ferner »Lipsia ter in anno, Friberga vero quater fructum refundit.« Leipzig schüttet dreimal im Jahre, Freiberg aber viermal Frucht! –
Dieser Stolz auf die Stadt war wohl begründet, denn 1474 belief sich die Zahl der Hausgrundstücke auf 579 in Freiberg, in Leipzig 519, in Dresden 427. Bereits 1400 hatte Freiberg eine Wasserleitung und dafür einen Röhrmeister angestellt. Eine unterirdische Beschleusung hatte ihre Anfänge den Bergleuten zu verdanken. 1484 war bereits eine Bauordnung erlassen, welche steinerne Häuser, harte Dachung und massive Brandgiebel vorschrieb. 1490 hatten die Tuchmacher schon eine Kranken- und Sterbekasse. Freibergs Handel und Privilegien reichten über das ganze Erzgebirge. Manche der alten Bürgergeschlechter hatten Besitzungen und Reichtümer wie kleine Könige und blühten durch Jahrhunderte. Das Bürgerbuch war so ein Buch des Stolzes für sie. Die Namen der Prager und Alnpeck, der Schönlebe und Schönberg, der Lingke, Monhaupt und Molsdorf usw. waren weit berühmt im Lande. – Wir schauen auch in die bunten Kammerkästchen und nehmen von den kostbaren, ehrwürdigen Urkunden einige zur Hand mit ihren mächtigen Siegeln in Holzkapseln. Die älteste ist ein kleines Schreiben auf Pergament, etwa 50 Jahre nach der Gründung Freibergs geschrieben, eine Bulle des Papst Honorius III. vom Jahre 1224, in welcher er versichert, daß er das zu Freiberg neu gestiftete Hospital St. Johannis in seinen Schutz genommen habe. Ein bleiernes Siegel hängt daran in vorzüglicher Prägung mit den Köpfen zweier Heiligen und einem Kreuz dazwischen. Ehrfürchtig betrachten wir dies 700 Jahre alte Schreiben, welches das heute noch blühende Hospital in seinem Geburtsjahr grüßt und bestätigt. Honorius III., der Stifter des Dominikaner- und Franziskanerordens, der den glänzenden Hohenstaufen Friedrich II. zum Kaiser krönte, sandte es aus der Weltstadt Rom in das rauhe, unwirtliche Gebirge hoch im Norden, wo eine junge Siedlung als neuer Kulturmittelpunkt in Urwäldern unter heidnischen Sorben sich ausbreitete und aufblühte. Welch ein Gegensatz echt deutscher Art und Schicksals wird uns bei dieser Urkunde lebendig: Dort der deutsche Kaiser im sonnigen Sizilien, im schimmernden Palermo seinen halb sarazenischen Hof haltend, der in sich alle Pracht des Morgenlandes und des Abendlandes vereinigte, dem deutschen Lande und deutscher Not fremd geworden und seine ganz große, staatsmännische Begabung auf Kunst und Wissenschaft und die wirtschaftliche Entwicklung, auf Handel, Rechtspflege und Heer in Italien und Sizilien verwendend, seine deutsche Heimat vergessend und der Gesetzlosigkeit und Raublust innerer und äußerer Feinde überlassend, hier dagegen gleichzeitig im Norden ein hartes, eisernes, einfaches Geschlecht von deutschen Bürgern, Bergleuten, Bauern in dunkler Waldwildnis und rauhem Gebirge in unermüdlicher Arbeit die Heimat sich erobernd, dem heimatlichen Boden Schätze abringend und aus eigener Kraft und tiefster Seelenstärke eine Kulturblüte hervortreibend, die durch die Jahrtausende leuchtet. Die goldene Pforte und die Kreuzigungsgruppe des Domes, Werke erhabenster Kunst und deutschester Art, Gesetzbücher und soziale Einrichtungen des Erzbergbau- und Hüttenwesens mit ihrer glänzenden Entwicklung sind heute noch redende Zeugen dieser alten schwer errungenen Kultur.
