So oft ihr in die Tiefe fahrt,
So denket in die Höh!«
»In die Höhe denken« tut uns allen heute mehr denn je not, und dem, was die Glocken uns sagen und erzählen können, sollte man wohl gerne lauschen, denn Leben und Dasein des einzelnen Menschen, wie von Stadt und Volk, sind von ihnen durchklungen und sind begleitet von ihren ehernen schwingenden Schritten hin und her.
Der Turmknopf dagegen, so hoch erhaben über den Glocken, besitzt den Stolz und die Verschlossenheit der Einsamen und ist ein schweigsamer Geselle. Er schaut sich still die närrische Welt von oben an, und selten, selten öffnet er den schweigsamen Mund. Doch als ich bei ihm oben war, hat er doch manches mir ins Ohr geraunt. Manches, was ich da erlauschte hoch über dem Brausen der geschäftigen und ach so kleinen Welt da unten, und was er so lange schweigend bei sich bewahrte, gibt einen Höhenblick über Zeit und Menschen, als stünden wir bei ihm auf der Spitze oben an der Wetterfahne und sähen den Geist der alten Stadt an seinem Schicksal weben, als sähen wir die Geschlechter kommen und gehen, schaffen und leiden. Wie manche Menschen scheint zwar der brave Knopf zu sein: »Außen blank und blendend, innen nichts, hohl und leer!« Doch nein, »er hat es in sich!« Wenn er auch nur vielleicht alle hundert Jahre einmal spricht, und man ihm dazu erst recht energisch auf seinen runden Leib rücken muß, um ihn zum Reden zu bringen, so ist doch das, was er dann sagt, um so bemerkenswerter, denn Stimmen und Geister von Männern und Geschlechtern früherer Jahrhunderte werden lebendig und steigen empor aus enger Haft und reden von dem, was Ihnen einst wichtig war. – – –
Eine alte gute Sitte ist es, in Grundsteine, Schlußsteine, Turmknöpfe bemerkenswerter Gebäude, Urkunden einzulegen und mit ihnen Zeugnisse über die Zeitverhältnisse, Proben von Geldmünzen und was etwa besonders bemerkenswert erscheint. Diese Dinge müssen gut verwahrt sein, denn bei dem Wechsel von Frost und Hitze und der Möglichkeit von Zutritt von Feuchtigkeit z. B. als Schweißwasser würden die Urkunden sonst bald zerstört sein. Man verwahrt sie darum in besonderen metallnen Kapseln, die verlötet oder verfalzt und dann dem Turmknopf einverleibt werden. Im Jahre 1580, als die ersten Urkunden in unseren Turmknopf eingelegt wurden, beachtete man dies nicht. Die Urkunden sind daher fast ganz zerstört und nur dadurch z. T. erhalten, daß sie im Jahre 1803 in die Kapsel mit aufgenommen wurden.
Der Turmknopf des hohen Petersturmes ist eine Hohlkugel aus Kupferblech von 70 cm Durchmesser, d. h. von einer Größe, daß zwei Knaben von 10 Jahren darin zusammengekauert Platz fanden, als bei der Erneuerung sein goldenes Kleid neuen Glanz erhalten sollte und er auf die profane Erde dazu herniederstieg. Zwei kupferne Kapseln zylindrischer Gestalt von etwa 35 cm Länge waren sein Inhalt, welche Urkunden auf Pergament, Drucksachen und in besonderen kleinen Behältern Geldmünzen enthielten. Die Urkunden stammen aus den Jahren 1822, 1803, 1731 und 1580. Der Inhalt der Urkunden ist einander ziemlich ähnlich. Er behandelt zunächst die Gründe der Ausbesserungsarbeiten, dann die Zusammensetzung des Rates und schließlich die Preise von Lebensmitteln und einige Zeitereignisse, die besonders bemerkenswert erschienen. Die älteste Urkunde von 1580 auf Pergament ist stark beschädigt und nur schwer noch leserlich. Diese Urkunde beginnt: »Anno Domini. Tausendfünfhundertundachtzig, als man die Spize auf den runten Thurm zu St. Peter renoviret, den Knopff neu vergoldet, und gewahr wurde, daß die Spize uf den andern und höchsten Thurm auch wandelbar ward, hat man die aus Noth anderthalben Ellen oben herab abschneiden müssen, denn die Spille so hoch uf der einen Seiten gar verfaulet war, so lang hat man Nikol Schmiden einen Bergschmid, uf der Peterstraßen, so allerhand künstlich Schmiedewerk machen können, wiederumb einen eisernen Schuch und Stange machen lassen.