Und mitten im Herzen der Stadt, wo der Puls des Lebens am kräftigsten, am raschesten pocht, lacht oft die Poesie aus blanken jungen Augen, die Poesie der Jugend und fröhlicher Burschenzeit trotz trüber schwerer Gegenwart. Der Marktbrunnen rauscht und plätschert neben dir. Aus breitem vierteiligem Granitbecken steigt die wuchtige Mittelsäule auf, die vier kleinere Becken mit wasserspeienden Löwenköpfen trägt. Die Bronzegestalt Ottos des Reichen, des Gründers der Stadt steht mit wallendem Mantel in Panzer und Helm als Säulenheiliger oben auf dem romanischen Schaft und hält die Gründungsurkunde in der Rechten, den Griff des langen Schwertes in der Linken. Vier Bronzelöwen halten am Sockel der Säule Wacht und speien im Bogen Wasser in die unteren Granitschalen. Das unvermischte nasse Wasser, wie hier von allen Seiten es den Wettiner wie einen Wassergott umsprüht, umrieselt, umplätschert, und die von Löwen bewachte Säuleneinsamkeit dort oben mag nicht sein besonderer fürstlicher Geschmack gewesen sein. Das empfinden die Herren Studenten, denen anderer Stoff lieber ist als Wasser, mit unfehlbarem Feingefühl und wie der Hanfried auf dem Markte zu Jena spürt auch der reiche Otto flotten Burschengeist und kecken Übermut.

Nacht ist es. Der Vollmond leuchtet mit märchenhaftem Schein über die alten Giebel. Wie Silber blinken die Dächer und Erker der ehrwürdigen Häuser und blinzeln mit verschlafenen Augen in die Träume der Nacht. Der Rathausturm ragt hoch in den schimmernden Glanz. Wie das große rote Auge eines Zyklopen schaut seine Uhr auf den stillen Markt, als wollte es spähen und wachen für die Sicherheit der Stadt, ob nicht in den breiten schwarzen Schatten der Häuser oder in den engen Finsternissen der Straßenmündungen sich Geheimnisse verbergen. Da regt es sich gespensterhaft. Da klingt es wie heimliches Gemurmel. Ein Klappen, ein Schleifen, ein Trappeln und Huschen. Im Gänsemarsch zieht es herbei und bewegt sich im großen Kreise um den Brunnen, wie eine geisterhafte Prozession. Ein Ruck, die Prozession erstarrt, ein leises Kommando und ein kräftiger Salamander steigt auf dem granitenen Brunnenrand oder auf dem schwarzen Stein, da Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber, einst enthauptet wurde, eine Ansprache an den ehernen Brunnenfürsten dort oben, der wahrhaftig sein hartes Gesicht zum Lächeln verzieht, ein Prosit auf sein wässeriges Wohl in braunem Bier, das seine steifen Lippen nicht erreicht, ein brausender Burschensang, der von den Häuserwänden widerhallt, ein »Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt« und der Spuk ist spurlos verschwunden, als die Polizei erscheint. – Ruhig grinsend spucken die Löwen ihr Wasser im plätschernden Bogen, ein Philister schimpft zum Fenster heraus und Otto der Reiche guckt in den Mond. –

O Mondnachtmärchen und Mitternachtszauber am Obermarkt!

O Romantik jugendfrischer Studentenzeit, wie steigst du auf und lächelst dem Frohsinn ungebrochener Jugendlust und übermütiger Studentenstreiche. Auch der Löwenritt zwischen sprudelnden Strahlen und tiefem Wasserbecken zu mitternächtiger Stunde, unmittelbar angesichts der Polizeiwache, hat gar manchem üppigen Füchslein zu unfreiwilligem Bad oder Strafmandat, dem bronzenen Säulenheiligen dort oben aber öfter zu einer »feuchtfröhlichen« Huldigung in seinem steifen Dasein verholfen. Ja einstmals hielt dieser hochgestellte Erzheilige am Morgen eine große Klingel in der Hand, welche am verborgenen Drahte gezogen, frisch in den Morgen schellte, als wäre er der Ortsdiener und wollte seinen getreuen Freibergern ausschellen, daß der alte Burschengeist noch lebt. –

Was wallen die bunten Studentenfahnen aus den Fenstern, wo ein flotter Bursche wohnt, und flattern fröhlich im zausenden Winde, wenn irgendein Verbindungsfest oder ein Ehrentag der ehrwürdigen alma mater im Reigen der Zeit uns grüßt! Sie werfen buntjubelnde Freude ins Straßenbild. Der behäbige Bürger lächelt zu ihnen empor und freut sich, wenn die schlanken Burschen durch die farbenfrohe Poesie ihrer Jugend den grauen Alltag vergolden. Es lächeln aber auch lieblich verschämt oder auch keck und bewußt, je nach Temperament, die jungen Damen, wenn abends um 6 Uhr auf dem Bummel an der östlichen Marktseite die bunten Farben sich zeigen und mancher Gruß und mancher Wink aus schönen Augen spricht von Suchen und Finden, von Maienzeit und seligem Hoffen – »denn du weißt, du weißt es ja!«

