Lichtenburg hatte die Kurfürstin Anna, Mutter Anna, als Schloß sich ausbauen lassen. Nosseni hatte die Ausstattung mit Alabaster- und Serpentinarbeiten übernommen und durch »etliche erfahrene und wohlgeübte welsche Gesellen« ausführen lassen. Auch bei Deckenmalereien und Friesen mit Wappen und Sprüchen hat Nosseni dort seine Kunst walten lassen. Doch war das Schloß später ein stiller Witwensitz geworden. Kurfürstin Hedwig, die Gemahlin Christian II., hatte 28 Jahre, von 1613–1642, dort gewohnt und viel Wohltätigkeit geübt. Als sie hier in Freiberg beigesetzt wurde, folgten 22 Prediger und vier Superintendenten aus freiem Antriebe dankbar ihrem Sarge, weil sie namentlich für Kirchen und Schulen reiche Stiftungen hinterlassen hatte.
Anna Sophie und Wilhelmine Ernestine wirkten in ihrem Geiste in ihren Landen und auf dem stillen Schloß bis an ihren Tod. Ihr Grabdenkmal erzählt in stiller Symbolik von ihren edlen Frauenherzen, wie einst in Lichtenburg, so seit 1811 hier im Freiberger Dom. Als 1811 das Zuchthaus von Torgau nach Lichtenburg verlegt wurde, ließ König Friedrich August das Grabmal mit den Särgen an die Stätte, wo die Ahnen ruhen, bringen und hier neu erstehen.
In den Jahren 1703–1704 hatte im Auftrage des Königs August I. der Bildhauer Balthasar Permoser (1650–1732) dieses Denkmal geschaffen. Das Denkmal stellt ein schlichtes ernstes Grufthaus in strengen Barockformen aus schwarzem, weißgeflecktem Marmor dar, das in seinem dunklen Raum die schwarzen Marmorsärge der Fürstinnen birgt. Rechts und links von der dunklen Pforte, die in den Raum der Ruhe und des Todes führt, stehen zwei wundervolle weibliche Gestalten aus weißem, graugemasertem herrlichem Marmor von des Künstlers Meisterhand als der innige Ausdruck der mütterlichen Liebe und fürstlicher Güte und Wohltätigkeit. Die eine Frauengestalt, welche ein sich zärtlich anschmiegendes Kind auf dem Arm trägt, ein anderes liebevoll an der Hand führt, trägt die Züge von Anna Sophia, die andere mit dem reichen Füllhorn, aus dem sie spenden will, das Antlitz der wohltätigen Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, welche kinderlos war.
Über der dunklen Tür ist als Bekrönung und Sinnbild der ernsten Bestimmung des Raumes ein Sarkophag mit Urne angebracht, an den sich die Gestalten des Glaubens und der Buße lehnen. Hoch hält der Glaube das Kreuz über den Sarg als Zeichen, daß der Glaube den Tod überwindet. Im Giebeldreieck des Grufthauses dient das in einer Kartusche vereinigte Doppelwappen der beiden Fürstinnen unter einer Krone als bedeutsamer Schmuck und Sinnbild der innigen Verbundenheit der Schwestern im Leben und im Tode. Der Totenkopf unter den Wappen weist auf die äußerliche leibliche Trennung im Tode, der Engelskopf darüber aber auf die Erlösung und das Wiedersehen in himmlischer Klarheit. Kindergestalten umgeben die Wappen, welche Himmel und Hölle, Tod und Gericht versinnbildlichen.
Schlicht und edel, von tiefem Ernst und strenger Wucht und Auffassung ist dieses Denkmal der beiden im Tode vereinten edlen Schwestern, so ganz anders als drüben Nossenis reiches buntes Werk oder dort das Denkmal des Kurfürsten Moritz. Es spricht nicht von Ruhm und Glanz, nicht von Macht und hohem Rang, nicht von Prachtlust und Reichtum, es spricht als echtes Grabdenkmal von der Vergänglichkeit und von dem, was über die Vergänglichkeit siegt und den wahren, echten Ruhm des Menschen ausmacht, von den inneren Werten, von der wahren, höheren Menschlichkeit edler Herzen und Geister. Durch diese zeitlose Sprache, welche uns berührt wie ein schöner echter Klang, der auch Jahrhunderte durchtönt, wird dieses Denkmal unserem heutigen Denken und Fühlen besonders nahe gerückt, als wäre es ein Werk unserer Zeit und nicht schon über 200 Jahre alt.
