O wie weit und wie frei ist von dort oben der Blick! Auf dem Turmknopf hab ich gestanden und über die Wetterfahne weggeschaut in blaue, unendliche Fernen, in schimmernde Sehnsuchtsweiten, wo Erde und Himmel eins sind, und habe jäh hinabgeblickt in die Tiefe unten, in die Straßen und Höfe der Stadt, wie in dunkle Gräben und Schächte, so eng und so klein, in denen geschäftiges Ameisenleben wimmelt, so fern und so fremd uns und so sonderbar und zwecklos uns scheinend, als wären wir in einer anderen Welt, als schauten wir von einem Stern, als ein von Erdendruck und Zwang befreiter Geist.

O ihr Ameisen dort unten im Schatten, was rennt und eilt ihr hin und her, der eine hier sein Ziel, der andere dort seinen Weg suchend, ruhelos hier im Gewühl sich drängend und stoßend, rennend dort den Nachbar überholend, mit den Augen gebannt auf die niedrige Enge, die dumpfen Gassen und selten einer den Blick in die Höhe, zum Lichte, das über jeder Dunkelheit und Enge wartet. O, ihr Ameisen dort unten im Schatten, jede ein Menschenschicksal, jede mit dem Verlangen nach Glück und jede mit der Saat der Schmerzen und des Leides in der Seele, jede mit hundert Banden an die Erde gefesselt, und jede doch mit heimlicher, oft unbewußter stummer Sehnsucht, über dies Dunkel sich zu erheben: Des Himmels blaue Kuppel steht über euch! Er ist das hohe Dach der engen Gassen, er ist das hohe Dach auch für das engste Leben! Hebt nur die Augen empor aus dem Zwang der dumpfen Höfe eures Schicksals, und eure stumme Sehnsucht wird Flügel gewinnen, die euch emportragen. Greift nur zu und packt mit den Armen eurer Seele und drückt an die Brust, was euch, ja jedem von euch, die Heimat und der Himmel der Heimat bietet und geben kann an tiefem Erleben von Schönheit und innerem Glücksbewußtsein: Alles ist dein, was dein Herz sich zu eigen macht, dann fühlst du es: Der Wald rauscht nur für dich allein, die Wiese lacht nur dir mit ihrem leuchtenden Grün und bunten Blumen, dir schmettert der Vogel sein Lied, dir raunt der Bach mit seinem Plaudermund seine trauliche Melodie, für dich segeln am Himmel die Schiffe der Sehnsucht mit schimmernden Segeln, die ziehenden Wolken, für dich wandern die funkelnden Sterne durch die schwarzen Abgründe des Weltalls von Ewigkeiten zu Ewigkeiten, für dich baut sich Berg und Tal und blauende Ferne, das goldene Ährenfeld und die purpurne duftende Kleebreite, die Pracht des Winters mit seinen stillen, reinen Wundern und kristallenem Zauber an Halmen und Zweigen, dein, dein ist die Heimat, dein alle ihre Herrlichkeit, und dich macht sie reich, deine Augen helle, dein Herz froh und stolz und deine Seele rein und edel. Laßt nur durch enge Gassen und dumpfe Mauern die Seele nicht enge und dumpf, nicht dunkel und klein werden. Vergeßt nicht im Ameisengewimmel und Tagesgewühl von den köstlichen Einsamkeiten der Heimat zu schmecken und ihre heilige reinigende Kraft in euch zu trinken. Auch über dunklen Gassen steht der blaue Himmel und er ist dein, wenn du mit deiner Seele dich zu ihm erhebst. –

Es saust der Wind in starken Stößen, als wollte er den einsamen Träumer von seinem Stern, von seinem luftigen Standpunkt, dem höchsten Punkte der alten Bergstadt, herunterwehen, und Schwalben schießen sirrend und schwirrend vorüber, wie stahlblaue und silberne Pfeile. Wollen sie necken und spotten, daß der Träumer doch keine Flügel hat?

