Bei der Aufzählung der Ratsmitglieder fällt auf, daß eine Reihe von ihnen nicht aus Freiberg stammte. Da ist der Bürgermeister Kilian Steck, von St. Gallen, der Kamerer Ludewig Budewitz von Erfurt, Hanß Pocksch von Pauzen, Jakob Heindel von Lengefeld, Adam Bellmann, der gelehrte Stadtschreiber, welcher die Urkunden verfaßt hat, stammt von Sayda. Er setzt seinem Namen den Sinnspruch bei: Virtuti fortuna comes, auf deutsch »Das Glück begleitet die Tüchtigkeit« oder »Jeder ist seines Glückes Schmied«. Er war also anscheinend von seiner Tüchtigkeit und seinen Erfolgen sehr überzeugt. Seinem Ratskollegen Christoph Rudolf von Leisnig gibt er auch ein paar lateinische Worte mit: »Dieser war so arm, ut hostiatim quereret eleemosinar«, d. h., daß er um Almosenopfer bat. Soll diese Bemerkung für Christoph Rudolf eine Auszeichnung sein oder einen Makel bedeuten? – Im Bergamt regierte »Herr Wolff von Schönberg, uf Reinsberg« als Berghauptmann. Oberbergmeister war Martin Planer. Martin Planer war ein berühmter Mann, ein hervorragender Techniker, der durch seine Tüchtigkeit dem Bergbau großen Nutzen bis auf den heutigen Tag gebracht hat. Er hat die großen Teiche im Hospitalwalde, den Hüttenteich, Erzengler und Rotbächer Teich angelegt, in welchen er das Wasser für bergbauliche Zwecke als Kraft aufstaute. Die Planersche (Kannegießer) Wasserleitung, die aus dem Hospitalwalde kommt, führt heute noch seinen Namen. Er führte im Bergbau die Wasserhaltung durch Kunstgezeuge ein, während bis zu seiner Zeit das Wasser durch Göpel und Haspel, Pferde und Knechte mit Kübeln bewältigt wurde. 38 Zeuge hat er so eingerichtet, und er rechnet in einer Aufstellung aus, daß er dadurch jährlich 102 400 fl. 8 gr., das sind rund 650 000 Mark an Betriebskosten erspart hat. In Posern bei Weißensee und in Artern hat er Salzwerke angelegt. Der berühmte Brunnen auf der Augustusburg, 170 m tief in den Felsen getrieben, ist von ihm erbaut. Auch am Ausbau des Schlosses Freudenstein in Freiberg, das als prächtiger Renaissanceneubau unter Hans Irmischs Leitung der Fertigstellung entgegenging, mag er nicht unbeteiligt gewesen sein.
Noch andere bekannte Namen aus der Freiberger Geschichte werden in unserer Urkunde genannt. Michael Schönleben der Ältere, Oberhüttenverwalter, und Michael Schönleben der Jüngere, Hüttenreuther. Sie sind die Vorfahren des Bürgermeisters Jonas Schönlebe, der Freiberg gegen die Schweden verteidigte und die Bergmannskanzel im Dom stiftete, und dessen Wappen heute noch an ihrem ehemaligen Hause, Obermarkt, Ecke Erbische Straße von dem alten Geschlecht redet, das dort für Freiberg lebte und arbeitete. – Schließlich erwähnt die alte Urkunde das, was in dieser Zeit gesteigerten religiösen Lebens und religiöser Kämpfe alle Gemüter besonders bewegte, die Einigung auf die sogenannte Konkordienformel: »Diese Zeit war die reine heilsame Lehre, wie der Hr. D. Martin Luther seel. durch den heil Geist ans Tage Licht bracht, sehr gefälschet, dadurch Churfürst Augustus, der Gottes Wort lieb hatte, geursacht, uf Wege zu denken, damit die Verführer ausgerottet, und das Göttl. Wort lauter und klar, rein erhalten würde, ließ die alte Augspurgische Confession ufs neue drucken und ward ein Buch gemacht, welches man die Concordiam nennete, welches viel Chur- und Fürsten im Reiche unterschrieben, und alle Vornehme Theologen im Lande. Gott helf, daß es wohl gerathe, und das Göttliche Wortt bis an der Welt Ende bey uns bleibe.« – – –