Wenn der neue Rektor der Bergakademie durch seine Studenten mit einem Fackelzug begrüßt und der Scheidende zum Abschied geehrt wurde, was war das für ein Leben in der alten Bergstadt! Der Ausschuß der Studierenden in seiner eigenartigen kleidsamen bergmännischen Tracht voran, die bunten Farben und Mützen, Pekeschen und Jacken in reichem lebendigen Wechsel, der kräftige Sang froher Burschenlieder, die lodernden Fackeln mit ihrer roten Glut in den alten Gassen, die jugendfrohe, frische Begeisterung in lachenden, leuchtenden Augen, und herzudrängend in froher Teilnahme alt und jung, die liebe Mädchenwelt und die begeisterten Schüler, als wäre es ein Fest der ganzen Stadt, nicht bloß der alma mater: die Poesie des ganzen Studentenlebens schien sich in einem lachenden Bilde zusammenzuschließen. – Die harte Not der Zeit hat dieses herrliche Bild in den letzten Jahren nicht wieder lebendig werden lassen, hat die lodernden Fackeln ausgelöscht, hat aber nicht den feurigen Mut löschen können, der in den jungen begeisterten Herzen lebt, der auch das deutsche Leid überwinden wird.

»Frei ist der Bursch« klingt und singt es durch die Straßen nicht minder als durch die Herzen in Alt-Freiberg, der einzigen sächsischen Stadt, die noch den Zauber der Romantik studentischen Lebens bei allem tiefgründigen Ernst der Arbeit trotz aller Lebensnot uns spüren läßt. Wie klingen die alten Bergmannslieder, wie jauchzt das »Glückauf« in begeistertem Zuruf in froher studentischer Runde und machen die Romantik der bergmännischen Vergangenheit der Stadt und der eigenen bergmännischen Zukunft den jungen Sängern voll Begeisterung lebendig: »Glück auf! ihr Bergleut’, jung und alt!« Und wenn der Bursche hinauszieht ins Philisterland, wie begleitet ihn noch die Poesie bis in die rauchige Prosa der Bahnhofshalle, wenn das Abschiedslied in mächtigem Chore klingt und die farbigen Mützen dem Scheidenden winken: »Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus in die Welt. Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus!« – Die Fahrgäste schauen und winken mit aus dem Zuge, der aus der Halle schnaubend davonkeucht. Die Poesie Alt-Freiberger Romantik und frischen Burschengeistes hat sie berührt und klingt in ihren Herzen noch, wenn längst die Petritürme am Horizont versunken sind.

Ja die Romantik der Stadt! Wandere durch den Dom, tritt vor die goldene Pforte oder vor die schwarze Rüstung des Kurfürsten Moritz aus der Todesschlacht von Sievershausen, stelle dich unter die Torstensonlinde und laß dir von ihren Blättern zuraunen, wie der podagrageplagte Feldherr über das »Hexennest« Freiberg fluchte, oder steige hinab in das Verließ des Kunz von Kaufungen, oder denke an Friederikus Rex, wie er durch Freibergs Straßen ritt, oder an nächtliche Bergparaden beim wuchtigen, ehernen Klange der russischen Hörner bei Fackelschein und rhythmischer Bewegung der brennenden Froschlampen, denke an die feierlichen Leichenbegängnisse in düsterer Pracht, wenn ein Fürst im Dome beigesetzt wurde. Die Bilder drängen sich, Gestalten und Männer treten vor dein Auge und Herz und füllen dich mit Heimatstolz, denn nun erst hat die Stadt eine Seele bekommen, eine Seele, die mit dir wandert und spricht; du hast die Seele der Heimat gefunden.

Ja die Romantik in Freibergs Mauern, das ist die Geschichte der Stadt, die in ihr lebendig wird und in Erinnerungen redet. Ihrem ernsten Gewande braucht man nicht den Flitterkram phantasievoller Erfindung anzuhängen, um zu fesseln, zu packen und zum Sinnen und Denken und innerlichen Schauen anzuregen, daß es uns nicht wieder losläßt. Vieles ist vergessen, zerstört, hinabgesunken in das dunkle Reich des Schweigens, aber schaut die alten Häuser und Mauern, die alten schönen Portale, den herrlichen Dom mit seiner goldenen Pforte, den Kanzeln und der Wettiner Gruft, die anderen Kirchen, die altertümliche »Thümerei« mit ihren Museumsschätzen, das Rathaus mit dem, was diese Bauten in sich bergen, blättert in den alten Chroniken, Urkunden oder Akten, dann steigt es herauf und wird wieder lebendig, dann blüht ein verklärendes Lächeln auf, das Lächeln, das wie ein geheimnisvoller Zauber die alte getreue Bergstadt verschönt und die Herzen an sie fesselt. Verschüttete Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte Glocken tönen, versunkene, verwunschene Schätze steigen empor, die Augen und Herzen werden sehend, das Verlorene ist wieder da und lebt und füllt mit seinem wundersamen Leben und Weben die Stätten, welche zuvor leer, öde, karg, ernst und kalt und nüchtern schienen: Du hast die Seele der Heimat gefunden.

Von festen Mauern und festen Herzen.