Eine andere Urkunde fällt uns besonders durch ihre zwei köstlichen, großen Wachssiegel in Holzkapseln auf, wahre Meisterwerke der Kleinkunst. Sie haben 11 cm Durchmesser und stellen in feiner gotischer Zeichnung einen Ritter auf anreitendem, gepanzertem Turnierroß dar mit Fahne im Arm und einzelnen wunderbar zart durchgeführten Wappen in der freien Fläche. Es ist die Urkunde, in welcher Bischof Johannes zu Meißen am 25. August des Jahres 1480 die Kirche unsrer lieben Frau zu Freiberg zu einer Stiftskirche erhob und das Domkapitel daselbst einrichtete. Vor unserem Auge steigt die Zeit der ausgehenden Spätgotik auf, als im deutschen Boden tausend neue Keime sich regten und Altes fallen und sterben sollte, als ein Suchen und Fragen durch die Lande ging und neue Welten aus dem Dunkel emporstiegen. Wir sehen Freiberg in Flammen stehen, den alten Dom stürzen und wieder aufsteigen aus den Trümmern mit schlanken Schäften und kunstvollen Netzgewölben, während eine neue Kunst mit belebendem Hauche neue frische Blüten sprießen läßt. – Dort der Ablaßbrief mit seinen bunten Heiligenbildern aus jener Zeit erinnert uns an Johann Tetzel, der auch in Freiberg seinen einträglichen Handel trieb. Freilich erkannte der gerade ehrliche Sinn gar bald, wie hohl und unwürdig dies Treiben war. Luthers Hammerschläge am Tor der Schloßkirche von Wittenberg hatten auch in Freiberg kräftigen Widerhall gefunden. Als Tetzel kurz nach dem weltgeschichtlichen 31. Oktober 1517 nach Freiberg mit seinem Ablaßhandel kam, »hat es ihm so wol als zuvor nicht glücken wollen, also gar, daß mehr allein wenig Personen seiner geachtet, sondern auch die Bergleute ihn zu beschimpffen sich unterstanden und verlauten lassen, das gesamlete Ablaßgeld ihm gar abzunehmen, deßwegen er bald fortgewandert …«
Aus den Kammerkästchen im alten ehrwürdigen Archiv, aus den Urkunden und pergamentenen Handschriften, aus den mächtigen Foliobänden längst vergangener Tage steigt so altes deutsches Leben, großes Geschehen, das Gedenken großer Taten und Männer auf. Luther und Melanchthon, Johann Sebastian Bach und Bismarck wandeln an uns vorüber, werden lebendig, wenn wir ihre Handschriften sehen und in der Hand halten. Wir sind nicht mehr im Urkundenarchiv zwischen engen Mauern abgeschlossen vom Leben, von dem kaum ein Laut hereindringt, nein, wir stehen wie auf einer hohen Warte und schauen hinein in das flutende Leben, wie es durch die Jahrhunderte strömt und seine Wellen aufwirft, und in seinem Vorwärtsdrängen die Geschlechter durcheinanderwirbelt und treibt, aneinanderreibt, emporträgt und niederreißt, aus dem Ursprung ferner Vergangenheit her aus dem Zeitenwandel Geschichte schaffend; das Schauen wird uns Erlebnis, Erlebnis der Heimat, Erlebnis ihrer ringenden, kämpfenden Seele; das Leben der Heimat rauscht uns, und die Liebe zur Heimat ist die aus dem inneren Erlebnis emporwachsende Frucht.
Aus dem Urkundenarchiv, wo vergangene Zeiten eindringlich zu uns sprechen, gehen wir hinüber zum Ratssitzungszimmer, wo mit den Forderungen, Leiden und Nöten der Gegenwart gerungen wird und ernste Männer raten und taten, sich mühen und sorgen um das Wohl der Stadt. Wir schreiten durch eine altertümliche doppelflüglige Eisentür, die aus geschmiedeten Platten zusammengenietet und mit durchbrochenen Auflagen und Bändern reich verziert ist, ähnlich der schönen Eisentür am Archiv. Ein mächtiges Kunstschloß dient zur besonderen Zierde und Sicherung. Eine zweite Tür aus starkem Holze in eingelegter Arbeit mit reicher Profilierung liegt hinter der Eisentür und wird umrahmt von einem reichen Renaissanceportal im Ratszimmer. Der Raum ist 7,50 × 9 m groß und ist mit einem flach gespannten Netzgewölbe mit aufgeputzten Rippen überspannt, in das die Stichkappen über den Fenstern tief hineinschneiden. Die Stimmung des Raumes, ein sattes Grün der Wände mit leuchtendem Goldgelb der Wölbung, mit dem großen länglichrunden Ratstisch und den hochlehnigen, geschnitzten Stühlen ist ungemein behaglich. Dazu trägt nicht zum mindesten bei die den ganzen Raum beherrschende kostbare Vertäfelung der Ostseite mit ihren Gesimsen, Pilastern, Füllungen aus edlen Hölzern in eingelegter Arbeit und reichen Profilierungen. Beim näheren Zuschauen finden wir, daß diese hoch bis an den Gewölbekämpfer hinaufgehende Vertäfelung ein wunderbares Schranksystem ist, das in tiefen Wandnischen mit vielen Fächern eingebaut ist. Die Türen dieser Wandschränke haben zierliche durchbrochene Beschläge, welche von demselben geschickten Schlosser stammen, der die Türen zum Archiv und zum Ratszimmer schuf, dem Ratsschlosser Paul Winkler, der 1630 acht Gulden für seine Arbeit erhielt. Die Kunst der Schlosser und Schmiede stand in Freiberg in hoher Blüte, und gar manches prächtige Werk zeugt heute noch von ihrer geschickten Hand. Da sind vor allem die köstlichen geschmiedeten Tore und Einfriedigungen am grünen Friedhof am Dom aus der Hand Gabriel Mehners (1653–1705) mit ihrer reichen, materialgerechten Ornamentik, Spiralen, üppigen Blumen und Rankenzügen, zu nennen, ferner die schönen Gitter in der Begräbniskapelle und in der Annenkapelle am Dom, geschmiedete Grabkreuze, Vorhangträger, Schlosserzeichen, Türbänder, Fenstergitter usw. im Altertumsmuseum. Der Rat der Stadt wußte den Wert solcher kunstvollen Handwerksarbeit wohl zu schätzen nicht nur dadurch, daß er die tüchtigsten Meister zur Arbeit heranzog, sondern auch dadurch, daß er schön gearbeitete Meisterstücke ankaufte und gelegentlich verwendete. Durch diese Art praktischer Kunstpflege wurde das Handwerk gestärkt, der Wetteifer geweckt und die Leistungsfähigkeit erhöht, so daß der Ruf der Freiberger Arbeit sich weit verbreitete.