Doch wir wollen uns nun der Erneuerung von 1731 und ihrer Urkunde zuwenden. 150 Jahre stand die Peterskirche stolz und sicher. Die Stürme des Dreißigjährigen Krieges und die zweimalige Belagerung und Beschießung Freibergs hatte sie ohne Schaden überstanden, da traf sie ein furchtbares Geschick. Unsere Urkunde berichtet: »Anno Christi. Ein Tausend Sieben Hundert und Acht- und Zwanzig den 1. May an einem Sonnabend, ist allhier in der Stadt Freyberg auf der Petersgasse in Johann Jakob Schossens, eines Böttgers Hause (No. 6) vermutlich durch Fahrlässigkeit eine Feuersbrunst entstanden, welche jähling um sich gegriffen, und überhand genommen, daß nebst 16 in die Asche gelegten Bürgerhäusern auch die Kirche zu St. Petri mit dem höhesten Turm und den runden sogenannten Hahnsturme in den Brand geraten und gänzlich verdorben, darbey aber der Glockenthurm noch unverletzet stehen blieben.« Wie an anderer Stelle berichtet wird, löschte man zwar von außen her ein paar mal von den Türmen, aber leider war in der Kirche aller Rat und Hilfe vergebens. Der damalige Superintendent D. Wilisch, welcher vor dem Altar auf den Knien betend lag, mußte samt den übrigen Anwesenden der Gefahr wegen, sich zurückziehen, und diese so schöne Kirche ward »mit allen ihren inwendigen Gemählden und Denkmählern ein Morgenopfer der wüthenden Flammen«. »Um Mittag brach das helle Feuer bey dem hohen Thurme heraus und nach etlichen Stunden zerschmolz die Saigerschelle; der Knopf aber samt seiner Spindel fiel in die Frühpredigerwohnnung durch das Dach, jedoch ohne zu schaden.« Außer den stark zerstörten Umfassungsmauern und dem Glockenturm blieb nicht viel von der Kirche übrig. Sie mußte fast völlig neu aufgebaut werden. Unsere Urkunde sagt dazu: »E. E. Rath hat sobald zu Wiederaufbauung der abgebranden Peterskirche sorgfältige Anstalt gemachet, daß die äuserlichen Mauern um in den Schiffe, in der Höhe mehreren Plaz zu gewinnen, annoch in besagten 1728ten Jahre erhöhet, das Sparrwerk darauf gesezet, Ao. 1729, im Chore das alte Gewölbe, welches nach der zwar anfangs gemachten Hoffnung, nicht zu erhalten gewesen, abgetragen, und ein neues geschlossen, ferner ao. 1730 im Schiffe das alte Gewölbe gleichfals abgetragen, Vier neue steinerne Pfeiler von Grund aus, aufgeführet, und ein neues Gewölbe verferttiget, auch die Fenster allenthalben adaptiret, in diesen 1731 Jahr aber, die Kirche inwendig abgepuzet worden. Hiernechst hat man bey dem eingeäscherten großen Peters Thurme zu Erhaltung des Mauerwerks anno 1728 nur einen Schauer aufgesezet, anno 1730 das Mauerwerk am Gesimsse ausgebessert, mit großen neuen Ankern befestiget, und die hölzerne Haube glücklich gehoben, solche auch ao. 1731 vollends ausgebauet, und mit Kupffer gedecket, worauf heute den 6. July ao. 1731. Der große Knopff aufgestecket, und diese Nachricht vor die liebe Posteritaet mit eingeleget worden.«
In dem Berichte unserer Urkunde folgen nun die Namen von Kaiser, König und Prinzen, von den Ratsmitgliedern, Stadtgeistlichen und den Beamten des Bergamtes mit ihren alten schönen Titeln. Dann wird über das kirchliche Leben berichtet und daran erinnert, daß im Jahre zuvor (1730) das zweihundertjährige Jubiläum der Augsburgischen Konfession gefeiert sei: Hierüber ist von diesem Jahre anzumerken gewesen: »In Ecclesiasticis, daß man Gott sey gepreiset alhier zu Freyberg mit der Protestantischen Kirche das Wort Gottes, rein und lauter prediget, die beyden heil. Sacramente nach ihrer Einsetzung administriret, und von andern Gottes Dienst, oder Religion nichts weiß, vielmehr bey der unveränderten Augspurgischen Confession in völliger Gewissens-Freyheit geblieben, auch in abgewichenen 1730 Jahre, das andere Evangelische Jubileum hochfeyerlich begangen habe.«
Kurz wird über die Bergwerke u. a. berichtet: »Das Bergwerk ist unter Göttl. Seegen aniezo in guten Flor und Aufnehmen.
