Die Erhaltung solcher Namen und charakteristischer Hauszeichen, wo man sie nur finden mag, ihr Schutz vor Entstellungen oder ihre künstlerische Ausgestaltung in wirksamster Weise sollte eine besondere Sorge ihrer Besitzer und aller Heimatfreunde sein.

Eine Sammlung aller Hauszeichen, Hausmarken, Spruchbilder, Innungszeichen u. dgl. würde uns manche ungeahnten Schätze deutscher Kunstübung und deutschen Wesens vor Augen führen und zeigen, woran wir lernen können, wie in früheren Jahrhunderten Reklame mit Kunst und kerniger Volksweisheit, tiefes Empfinden mit praktischem Wollen und Können Hand in Hand gingen.

Schauen wir uns nur um in den alten Städten und forschen wir in dem Erbe, welches unsere Väter in den Straßen und Plätzen, in Kirchen und Häusern, in Akten und Archiven hinterlassen haben, reicher und reicher werden die Quellen fließen. Für uns selbst und für unsere Zeit und Zukunft werden wir gewinnen! Paul Graf von Hoensbroech sagt in seiner Schrift »Wenn die Toten erwachen«:

»Nehmet die Wünschelrute deutschen Findergeistes in die Hand, durchwandert mit ihr die deutschen Städte, die deutschen Fluren, die deutschen Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet Quellen finden und erschließen, aus denen Tiefsinn und Schlichtheit, Schönheit, Großartigkeit und Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit in Überfülle hervorsprudeln als segenspendende Ströme für unser Volk und für die Welt.« –

Der alten Berghauptstadt Freiberg hat in älterer Zeit nicht nur der Silberbergbau, der seine kulturfördernde Kraft für das ganze Land segensreich erwies, sondern auch die sich herausbildende Eigenart des echt deutschen Volkslebens und blühender bergmännischer Sitten und Gebräuche ein besonderes Gepräge gegeben.

Der Bergbau ist freilich zur Rüste gegangen, und die alten charaktervollen Bergmannsgestalten sind verschwunden. 1913 wurde die letzte Schicht verfahren. Aber in tausend Erinnerungen lebt sein Wesen und der Ausdruck seiner besonderen Art in Freibergs Mauern noch weiter. Versetzen wir uns einmal in die noch nicht gar lange entschwundene Zeit zurück, um manches Gewordene und Erhaltene zu verstehen, nehmen wir die Wünschelrute deutschen Findergeistes, mit welcher gerade der Bergmann so häufig nach verborgenem Erze forschte, zur Hand, und wir werden wertvolle Aufschlüsse finden.

Der Bergmann, welcher in der stummen, geheimnisvollen Tiefe seiner dunklen Schächte sein Berufsleben abgeschlossen verbringt, erhält eine ganz besondere Ausprägung des Charakters. Sein geistiges und seelisches Leben wird dort unten wunderbar berührt und angeregt. Bei den gefahrdrohenden Mächten der Tiefe, die nur spärlich sein Grubenlicht erhellt, streckt sich und sehnt sich sein Inneres zum Licht: In der Weltentrücktheit baut er sich in seinem Inneren eine neue Welt auf, in der auch bunte Kristalle der Phantasie und Silberadern geistiger, höherer Werte schimmern.

