Weil sie der Heimatlosen
Schwestern und Engel sind.«
Hermann Hesse.
Aus der Stadt dort unten dringt kaum ein Laut herauf zu meinem Stern. Nur ein fernes Summen und Sausen eint sich mit der großen Harmonie der Schöpfungsmelodie, welche aus den tausend Stimmen des Lebens und der Natur emporrauscht und mich umflutet. – – – –
Wie lustig sind die Dächer in der alten Stadt in der Tiefe zu unseren Füßen, welche der grüne Ring der Promenaden auf dem Gelände der alten Gräben und Wälle umgibt. Rot und braun, schwarz verräuchert und violett getönt, bei aller Buntheit eine fröhliche Harmonie in Ziegelfarben auf steilen Dächern. Hie und da ein Treppenturm dazwischen mit geschwungener Haube oder Kegeldach, oder dort ein kecker Giebel. Dort wieder stehen wie schweigende Hirten inmitten wimmelnder Herde die großen Gestalten der ragenden Türme von St. Nikolai, der Donatsturm, der Rathausturm und in breiter Masse gelagert des ehrwürdigen Doms mächtiger Bau und dort die klotzigen Mauern, breiten Dächer und der Rundturm des Schlosses Freudenstein mit spitzem Kegeldach. Blau kräuselt sich der Rauch empor und zerfließt in der klaren flimmernden Luft. Weiße Taubenschwärme flattern über die Dächer dahin. Ein aufgeschlagenes Buch ist uns die Stadt, in dem die Züge der Straßen hier so gerade und rechtwinklig sich schneidend, dort in unregelmäßiger Krümmung scheinbar regellos sich windend die Zeilen sind, aus denen wir Geschichte lesen. Das eine ist die Stadt, welche Otto der Reiche baute, dessen Denkmal wie ein Tafelaufsatz mitten auf blanker Tischplatte dort unten auf dem rechteckigen Obermarkt steht, das andere ist die Sächsstadt, die Stätte des alten Christiansdorf, der alten Siedlung, aus welcher die freie Bergstadt emporwuchs. Was der grüne Promenadenring umschließt, das ist die alte, freie, getreue Bergstadt, von deren Glück und Leid, Geist und Leben, Kraft und Treue in alter Zeit uns Andreas Möllers Chronik von 1653 so stolze, ruhmreiche Dinge zu berichten weiß.
Über den Dächern, Giebeln und Türmen, über den alten Wällen, Gräben und Mauern liegt der Zauber der Geschichte und der Sage, liegt der träumerische, anheimelnde Reiz der alten Stadt, welche Jahrhunderte kennt, welche Geist und Schicksal hat, welche sicher auf heimatlichem Grunde ruht, wie eine steinerne Riesenblume aus Jahrhunderten herangeblüht und in weitere Jahrhunderte hineinwachsend aus Felsengrunde dem Lichte entgegen.
Es ist mir, wie ich auf die alte Stadt herniederschaue, als blickte ich tief hinein in ihre Seele und hinab auf ihre Geschicke und sähe Geschlechter kommen und gehen, schaffen und leiden für ihre alte Heimatstadt, die Stadt, die heute noch der Ausdruck ihrer Seele ist und bleiben soll. – – –
Die Turmspitze ist nun erneuert und verspricht wieder 100 Jahre und mehr unter dem Schutze der neuen kupfernen Dachhaut Sturm und Wetter zu trotzen. Der goldene Turmknopf funkelt hell und blitzend im Sonnenschein. Er scheint ein schweigsamer Geselle zu sein und nicht ohne weiteres zur Zwiesprache aufgelegt, wenn die Schwalben um ihn her schwirren oder die Dohlen ihn umschreien. Er will auch nicht mit jedem sprechen, den nur die Neugier juckt. Seine Höhengedanken sind schwer zugänglich für den, der nicht in die Tiefe dringen will, oder nicht Welt, Leben und Seele aus der Höhe beschauen will.
Die Wetterfahne ist schon lebendiger und gesprächiger. Wenn der Wind sie dreht, dann klingt wohl das Sprüchlein, das auf ihr angebracht ist und mit dem Hugo Meeser bei seiner kühnen Turmknopfbesteigung ohne Gerüst zur Fahnenreparatur sich einst verewigte:
»Mußt durch die Zeit du sehr auch leiden