In was vor Werth die Kuxe stehen, solches besagen die beygefügten Ausbeuth-Zeddul.« Zum Schluß der Urkunde wird über den Holzmangel bei den Bergwerken geklagt: »indem der Preiß desselben bey dem gemeinen Einkauf gegen eine Zeit von 10 bis 12 Jahren noch einmal so hoch gestiegen, daß man deswegen auf Künfftigen Zeiten sich allerhand Besorgniß machet. Jedoch auch hierbey Göttlicher Providenz vertrauet.« –
72 Jahre bis zum Jahre 1803 blieb der Turmknopf unberührt. Da meldete der Türmer auf dem hohen Petersturme, Johann Gottfried Drese, »daß ihm bey Zerstörung eines Dolennestes in der obersten Kuppel dieses Turmes faules Holz in die Hände gefallen sey«. Die nähere Untersuchung ergab zwar keine Einsturzgefahr, jedoch mußten größere Erneuerungsarbeiten vorgenommen werden. Als die Kapseln für die alten Urkunden geöffnet wurden, ergab sich, daß Feuchtigkeit eingedrungen war, obschon sie fest verlötet schienen, und den Inhalt beschädigt hatte. »Auch eine steckende Dunst verbreitete sich, wovon die Schriften und selbst die beygelegten Münz Sorten einen sehr heftigen Gestank angenommen hatten; da hingegen die im Knopfe ohne besondere Verwahrung aufgefundenen Druckschriften fast ganz verfault befunden wurden.« Auch hier wird über Teuerung geklagt. Es wird »bey den immer höher steigenden Preisen aller Lebensmittel, ein zunehmender Verfall der bürgerlichen Nahrung bemerket, so, daß für die Zukunft, wenn nicht dem städtischen Gewerbe durch kräftige Maasregeln aufgeholfen wird, sehr traurige Zeiten zu befürchten sind«.
Freiberg hatte 1802 eine Einwohnerzahl von 8299 Personen.
Nach kurzer Zeit, nach nur 17 Jahren, bereits im Jahre 1820, mußte die Spitze des hohen Petriturmes aufs neue einer Ausbesserung unterzogen werden. Es stellte sich heraus, daß das Gebälk stark verfault war und Einsturz drohte. Es wurde daher »die Thurmspitze über dem Durchsichtigen mit langen hölzernen Schienen belegt, mit eisernen Ketten und starken Seilen zusammengeschnürt, und nun mit größter Behutsamkeit, aber auch mit unaussprechlicher Gefahr die Fahne, der Knopf und die eiserne Spindel abgenommen«. »Der Thurm wurde dazu vom Durchsichtigen aus, äußerlich fünfmal übereinander, in 26 Ellen Höhe berüstet.« In dieser Urkunde werden auch einige historische Notizen gegeben. War doch die Zeit der Fremdherrschaft und der Befreiungskriege noch frisch im Gedächtnis. Nachdem die Jahre 1803–1809 kurz behandelt sind, heißt es weiter: »Nur wenig Jahre genoß Sachsen Ruhe; denn im Jahre 1813 wurde dieses Land aufs neue von Franzosen, Russen, Preußen und Österreichern mit Krieg überzogen und unaussprechlich hart mitgenommen. Freybergs Einwohner insbesondere hatten, was schon bey den im vorhergegangenen Jahre 1812, und in den Jahren 1806, 1807, 1808 und 1809 stattgefundenen Durchmärschen zahlreicher Heerschaaren ausländischer Kriegvölker in fast unerträglicher Masse auch der Fall gewesen, durch kostspielige Verpflegung dieser Soldaten nicht nur, sondern auch durch andere, ihnen von den Heerführern und ausländischen Behörden, welche nach der Völkerschlacht bey Leipzig im Oktober 1813, und nachdem Sachsens ehrwürdiger König in fremde Gewalt gerathen war, unter dem Namen General-Gouvernement dieses Land beherrschten, aufgebürdete Leistungen unendlich viel zu dulden und die ganze hiesige Commun kam noch überdies in Gefolg dieser anhaltenden, bis in Jahr 1815 fortgedauerten Kriegsunruhen in eine Schuldenlast von nahe an 200 000 Thlr. Der 18. September 1813 war insbesondere für Freyberg ein schrecklicher Tag, indem in den frühesten Morgenstunden dieses Tags der österreichische General Scheiter mit Freyjägern und Dragonern hiesige Stadt, in welcher französische und westphälische Truppen sich eingeschlossen hatten, überfiel, wobey im Rathause ein Wachtmeister erschossen ward.«
Die Einwohnerzahl Freibergs betrug 8320 Personen, also fast genau derselbe Stand wie 1803.