Aber unsere Blicke trinken die Ferne. Dort die blauen Linien der Bergzüge duftiger und duftiger in fernen Himmeln versinkend, ertrinkend, dort die dunkleren Wogen des Tharandter Waldes. Dort, wie ein ungeheures, buntes Tuch über die steigenden und fallenden Wellen des Landes gezogen, wie lebend, mit leisem Atem sich hebend und senkend, die Felder und Wiesen, die Äcker und Fluren in allen Tönen von Grün zum Braun, von Blau, Violett und Gelb, Wälder und Bäume, darin Hügel und Halden, Häuser und Höfe und Dörfer wie wunderfeines Spielzeug eingestreut, Teichspiegel blitzend wie Silberfunken, schimmernde Straßen wie leuchtende Bänder mit dem dunklen Perlensaum der Bäume, Wolkenschatten fliegen, bald leuchtend und lächelnd, bald ernst und trübe, bald hell in Freude, bald dunkel in Schwermut. Über alles gespannt so hoch und licht und weit des Himmels blauseidenes Zelt in dem die silbernen Wolken wie selige Gestalten einherziehen. Die blaue Erdenferne, die blaue Himmelsferne hat mich verzaubert. Ich stehe auf dem goldnen Knopf, auf meinem Stern im Mittelpunkt der Welt, außerhalb der armen Erde hoch im Licht, und um mich dreht sich Himmelsferne wie eine leuchtende Glocke von schimmerndem Opal und der schwebende Reigen träumender Wolken hebt über alles Irdische empor, und die blaue Erdenferne grüßt im ungeheuren Rund von aller Erdenschwere befreit in einer leuchtenden Schönheit, die sich in Sehnsucht wandelt und die Flügel der Seele spannt zur Unendlichkeit. Ich schaue nur empor in die blaue Gottesferne und grüße die Wolken, die stillen Gefährten der Höhengedanken, die schwebenden Wandrer des Lichtes. Ihr Wolken dort oben, wie nahe bin ich euch, als schwebte ich mit leise tragender Schwinge in eurer schimmernden Schar, wie seid ihr das Bild menschlicher Sehnsucht, menschlicher Träume! Aufsteigend, schwebend, dahinziehend in ziellose Ferne, zur Sonne sich erhebend und selig zerfließend im Licht, neu sich schließend zu leuchtenden Gestalten, zwischen Himmel und Erde wandernd. In Farben sich wandelnd, zu Purpur und Gold, zu Silber und Schwarz, zu blauem Sammet und rosenfarbener und blaßblauer Seide, vom Lichte strahlend durchwirkt, von Goldfäden zart durchsponnen. Ruhelos und ewig wechselnd, bald dunkel und schwer wie ein lauerndes Schicksal, bald silbern und glänzend wie strahlende Erfüllung, bald zart und schimmernd wie träumende Erwartung, bald jagend und eilend wie trotziges Begehren, bald stille rastend wie wunschloses Glück, bald sich ballend und türmend zu goldenen Gipfeln mit sehnsuchtsblauen Tälern, bald wandernd wie zarter Schaum ziehender Wogen, die aus dem tiefen Blau der Unendlichkeit quellen und wallen, wie weichen Nebels Spitzengeriesel fließend und fallend, immer neu und nimmer Ruhe, immer wechselnd und nimmer bleibend, zwischen Himmel und Erde wandernd, steigend und sinkend, werdend und vergehend, – menschlicher Seelen, menschlicher Sehnsucht Gleichnis und Abbild seid ihr dort oben, ihr Wolken des Himmels, ihr Wolken der Erde, euch fühle ich mich nahe, ihr schwebenden Wandrer des Lichts.

»Kein Herz kann sie verstehen,

Dem nicht auf langer Fahrt

Ein Wissen von allen Wehen

Und Freuden des Wanderns ward.

Ich liebe die Weißen, Losen

Wie Sonne, Meer und Wind,