Der Turm, die beherrschende Zierde des Rathauses und Marktes, ist von dem Bürgermeister Nikol Weller von Molsdorf auf seine eigenen Kosten erbaut worden, »der Stadt Freyberg zu Ehren, weil ihn Gott der Herr durch das Bergwerck und geführte Handlungen reichlichen gesegnet«. Schon von außen sieht man, daß das Geschoß der Lorenzkapelle seine besondere Bedeutung hat, denn an den Außenkanten des Turmes sind zwei Nischen ausgespart mit schlichtem, kleinen Baldachin, in welchen einst die Gestalten der Mutter Gottes und des heiligen Lorenz, als der Schutzheiligen des Rathauses, sich befanden.
Von der großen Ratsdiele her betreten wir durch einen halbdunklen Vorraum die alte gotische Lorenzkapelle. Es ist ein neckischer Zufall, daß gerade der heilige Lorenz der Schutzheilige des jetzigen Raumes für die bürgerlichen Eheschließungen mit den beiden feierlichen Stühlen vor dem grünen Tisch ist, denn dieser Märtyrer wurde auf dem Rost gebraten. Hoffentlich bleiben derartige Märtyrergefühle allen erspart, die zum Lebensbunde sich auf die entscheidenden Stühle niederlassen.
Zwei andere Schmuckstücke aus der Zeit der Erbauung passen sich in sinnig symbolischer Weise dem jetzigen späten Zweck der alten Kapelle an, die in Stein gehauenen Wappen ihrer Erbauer, der Bürgermeister Weller von Molsdorf und Jobst Krohe. Das Molsdorfsche Wappenzeichen stellt zwei Schwanenhälse dar, die in den Schnäbeln einen goldenen Ring halten, das Symbol der Treue, welche zwei Seelen bindet, das Krohesche Wappen, eine Krähe, welche sich die Brust aufreißt, das Symbol der Aufopferung, welche das eigene Herzblut hingibt.
Diese redenden Wappen alter Freiberger Geschlechter, die heute noch so ganz besonders zur Zweckbestimmung des Raumes sprechen, sind über dem herrlichen Eingangsportale zur Kapelle angebracht. Dieses reiche gotische Portal ist das prächtigste Stück gotischer Kunst, – wenn man die unvergleichliche Tulpenkanzel im Dome ausnimmt, – welches in Freiberg erhalten ist. Reiches Stabwerk von Rundstäben, tiefen Hohlkehlen und scharfen gratartigen Profilen mit kräftiger Schattenwirkung schließt sich in schräger Laibung von 1 m Tiefe in kühnem Schwung zum edlen Spitzbogen zusammen. Die schlanken Rundstäbe haben schöne senkrecht oder schraubenförmig geriefte Sockel. Der äußerste Stab rechts und links blüht zu einer schlanken Säule auf mit schönem, spätgotischem Blattkapitell, das auf einem glatten Kämpferblock je eine schlanke Fiale trägt mit zierlichen Kantenblättern und Kreuzblume als Abschluß. Zwischen den Fialen ist ein schwungvoller Kielbogen, wie ihn die spätere Gotik liebte, eingespannt, aus dem reich und stark modellierte Blätter hervorwachsen und der schließlich zu einer stolzen Kreuzblume mit doppeltem Blätterkranz bis fast an das Gewölbe oben aufschießt. Überrascht stehen wir vor diesem Meisterwerke der Steinmetzkunst, das etwa um 1440 von Freiberger Handwerkern geschaffen, ein Beweis für den großzügigen, künstlerischen Sinn der Erbauer und das Können jener Zeit ist. Ein schönes, hochgeschwungenes Sterngewölbe mit edel profilierten Rippen überdeckt den etwa 12 qm großen, quadratischen Raum. 3 große, farbig verglaste Fenster mit tiefen Nischen in den starken Turmwänden, die als Rosenlauben zart bemalt sind, spenden eine Fülle von Licht und geben dem Raume eine festlich feierliche Wirkung.
Zierliche symbolische Malerei an den Türen der eingebauten Schränke ist wie eine liebliche Begleitmelodie zu dem Rhythmus und der klangvollen Harmonie des ganzen Raumes. Die alte Lorenzkapelle, das Eheschließungszimmer, ist als ganzer Raum und in ihren Teilen wie ein Symbol ihrer Bestimmung, ein Symbol des tiefen Sinnes und Zweckes des Ehebundes, daß Treue und Hingebung, Klarheit und Harmonie erst die rechte Vollendung geben, daß das Einzelne dem Ganzen dienen muß, um seine Bestimmung zu erfüllen, und daß das Ganze erst durch die Harmonie der einzelnen Teile lebt und gewinnt. – – – –
Sollen wir noch weiter durch das Rathaus wandern und uns erzählen von Räumen und neuen Dingen, die noch keine Geschichte haben? Gar manches wäre noch der Beachtung wert. Da hängt in der großen Diele ein mächtiger Kronleuchter aus Holz von der bunten Balkendecke herab, der in eigenartiger Zusammenfügung und Gestaltung schlichter erzgebirgischer Volkskunst dem Raume einen volkstümlichen Heimatklang verleiht. Da steht in der kleinen Stadthausdiele auf der Treppensäule frei im Raume die Gestalt eines Bergmanns mit dem Wappen der Stadt und einem großen Hammer über der Schulter, der Sohn der alten Bergstadt, der über ihr Wohl und Wehe, über Recht und Ehre Wacht hält. Da hängt an der Wand das eiserne Kreuz, welches 1915 opferbereite Hände nagelten.
»Dies Denkmal eisenharter Zeit,
gehüllt in schlichtes Eisenkleid
künde der Heimat Dankbarkeit«
ist sein Widmungsspruch.