesen Friedhof anzulegen befahl. Das Sterbeglöcklein stand nimmer still. Mit immer neuer Furchtbarkeit erhob die Seuche ihr schreckliches Haupt und erstickte mit ihrem giftigen Hauche das Leben, schonte weder jung noch alt, nicht arm noch reich, nicht Mann noch Weib. Die Friedhöfe an den Kirchen reichten nicht aus und aus den Grüften schien der Tod allnächtlich aufzustehen und mit gespenstischer Faust an die Türen von Hoch und Niedrig zu pochen, oder aus zahnlosem Knochenmunde seine Opfer grinsend anzuhauchen. Da befahl der Herzog, daß »wegen der Dünste, so sich in den gefährlichen und geschwinden Sterbensläuften aus den Todtengräbern ziehen und erheben, und manchen Menschen tödtlich vergiften mögen, daß ein gemeines Begräbniß außerhalb der Stadt zu halten sei«. Wo die Kapelle des heiligen Donatus stand, dicht vor dem Tor der Stadt, am Wege nach der Grube Himmelfahrt, zog man den ovalen Mauerring um die neue Stadt der Toten. Sinnvolle Beziehungen für gläubige Herzen mag man daraus erkennen: draußen der Weg der Bergknappen zur Arbeitsschicht in das Dunkel der Grube Himmelfahrt, drinnen der Gang zur letzten Schicht in das Dunkel einer Grube, deren Rätsel noch kein Wissen erleuchtet hat, die der Glaube in den Sprüchen auf Steinen und Kreuzen als »Himmelfahrt« deutet. Wie ist es doch auch so sinnig und tief empfunden, den ernsten Baum, der so feierlich und schön an den Gräbern steht, »Lebensbaum« zu nennen, und so in einem Namen sinnbildlich eine ganze Lebens-, Welt- und Religionsauffassung zusammenzufassen, nämlich, daß es keinen Tod gibt, sondern nur Wechsel und Übergang, Himmelfahrt.
Auf dem ergreifenden Gefallenen-Gedächtnismal des Friedhofs stehen die Worte: »Euer Tod soll Leben werden, deutscher Zukunft edle Saat.« Saat ist Leben und Sterben, Saat ist Tun und Denken, Saat ist Anfang, Ernte ist Vollendung. –
Eine tiefe, sinnige Poesie lebt so in den grünen Räumen des alten Friedhofes, der Ruhestätte des alten Freibergs, heute der stimmungsvolle Vorhof der neueren weiten Gräberfelder. – –
Wo sollen wir noch die Poesie und Romantik in Freiberg suchen? Ach, du brauchst sie nicht zu suchen, denn draußen, über das Friedhofstor hinweg, siehst du den gewaltigen Donatsturm ragen und in den Friedhof hineinschauen. Als Wahrzeichen der Stadt reckt sich seine wuchtige Gestalt empor wie ein Bild echten Bürgertrotzes und kernhafter Treue. Die Dohlen, die in den zahlreichen Mauerlöchern unzugänglich nisten, gehören zum Turm, wie seine Gestalt ins Bild der Stadt. Da scharen sich die schwarzen Gesellen zusammen zu einer Wolke, zu einem flatternden Geschwader; schreiend beraten sie, wohin der Flug sie tragen soll. Zum Spittelwald? Hin und her schwebt die Wolke, bald dicht zusammengeballt, bald weit auseinandergezogen droben in der blauen Luft und entschwindet schließlich in der Ferne am Saume des Waldes. Der Donatsturm, die Stadtmauern mit ihren alten Verteidigungswerken und Türmen, mit den Gräben, in denen jetzt die Bäume rauschen, wissen zu erzählen von alter Zeit, und ihre Steine reden von Kampf und Blut und Not und dem Heldentum schlichter Bürgertreue. Da klirrt es von Waffen, da kracht es aus den groben Stücken und Kartaunen, da rühmt es von kühner Tat, da raunt es aber auch von Verrat, da ist die Romantik der Geschichte lebendig, deren Zeuge diese Mauern und Steine waren. –