Welche Gedanken und Erinnerungen werden da lebendig. Dinge, die keine Geschichte haben? Ach, wir haben Geschichte erlebt, daß uns das Herz stolz und groß und doch wieder weh und wund wie von sieben Schwertern wird. –

Ein großes Schlachtenbild von 1870 hängt dort an der Wand, wo stolz der Kommandeur mit seinen Offizieren hoch zu Roß auf der Höhe hält; die besiegten und gefangenen Franzosen ziehen ab, und Sieg klingt es wie mit jubelnden Fanfaren aus dem Bilde. Wir haben Geschichte erlebt!

Einst hing dieses Bild im Kasino der Offiziere des Freiberger Jägerbataillons Nr. 12, das ruhmbedeckt aus dem Weltkriege heimkehrte. Das Offizierkasino ist nicht mehr. Das Rathaus nahm das Bild als Zeugen ruhmreicher Tage des der Stadt so eng verbundenen Bataillons in treue Verwahrung. Unser Herz ist stolz und wund!

Unten im Rathausflur ist die große Ehrentafel mit den Namen derer, die treu im Dienste der Stadt gestanden, ihr Leben dem Vaterland geopfert haben. Lang sind die Reihen, zahlreich die Namen, welche uns die Treue bis in den Tod für Vaterland und Heimat predigen. Eine trauernde Mutter mit ihrem Säugling im Arm als Sinnbild der verlassenen Familie, ein bärtiger Krieger mit Stahlhelm in der Hand, das Sinnbild des treuen Kameraden, stehen links und rechts von den Namen der dreiteiligen Tafel. Unser Herz ist wund, wenn wir ihrer gedenken, und an das deutsche Leid, die dunkle Zeit seit jenen Tagen, doch wenn wir zurückschauen in unsere Geschichte, die Geschichte der Heimat, deren stummer Prediger auch das alte Freiberger Rathaus ist, dann spüren wir die Gewißheit, daß aus dem Heimatboden und der Heimatliebe neue Kraft emporwachsen wird.

Die Freiheit und das Glück der Heimaterde kann nur aus dem Heimatgeist geboren werden. O Heimat, Heimat, wann wirst du erwachen, wann wird dein Tag kommen und neuer Heimatstolz deinem Morgen lachen?

Wir stehen wieder auf dem Obermarkt und um uns hastet, lärmt und eilt das tägliche Leben. Da hebt das Häuerglöckchen vom Petriturm, der hoch in den Markt hereinschaut, zu rufen und zu klingen an, so wie seit Jahrhunderten seine helle Stimme mahnend über die Straßen, die Dächer und Giebel ging. Mitten im lärmenden Leben drängender Gegenwart faßt uns der Zauber der Vergangenheit, der Zauber der alten Stadt, welcher Geschichte und Kunst, Bergmannsleben und Bürgerkraft einen besonderen, eigenartigen Charakter gegeben hat.

Glück auf! Glück auf! Du alte getreue Bergstadt! Hüte deine Vergangenheit, dann blüht dir der Segen der Zukunft!

Was der Petriturmknopf erzählt.

Eines Tages schaute aus der obersten Turmluke hoch über den Glocken des hohen Petersturmes ein Mann heraus. Das war ein seltener Besuch dort oben in luftiger Höhe, und erregt flatterten und kreischten die Dohlen um den funkelnden goldenen Turmknopf und die knarrende Wetterfahne. Was wollte dieser Eindringling dort oben im Reiche der Dohlen, der Schwalben und Fledermäuse, hoch über den Glocken, wohin nicht Treppe noch Leiter führt, sondern nur gefährliche Kletterkünste über den Bronzeleib der Glocken, durch Streben, Stiele, Sparren und Gebälk?

Im Sturme hatte die Spitze des Turmes geschwankt, und die Wetterfahne mit dem eisernen Gestänge hatte sich geneigt. Heute fand der Zimmerpolier Dietrich, daß das Holzwerk des »Kaiserstils«, welcher die eiserne Spille der Wetterfahne und des Turmknopfes trägt, morsch geworden und ihr Absturz möglich war. Da galt es denn, die Turmspitze über den Glocken zu erneuern, denn auch Streben und Sparren hatten gelitten. In schwindelnder Höhe schoben sich nun Balken und Streben, Stiele und Zangen heraus und fügten sich zu kühner, luftiger Konstruktion, anzuschauen von unten wie ein zierliches, feines Gespinst, das die Konturen der schlanken Spitze umhüllte und in dem die Männer wie kleine Spinnen kaum sichtbar umherstiegen.