Wir schauen in unsere Zeit und fühlen die Bitterkeit, den Schmerz und doch wieder Glaube und Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wie Wolf es in seiner Inschrift ausgesprochen. Notzeit ist heute, da uns dieser Ziegel vor Augen liegt. Notzeit war, als er geschrieben wurde. Eine eigenartige Fügung will es, daß ein Ziegel mit ähnlicher Inschrift aus ähnlicher Notzeit in diesen Tagen in Mecklenburg zufällig beim Umdecken der Kirche in Lübz gefunden wurde:
»Globen, Leiw, Tru und Recht
Hebben sick all 4 slopenlegt.
Un wenn sei weder uperstahn,
Ward beter in dei Welt hergahn! Lübz 1628.«
Die Zeit des dreißigjährigen Krieges, in der diese Zeilen in den Ziegel gebrannt wurden, hat mit der Zeit von 1811 und mit der Gegenwart, an die der Spruch nun seine Weisheit richtet, vieles gemeinsam. Sorge jeder, daß Glaube, Liebe, Treu und Recht auferstehen mögen!
Ganz andrer Art als die Ziegelstreichersprüche, welche nicht für die breite, sondern nur für die »höchste« Öffentlichkeit bestimmt waren, sind freilich die Sprüche, welche uns von den Portalen grüßen. Verdanken die Sprüche auf den Dächern wohl meist nur einer scherzhaften oder verliebten Laune oder einem Zeitvertreib ihr Dasein, so sind die Sprüche an den Portalen Haussprüche, welche uns tief in die Seele derer schauen lassen, die sie einst anbringen ließen, Sprüche, die jedem Vorübergehenden etwas sagen sollten.
Die ältesten stammen aus einer Zeit, da das Innere der Menschen und Völker aufgewühlt war durch die Fragen der Religion, durch Glaubenskämpfe und Gewissensnot, da eine neue Weltanschauung sich Bahn brach.
In der Petersstraße, dicht am ehemaligen Peterstor, steht ein schlichtes Bürgerhaus mit gotischem, reichem Portal, einfachen Fensterwänden aus Sandstein mit Stabwerk. Im Erdgeschoß befinden sich reichgewölbte Räume mit Sterngewölben von besonderer Pracht und Wucht. Der Bürgermeister Nikolaus Monhaupt erhielt 1469 vom Papste die Erlaubnis zum Bau einer Hauskapelle. Hier baute er sich diese Kapelle in seinem Hause und überspannte sie mit diesen kunstvollen Gewölbebildungen, deren Rippen zu reichgegliederten Mustern sich zusammenschließen. 60 Jahre später, im Jahre 1529, wurde hier, der Überlieferung nach von Martin Luther persönlich, zum ersten Male das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht, an welchem auch die Herzogin Katharina, Herzog Heinrich des Frommen Frau Käthe, heimlich teilgenommen haben mag. Die Schauseite des Hauses ziert eine alte Schrifttafel aus Sandstein, welche auf diesen Vorgang hinweist. Die Inschrift besteht aus lauter anscheinend zusammenhanglosen einzelnen Buchstaben. Es sind die Anfangsbuchstaben der Einsetzungsworte des heiligen Abendmahles. Die Überschrift bilden die Buchstaben: V · D · M · I · Æ ·, d. h. verbum domini manet in aeternum, oder zu deutsch: Gottes Wort bleibet ewig. In der untersten Zeile findet sich die Jahreszahl 1529, aus welchem Jahre auch offenbar die Tafel stammt.
Dieser Reformationsspruch, ein Kampfruf und Wort des mutigen Bekenntnisses, findet sich und war auch noch an anderen Freiberger Häusern angebracht, sei es auch nur in Anfangsbuchstaben, sei es in der deutschen Form, wie am Hause Pfarrgasse 18: »Gottes Wort Bleibet Ewik.« mit der Jahreszahl 1528. Sechs Jahre also nach Luthers Übersetzung des neuen Testamentes wurde einer seiner Kernsprüche an einem schlichten kleinen Bürgerhause zu Freiberg in Stein gehauen.