Der Wandschmuck des Ratszimmers ist sonst schlichter Art. Zwei mächtige Geweihe, Zwölfender aus den Rehefelder Waldrevieren stammend, mit blank gefegten, weißen Enden bringen einen Hauch von Harzduft, frischer Bergluft und der grünen Freiheit der Berge in den gestrengen Raum städtischer Verwaltung und Sorgen. Ein Ölbild des früh verstorbenen trefflichen Malers Mißbach an der anderen Wand führt in die heimische Landschaft, in ein grünes Wiesental, über dem blauduftiger Waldhang sich erhebt. Im Wiesengrün leuchten blaue Blumen als hätte der blaue Frühlingshimmel seine Pracht mit vollen Händen darin ausgestreut, und ein Busch glänzt mitten im Grün im funkelnden Sonnenglanz als sollten Wiese und Wald, Himmel und Sonne nur seiner Schönheit dienen.
Gar manchmal, wenn in schwerer Beratung die Geister sich erhitzen, oder im Redefluß die Stunden zähe sich dehnen, mag ein Auge in diesen grünen Frühling sich flüchten, sich erfrischen und den Geist zurücklenken von trocknem Aktenstaub und grauer Theorie, zum grünenden frischen Leben freier Entschlüsse.
Noch ein anderes Bild erregt unsere Aufmerksamkeit, der alte Kupferstich von F. B. Werner »Freyberg in Meißen«, etwa aus der Zeit um 1710, aus welchem man so recht die stolze Wehrhaftigkeit der alten Stadt erkennen kann. Mit peinlicher Genauigkeit und Schärfe und großem malerischen Reize sind die Türme und Mauern, die Wälle, Gräben und Teiche der Befestigung dargestellt und über sie hinausragend das bunte Gewirr der Dächer und Häuser und hoch in die Lüfte steigend die Türme der Kirchen und des Rathauses. Ja, wenn einst ein Stadtkind von außen sich dieser seiner Heimatstadt näherte, oder von einer der hochgetürmten Halden hinabsah auf dieses stolze wehrhafte Stadtbild, so mochte ihm mit Recht sein Herz höher schlagen, denn kaum eine andere in weiten Gauen mochte ihm gleichen an Schönheit, Eigenart und trotziger, auf sich selbst gestellter und bewährter Kraft. Die Stadt ist die Krone der Landschaft und damit der künstlerisch vollendete Ausdruck, die echte Ausprägung ihrer Geschichte und ihrer inneren Bedeutung und Kraft. –
Hier im Ratszimmer, wo die Geschicke der Stadt seit Jahrhunderten sich flechten und lösen und die Gedanken und Sorgen um ihr Wohl und Wehe seit Jahrhunderten sich kreuzten, aufwuchsen und wieder zur Ruhe gingen, hier spricht eine Stimmung voller Eigenart zu dir, wenn du es hören und fühlen willst, als wäre dort das Herzpochen eines lebendigen Wesens, das groß und heilig ist, viel erfuhr und viel erfühlte, viel erlitt, doch nie erlahmte, als wären wir in einer der Herzkammern der Heimat, durchpulst von warmem, lebendigen Blute und Geiste, voll des Großen und Schönen, voll von Erinnerungen und Geschichte, voll von Drang, Arbeit, Hoffnung, Zukunft. –
Noch einen Raum müssen wir betreten, ehe wir das alte Rathaus verlassen, den Raum, in dem Einzelgeschicke sich flechten, in dem Gedanken sich kreuzen und binden, in dem Herzen pochen ganz anders, als wie sonst im Leben, Herzen voll von Entschlüssen, Plänen, Drang, Hoffnung, Zukunft – es ist das Eheschließungszimmer, die alte Lorenzkapelle im Rathausturme.