Fromm und gottesfürchtig, arbeitsam, zufrieden und genügsam, dabei auch oft voll kecken Übermutes und Freude an Scherz und Neckerei, steckt er voller Spruchweisheit. Er drückt gern sein Empfinden in Reimen und Verszeilen aus. Die Bergsänger mit ihren »Bergreyhen« erinnern an die Barden, die einst das Heldenlied pflegten, oder an die Bänkelsänger, welche von Ort zu Ort zogen. Die Bergmusikanten mit ihren Liedern und eigenartigen Instrumenten waren überall im ganzen Lande gern gesehene frohe Gäste. So ist es denn nicht wunderbar, daß gerade in Freiberg eine Fülle von Reimen und Zeilen alter Spruchweisheit erhalten und durch die Überlieferung bewahrt geblieben ist, daß auch heute noch in Freiberg so mancher ehrwürdige Hausspruch und bergmännischer Zierrat uns grüßt, und daß diese echt deutsche, uralte Sitte, durch Sinnbild und Sinnspruch zum Denken und sinniger Betrachtung anzuregen, oder durch Sprichwort oder Neckwort zu mahnen, zu reizen oder zu spotten, auch in weiteren Kreisen heimisch wurde und sich auf allerlei Geräte und Stellen ausdehnte, an denen sonst ein Spruch nicht gesucht wird.

Ein besonders reimfreudiges, verslustiges Völkchen scheinen auch die Ziegelstreichergesellen gewesen zu sein, die oft mit großem Geschick ihre Einfälle den Dachziegeln anvertrauten. Von der Rechnung des Wirtes im schwarzen Walfisch zu Askalon, die für den seßhaften Gast in Keilschrift auf sechs Ziegelsteinen eingegraben stand, war ihnen sicher nichts bekannt, denn viele Jahre später erst sang Scheffel sein feuchtfröhliches Lied. Auch die beschriebenen Tontafeln von Babylon und Ninive waren ihnen fremd, denn sie harrten noch tief unter Schutt und Lehm der Ausgrabung, Auferstehung und Deutung. Aus sich selbst heraus fanden die Ziegelstreicher den naheliegenden Zeitvertreib, sich ihre einförmige Arbeit durch eingeritzte Inschriften auf den Dachziegeln zu verkürzen. In den bildsamen, lufttrockenen, weichen Dachziegel ist mit einem spitzen Werkzeug oder eisernem Griffel die Schrift und Verzierung ziemlich tief eingegraben. Dann sind die Ziegel kräftig gebrannt und beliebig auf diesem oder jenem steilen Dache, manchmal sogar mehrere zugleich, mit den anderen weniger ausgezeichneten Ziegelgenossen verlegt worden. Der älteste dieser Ziegel trägt die Inschrift »Anno 1692. J. W.«, der jüngste stammt aus dem Jahre 1839.

Es mag für die Ziegelstreicher ein lustiger, lockender Gedanke und vielleicht manchmal nicht ohne gewisse Anzüglichkeit gewesen sein, daß ihre Einfälle und Inschriften hoch über der Straße den Augen der Menge entzogen waren, aber doch ein heimliches Dasein und Leben hatten, und zwar nur vielleicht einmal einem Essenkehrer oder Ziegeldecker, den Wolken und Vögeln sichtbar wurden, aber doch einem späteren Geschlechte von ihnen künden konnten, wenn vielleicht längst ihr Leib in Staub zerfallen war. Denn nur durch Zufall beim Umdecken alter Dächer kommen auch heute noch ab und zu solche Ziegel zum Vorschein. Auf manchen alten Dächern in Freiberg mögen noch hie und da solche bemerkenswerte Ziegel ruhen, aber die meisten mögen verwittert, zerbrochen, mit Kalk verschmiert, verrußt, unleserlich und unkenntlich geworden oder verlorengegangen sein. Einzelne dieser seltsamen Ziegel sind in Privatbesitz gelangt. Eine größere Anzahl befindet sich im Museum des Freiberger Altertumsvereins, dem König-Albert-Museum. Die Schrift ist klar und leserlich in schönem Schwunge und Verteilung meist in lateinischen Druckbuchstaben scharf in den Ziegel geritzt und am Rande des Ziegels durch Zierlinien in Bogenzügen schmückend eingerahmt und abgegrenzt. Bei manchen dieser Ziegel fühlt man es, mit welcher Freude und Stolz der Schriftkünstler sein kleines bescheidenes Meisterwerk so schön wie nur möglich gestaltete und seine Geschicklichkeit zeigte.