« Der wackere Bergschmied bewährte seinen Ruf. Er schmiedete einen Engel mit einer Armbrust und brachte ihn über dem Knopfe an. Leider fing dieses Schmiedewerk zu viel Wind, so daß es 1589 herabgenommen und durch die Fahne mit dem Stadtwappen ersetzt wurde. Es war die Zeit des Kurfürsten August, des »Vater« August und der »Mutter« Anna, aber doch wird in der Urkunde über die Zeit geklagt: »zu dieser Zeit waren diese Lande, sowohl die Bischoffthümer harte betränget, mit dem Wildpret von Hirschen und wilden Schweinen, deren in großer Anzahl in diesen Landen gehegt waren. Man mußte auch von jeden Fasse Freybergischen Biere 22 gr. Tranksteuer und 27½ gr. Ungeld geben, dadurch die Leute gar verarmeten und große Wehklagen unter dem Volke war, denn man muste von jedes Kandel Wein über die Tranksteuer 2 Pf. Ungeld, und von einer Kandel Bier 1 Pf. geben. War hierzu große Theurung, man muste um Pfingsten einen Scheffel umb 5 alte Schock bezahlen usw.«
Dieser Stoßseufzer aus schweren Herzen, der dem verschwiegenen Innern des höchstgestellten Knopfes der Stadt anvertraut wurde, zeigt, daß die Landes»kinder« doch wohl nicht mit ihrem Landes-»Vater« und -»Mutter« ganz einverstanden waren, sondern auch die Faust in der Tasche oder im stillen Turmknopf ballten. Es wirft diese Klage auch ein helles Licht auf die Jagdleidenschaft des Kurfürsten, dem das Wohl des Wildes bei weitem höher stand als das Wohl des Bauern. Die Jagdstrecken der alten weidwerksfrohen Wettiner waren ja so ungeheuerlich groß, daß man ebenso staunen muß über den Wildreichtum des Landes wie über die Zeit und das Geld, welche die Fürsten dieser Leidenschaft opferten. Wo gar einem hohen Gaste eine Jagd geboten wurde, scheute man nicht vor verschwenderischem Aufwand zurück, um durch glanzvolles Schauspiel zu blenden. August I. hielt in Lichtenburg eine Jagd mit dem Könige von Preußen im Jahre 1730 ab: Alle Jäger erhielten dazu neue Uniformen und silberne Hifthörner, auch sogar die Treiber grüne Westen und Schärpen aus »Silberlahn«. Für die höchsten Herrschaften war ein hölzernes Jagdschloß mit vergoldeten Simsen und Fensterrahmen erbaut. Man erlegte an diesem Tage an 600 Hirsche und Rehe und über 400 Keiler, Bachen und Frischlinge. Es fällt uns hierbei die ungeheure Zahl des Schwarzwildes auf, das aus sächsischen Forsten jetzt wohl fast ganz verschwunden ist. Welchen Schaden mögen diese Wühler den Feldern der Bauern zugefügt haben!
Der Jagdgast in Lichtenburg war der strenge, sparsame Vater Friedrichs des Großen, Friedrich Wilhelm I. Es war das für Vater und Sohn so furchtbar tragische Jahr, in welchem Friedrich in Küstrin gefangen saß und sein Freund Katte zum Tode geführt wurde, der Riß zwischen Vater und Sohn am tiefsten und schmerzlichsten war, ja unheilbar schien. In dieser düsteren Tragik die silbernen Hifthörner von Lichtenburg und der leichtsinnige Tand und die wilde Genußsucht Augusts des Starken, ein seltsamer Gegensatz, so scharf wie der Unterschied zwischen der Auffassung von Königsberuf und Herrscherpflicht bei diesen beiden Männern. –
Aus dieser Jagdleidenschaft, welche alle alten Wettiner mehr oder weniger beherrschte, und der rücksichtslosen Pflege des Wildes, läßt sich ermessen, wie »harte betränget« namentlich der Bauer und gemeine Mann gewesen sein mußte. Und dazu das Bier und der Wein so hoch besteuert, daß man nicht mal seine stille Wut ertränken konnte! Da war die heimliche Faust in der Tasche oder im stillen Turmknopf der letzte Ausdruck nicht sehr untertäniger Gefühle sogar zur Zeit und im Lande des »Vater« August und der »Mutter« Anna, und nach heutigen Begriffen nicht ganz unberechtigt!
Als bemerkenswertes Ereignis wird in unserer Urkunde weiter noch folgendes erzählt: »Im Junio diss Jahr, stach Hanss Harrer, Churfürstl. Kammermeister zu Dresden im Schlosse, ihme mit des Churfürsten Taffel Messer, selbst die Gurgel dreymahl entzwey, ward vermutet, er hätte helffen das Ungeld aufbringen, hat aber den Pfeffer Handel in diese Lande bracht, und viel Rotte von Augspurg, der ihn darauf geführt, aufgestanden und Pankrott gemacht, hat er Ihme in die 70 bis 80 tausend Gulden mitgenommen.«