Wir sind am Ausgange, und hart klirrt die eiserne Tür ins Schloß, welche dieses Mausoleum sächsischer Kunst und Geschichte hinter uns wieder verschließt. Welche ungeheure Fülle hoher und schwungvoller Gedanken und tiefer reicher Empfindungen, von starkem Wollen und Können, von edler reifer Künstlerschaft, von Schuld und Schicksal, von buntem, vielgestaltigem Leben der Vergangenheit, von Wagen und Wirken und auch von bitterem Leid und dunklem Tod hält dieser hohe lichte Raum umschlossen. Ein Denkmalsraum ist es von eindringlichster Kraft und Wirkung, doch wer kennt ihn wirklich in Sachsen oder gar im Reiche? Wer hat diesen Raum, den alten Dom, die goldene Pforte wirklich erlebt? –
Wenn man die Räume im Geiste werden und wachsen sieht und in die Jahrhunderte blickt, welche ihnen den Wert und die Weihe gaben, wenn wir mit inneren Augen schauen, wie die Väter ihre Werke hier wollten und mit sinniger Seele schufen, wenn ihres Geistes Wehen und Wirken unser Herz berührt, daß seine Saiten miterklingen in verwandter Harmonie, wenn ihr künstlerisches Wesen und Wollen uns gefangen nimmt, wie etwas, das uns wesensgleich im höchsten Sinne ist, dann erst erleben wir recht solchen Denkmalsraum, den Kunst und Geschichte geweiht haben. Die Heimat und ihre Kunst, so vielen unbekannt und fremd, von so vielen vergessen, verachtet, wird dir ein Erlebnis sein, reiner und reicher als viele gepriesene Wunder der Fremde und Ferne! – – –
Geh einmal in den Freiberger Dom und lasse deine Seele Zwiesprache halten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein und Erz gebannt sind, mit den Gedanken und Träumen, mit dem Wollen und Wirken, dem Schaffen und Leiden der alten Geschlechter, die einst Erhebung hier gesucht, dann wirst du Antwort erhalten, die in deinem Herzen klingen wird, dann wird wie leiser Orgelton in deiner Seele das Erlebnis der Heimat sein. Und wenn du hinausschreitest nach stiller Weihestunde auf den grünen Friedhof und über dir dröhnen die alten Bronzeglocken der Hilliger, die große Susanna summt ihre wundertiefen weichen Akkorde, und das Silberglöckchen singt ihre helle Melodie dazu, – weit über die Dächer und Giebel schwingen und dringen, wogen und wandern sie in die blaue Ferne wie die Stimmen der Heimat und rufen wie die Sehnsucht stilleuchtender Stunden ganzer Geschlechter – dann rauscht es dir im Blute, denn du fühlst die Seele der Heimat, und du bist eins mit ihr.
Vor der Goldenen Pforte.
Die Westfassade des Domes türmt sich in wuchtiger Einfachheit empor wie ein breitschultriger steinerner Riese, der den Himmel stürmen will. Doch dort, wo die Vollendung den Bau in der Höhe krönen soll, bricht er plötzlich unvermittelt ab, als wäre dem Riesen das Haupt abgeschlagen, und starr und tot ragen die eckigen Schultern über die Dächer. Schaust du zu diesen Baumassen empor und lässest deine Blicke über dieses Gefüge von starken Blöcken aus dem Gneisgefels des heimischen Bodens schweifen, das ohne jeden Schmuck in schlichter Größe und zwingender Gewalt kantig vor dir aufsteigt, so mußt du vor der Baugesinnung und dem monumentalen Bauwillen seiner Erbauer staunen.