»Der Name des Herrn ist der stärkste Turm.«

Klingt dieser Wappenspruch nicht wie Luthers machtvolles »Eine feste Burg ist unser Gott!«, das im Felde und daheim so oft seine alte, eherne und Erz in Blut und Herzen strömende Kraft bewiesen hat?!

Wie die wahren überwindenden Kräfte nicht in äußeren, materiellen Dingen liegen, sondern im tiefsten Urgrund der Seele wurzeln und von dort wirken und wachsen und Werte schaffen, das sagen uns noch andere Sprüche.

An der alten Ochsenbastion in Görlitz, welche unmittelbar an der Neiße liegt, als ein wuchtiger, malerischer Rest der alten Befestigung, steht ein lateinisches Wort aus dem Jahre 1530: »Civitatem melius tutatur amor civium quae alta propugnacula«. »Eine Stadt schützt besser die Liebe der Bürger als hohe Bollwerke.«

Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne wird das Stadtbild unter einen ähnlichen Gedanken gestellt: »Urbis salus est civium concordia«. »Das Heil der Stadt ist die Eintracht der Bürger«. Es wird damit hingewiesen auf die ruhmvolle Verteidigung gegen die Schweden, wo sich die Wahrheit dieses Satzes so herrlich erwies. Und doch wieder klingt mit ernstem Glockenton dazwischen die Warnung vor zu stolzem Selbstvertrauen: An der Stundenglocke im Dachreiter des Domes zu Freiberg steht im Erz der Spruch von 1540: »Nisi dominus custodierit civitatem, frustra vigilat qui custodierit eam.« »Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wachen ihre Wächter umsonst.« Vaterlandsliebe und Gottvertrauen werden in diesen Sprüchen als starke Wehr und Waffen gepriesen. Sie sagen uns das, was Fichte in schwerer Zeit seiner deutschen Nation zugerufen und was auch heute noch gilt: »Nicht die Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemüts ist es, welche Siege erkämpft.« Wir sind zwar waffenlos, aber nicht wehrlos, nicht ehrlos, nicht sieglos, wenn diese Gemütskräfte unser Volk zusammenschließen zur Einheit und Tat.

Auch unseren Tagen, unserem Volksleben, unserer Kunst täte es not, nach dem Beispiel unserer Väter in kraftvollem Wort, Sinnbild oder Spruch an Haus und Gerät die Erinnerung an Männer und Taten und große Ereignisse zu pflegen und den Geist und das Herz zu stählen, wie es einst die Männer des Reformationszeitalters taten, denen die Buchstaben V. D. M. I. AE. am Tore des Hauses ein Bekenntnis und ein Schwur, ein Halt und eine Tat war und bedeutete. In kernigem, gehaltreichem Sinnspruch oder tiefdeutigem Segenswunsch, mitten im flutenden, wirbelnden Strom des Lebens und der Arbeit, je nach Ort und Art und Zweck in künstlerischer Form soll diese alte schöne deutsche Sitte mehr und mehr lebendig werden und wirken.

Das alte ehrwürdige Rathaus, das so viel Freud und Leid gesehen, so viel Sturm und Drang erlebt hat, in dem so viel starke, tapfere, treue Herzen geschlagen haben, trägt mancherlei Sprüche, die auf seine Bestimmung hinweisen und den, der eines Amtes dort zu walten hat, mahnen und lehren und die besten Kräfte des Gemütes wecken wollen. Von dem neuen Eingang an der Burgstraße klingt jedem Vorübergehenden, jedem Eintretenden das Wort entgegen:

»Du bist ein Nichts im Ganzen,

wenn du ihm nicht dienst!«

Ein Führer im Wirtschaftsleben hat dieses Wort für falsch erklärt, weil der Zeitgeist jetzt umgekehrt sage: »Das Ganze ist mir ein Nichts, Wenn es mir nicht dient!« Ehe dieser Geist nicht überwunden ist und der echte Spruch nicht wahre Geltung gewinnt, kann nichts Ganzes sich bei uns gestalten. Hat der Mann Recht? –