Berghauptmann war zu jener Zeit Siegmund August Wolfgang Freiherr von Herder, der letzte große ungekrönte König des Bergbaues, der Sohn des Dichters Herder, der seinen Vornamen Wolfgang von seinem Paten Goethe erhalten hatte. Goethe war mehrmals bei ihm in Freiberg zu Gaste und holte sich hier Anregungen für seine mineralogischen Studien.
Den Kapseln waren auch alte Ausbeutebogen beigefügt, aus welchen die Namen längst verschwundener Schächte mit seltsamem altertümlichem Klange uns grüßen, ferner ein Stadt-, Land- und Bergkalender vom Jahre 1822 und andere Schriften.
Ein gewisser Humor liegt in der Form, in welcher der Bauschreiber des Jahres 1803 seinen Namen dem Gedächtnis zu überliefern suchte. Auf einem Pergamentblatt von Besuchskartengröße schreibt er in schöner Druckschrift: »Bauschreiber E. E. Raths war im Jahr 1803 Hr. Johann Christian Friedrich Herrmann 51 Jahre alt, mittlerer Statur, belebten Temperaments.« Dies Blättchen hat er offenbar heimlich mit eingeschmuggelt und so seine Verewigung im Turmknopf erreicht.
Besonders interessant sind die Beigaben von Münzen. Im Jahre 1803 wurden die aufgefundenen Münzen der Beigaben von 1580 und 1731 und neue Münzen in einer sehr schönen, aus Serpentin gedrehten Dose gesammelt, zusammen 26 Münzen. Sie haben zum Teil noch Stempelglanz.
Die ältesten Silbermünzen sind vom Jahre 1559 und 1580. Sie zeigen in sehr schöner Prägung, mit der sich unsere jetzigen Münzen bei weitem nicht messen können, auf der Vorderseite das Bild des Kurfürsten August mit dem Kurhut auf dem bärtigen Haupte und dem Kurschwert über der hermelingeschmückten Schulter, auf der Rückseite das einfache sächsische Wappen mit den Kurschwertern. Unter den Münzen von 1731 ist besonders bemerkenswert ein Speziesthaler von 46 mm Durchmesser mit dem Bilde des Königs Friedrich August mit lang herabwallendem Lockenhaar mit einem Lorbeerkranz. Die Rückseite zeigt das sächsische und das polnische Wappen unter der Königskrone. Die Münzen des Jahres 1822 sind in einer stark verzinnten Blechdose verwahrt. Es sind 13 Stück und sie zeigen fast alle noch Stempelglanz. Auf der Vorderseite das Bild König Friedrich Augusts, auf der Rückseite das sächsische Wappen. Drei dieser Münzen sind für Freiberg besonders bemerkenswert. 1. Ein Ausbeutethaler mit der Umschrift auf der Rückseite »Der Segen des Bergbaus«. 2. Ein Speziesthaler von 46 mm Durchmesser. Auf der Vorderseite das Bild des Königs in starkem Relief, matt gehalten auf poliertem Grund, auf der Rückseite das Bild der Grube Bescheert Glück mit der umgebenden Landschaft und der Umschrift: »Beschert Glück Fdgr. Ohnweit Freiberg« und der Unterschrift: »Kam in Ausbeuth im Quartal Crucis 1786 1/5 Mark Fein Silber.« 3. Eine Denkmünze von 67 mm Durchmesser vom Jahre 1818 mit dem Bilde des Königs Friedrich August matt auf blankem Grund in starkem Relief mit der Umschrift: »Friedrich August König von Sachsen seit 50 Jahren Vater seines Volks und Beschützer des Bergbaus«. Unter dem Kopf des Königs im ovalen Ring einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt, das Datum »Am 15. Sept. 1818«. Am erhabenen Rande darunter stehen die Worte: »Gott seegne Sachsen«. Die Rückseite zeigt das Bild der Grube Himmelsfürst, matt gehalten auf blankem Grund, das mit seinen Fichten und Häusern sehr reizvoll wirkt. Die Umschrift lautet: »Himmelsfürst Fundgrube hinter Erbisdorf gab seit 50 Jahren 1 100 458 Thlr. 16 Gr. – Ausbeute.« Unter dem Relief ist Schlägel und Eisen angebracht und auf dem erhabenen Rande darunter die Worte: »Gott erhalte den Bergbau.«
Hundert Jahre sind vorübergezogen, seitdem diese Münzen dort oben im Turmknopf ihren Platz gefunden. Auch unsere Zeit hat in ähnlicher Art der Nachwelt kurzen Bericht überliefert und mit den Urkunden von 1822 und 1803 im Turmknopf geborgen, während die stark beschädigten Urkunden von 1580 und 1731 im Urkundenarchiv des Stadtrates aufbewahrt werden. Jedoch nicht blankes, hartes Geld nahm dieses Mal die Kapsel auf, sondern als echten Ausdruck unserer Notzeit unser Notgeld von Papier, unsere Nahrungsmittelkarten und Bezugsscheine.
Die neue Urkunde schließt mit den Worten: »Mögen, wenn einst diese Kapsel wieder geöffnet und diese Urkunde gelesen wird, glücklichere Zeiten in unserem Vaterlande sein. Möge in einem neuen stolzen Reiche ein kräftiges, tüchtiges, junges, selbstbewußtes deutsches Geschlecht in Frieden den Segen und die Früchte seiner Arbeit genießen zu eigenem Glück und des deutschen Namens Ehre!
Das walte Gott!«
Nun ist der Mund des einsilbigen Knopfes da oben wieder geschlossen, und ob die Sonne ihn mit heißem Strahl durchglüht, ob der Mondenschein mit silbernem Glanz ihn umhüllt, ob knisternd oder krachend elektrische Ströme und Funken ihn umzucken, oder ob geschwätzige Regentropfen auf seiner blanken Schädelwölbung trommeln, er wird schweigend in die Ferne schauen, einsam der Einsamkeiten tiefste schauend unter seinem Fuß, denn er ist älter als alles Leben um ihn, er sah und hörte mehr als irgend ein Auge und Ohr der vergänglichen Wesen dort unten, er muß allein sein, ein Einsamer bleiben, um von Höhengedanken beseelt seines Daseins Hochziel zu erfüllen. –
Oh, hätten wir recht viele solche Knöpfe, hoch geartet, alles überschauend, viel Inhalt, aber wenig redend!