Spruchweisheit in alter und neuer Zeit.
Unser Volk, das Volk der Denker und Dichter, hat immer seiner Seele tiefstes Fühlen in feste Formen gebannt. Nicht nur in Heldenlied und Sage, sondern auch im wuchtigen Hünengrabe, im stolzen steinernen Male, um das die Vergangenheit märchenhaft rauscht und raunt, im rheinischen Dome mit der anmutigen Zier der Zwerggalerien und Säulchen, im gotischen Münster mit himmelstürmenden Türmen und zur Andacht geheimnisvoll zwingenden Hallen, schaut uns die Seele unserer Vorfahren, die ja auch unsere Seele ist, aus tiefen, mächtigen Augen an.
Manche Sitte, manches Wort aus uralter, nebelgrauer Zeit klingt noch heute in unser Kulturleben hinein, und in Volksbrauch, Festen, Aberglauben, Namen und Zeichen sehen wir die Spuren des Geistes germanischer Urahnen und mittelalterlicher Gedankenwelt.
Das gefundene Hufeisen, welches das Schulkind als glückbringend heimträgt, verbindet es wie mit einer eisernen Brücke über den Strom der Zeit und vieler Jahrhunderte hinweg mit dem blonden Germanenkinde im deutschen Urwalde, das im Sausen des Sturmes in den Wipfeln der Eichen den Götterkönig von Walhall, Wodan, auf seinem schwarzen Rosse daherbrausen sah. – Das uralte heilige germanische Zeichen des Hakenkreuzes und das Symbol des Sonnenrades kehrt in den Kunstäußerungen der ganzen deutschen Vergangenheit bis auf die neueste Zeit immer wieder.
Wie der alte Germane mit Runen und heiligem glückbringenden Zeichen das Gebälk oder die Tür seines Hauses schmückte und jedes Gerät, jede Waffe vor allem, mit seiner Hausmarke versah, wie er in seinen Schnitzereien in wundersamen Rankenzügen und Verschlingungen geheimnisvolle Dinge rätselhafter Symbolik erzählte, so ist auch in den Steinbauten des Mittelalters das Steinmetzzeichen Rune und Hausmarke zugleich, so spricht aus den alten Fachwerkbauten mit ihren eigenartigen Balkenstellungen und Holzverteilungen eine tiefe Symbolik, die allerlei menschliche und übersinnliche Beziehungen auszudrücken vermochte.
Die bunten Schnitzereien der Holzhäuser in unseren mittelalterlichen Städten sind nicht nur lustiger, sinnloser Zierrat. Nein, sie sollen auch etwas sagen und erzählen und dadurch dem Hause einen besonderen Charakter und geistiges Antlitz geben. Das geistige Leben und das, was die Erbauer besonders erfüllte und beschäftigte, wird darin offenbar und lebendig.
Sinnvolle Beziehungen zwischen dem Hause und seinen Bewohnern, zwischen Gerät und dem Besitzer fanden ihren Ausdruck und drängten sich zusammen in einem Bildwerk oder einer Tafel oder einem Hausspruch oder einem Schmuckstück eigenwilliger Art.
Persönliche Erlebnisse und Anschauungen und die großen Zeitereignisse spiegeln sich oft darin wieder, und es ist darum die Sammlung und Erforschung solcher Haussprüche und Gerätesprüche, wie sie z. B. die Vereine für Volkskunde betreiben, ein wichtiger Beitrag zum Lebens-, Kultur- und Geistesbilde unseres Volkes.
Während in früheren Zeiten der Städte wohl jedes Haus seinen besonderen Namen trug, ist dies auch in kleinen Städten heute fast nur noch bei den Wirtshäusern, Gasthöfen und Apotheken erhalten geblieben.
Wie anheimelnd klingen Namen von Bürgerhäusern wie z. B. »Das Haus zur weißen Tür«, der Löwe, der grüne Sittich, das goldene Schiffchen, zum Läubchen, der Lindwurm, usw. Ein Haus in Würzburg hieß »Zum großen Schmied Wieland«. Das Haus hatte einst wohl einem Schmied gehört, der sein Haus nach dem alten deutschen Patron der Grobschmiede nannte. Der Lindwurm und der Schmied Wieland führen uns so aus lebendiger Gegenwart zur deutschen Sagenwelt, zu den frischen Quellen der Jugend unseres Volkstums zurück, das Haus »Silberschmied zum gekrönten Hecht« an den Märchenborn sonniger Kinderträume. Manche solcher kleinen Namenskleinodien sind noch hier und da zu finden und zu erlauschen.