Nach ihrem Willen sollte der Westbau als riesenhafter monumentaler Abschluß den ganzen Dombau krönen und als selbständiger, gewaltiger Bauteil neben dem Hallenbau den Ruhm, den Stolz und die Macht des jungen Domkapitels zur höheren Ehre der heiligen Jungfrau verkündigen. Die Breite des Schiffes genügte nicht für diesen stolzen Gedanken. Weit springt über die Schiffsmauern der Westbau nach Süden vor und setzt seinen Fuß tief in den grünen Friedhof hinein, äußerlich scheinbar ein breiter Riesenbau für sich, aber doch innerlich innig mit dem Schiffsbau verbunden und verwachsen. – Wir wissen es nicht, wie der Meister des Baues sich den oberen Abschluß dachte, aber wir können aus der ganzen Anlage des Westbaus schließen, daß er als gewaltiger Schlußakkord in geschlossener Wucht in die Höhe strahlen sollte, so daß vor ihm in seiner monumentalen Größe und Ruhe im Verein mit den mächtigen Flächen des Domdaches alle anderen Bauten sich beugten. – Neue Zeiten stiegen herauf, ehe die Westfront vollendet war. Die Stürme der Reformation umbrausten die langsam wachsenden Mauern, bis schließlich der letzte Maurer herabstieg und Notdächer dem unvollendeten Werke einen Abschluß gaben, Abschluß, aber nicht Vollendung! – Wann wird die Vollendung kommen? – –

Jahrhunderte gingen hin. Da griff ein Meister unserer Zeit zum Griffel, ein Meister, der Massen zu türmen verstand, der in der Wucht der Gedanken und Massen, in der kraftvollen Einfachheit die Schönheit suchte und aus der monumentalen Baugesinnung der alten Zeit heraus die Vollendung im Geiste neuer Zeit suchte, Bruno Schmitz.

Doch als das, was er im Geiste überragender Künstlerschaft geschaut und gebaut, zu Stein gewordener Geistestat emporwachsen sollte, da brachen die Stürme des Weltkrieges hervor. Wie vor 400 Jahren – o rätselhafter Doppelfall des Schicksals! – mußten die Künste schweigen, und der Meister legte sich selbst zum letzten Schlaf. – Wann wird die Vollendung kommen?

Sinnend stehen wir in der grünen Stille des Domfriedhofes, schauen die alten mächtigen, grauen Mauern und türmen in der Phantasie die Baumassen empor nach den Plänen des Meisters zur Vollendung in ruhiger monumentaler Wucht. Eine Amsel flötet im grünen Wipfel ihr Lied. Um uns schweigen die alten stillen Gräber, aber ihre schlichten, schönen Denkmäler reden eindringlich von einer verlorenen Kultur. Eine neue Zeit ist heraufgestiegen, wird eine neue Kultur heraufsteigen? Sind es Frühlingsstürme, welche uns umbrausen, oder sind es Herbststürme, die noch das Letzte rauben vor der Ruhe des Todes und winterlicher Unfruchtbarkeit? Tausend Hoffnungen sind geknickt, tausend Pläne sind zerflattert in diesen Stürmen! Werden diese Stürme auch Knospen wecken, daß sie aufbrechen und einmal Frucht tragen für eine neue Kultur echt deutscher Art? – Die Amsel singt ihr fröhliches Lied so jauchzend in die Frühlingssonne hinein und schwingt sich auf den First des Kreuzganges. Frühling und Wachstum, Knospen und Vogelsang über Gräbern! Die Hoffnung bleibt lebendig, und das Leben ist stärker als der Tod! Sei stille, das Leben wird neue Knospen ansetzen und Blüten und Frucht bringen, und es wird gesegnet sein aus den tiefen Quellen, welche die Jahrhunderte durchströmen und unversieglich sind, den Quellen deutscher Tiefe und inniger seelischer Kraft, die manchmal freilich verschüttet scheinen, aber in der Tiefe weiterströmen und dann plötzlich hervorbrechen mit neuer Frische, Kraft und Reinheit.

Wir schreiten zur Goldenen Pforte herüber und hören vor ihrer göttlichen Ruhe das Rauschen dieser Quellen deutscher Tiefe und inniger, seelischer Kraft. Mit schlichtem Worte preist sie der Chronist von 1653:

»Die Pforten dieser Kirchen seynd auch wohl außgearbeitet, sonderlich ist an der einen, welche seitwärts gegen Morgen nicht weit von Altar lieget, großer Fleiß und Kunst bewiesen worden, welche auch daher, und weil sie gantz übergüldet gewesen, die güldene Pforte genennet wird.«

Vor der Goldenen Pforte mußt du allein sein, oder ganz stille mit einer engverbundenen, hochgestimmten Seele. »Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum«, sagt Wilhelm Raabe. Sei stille drum, wenn du hier nahe trittst. Aus dem Dome muß dazu die Orgel klingen in feierlichen Akkorden, oder droben müssen die Glocken ihr ehernes Lied summen, weit über die Dächer empor zu den Wolken, und dein Herz muß offen sein, offen für Klänge aus einer reinen, hohen, heiligen Welt, für Klänge aus der Höhe. Ganz stille dann und schauen und schauen. Dann wird es in dir anfangen zu schwingen und zu klingen, und auf leisen Sohlen kommt die Schönheit und das Glück, und du hörst ferne Stimmen, die mit dir reden, und Gedanken gehen wie strahlende Wolken über den weiter und weiter sich spannenden Himmel deiner Seele.

Der Dichter des Nibelungenliedes, der Dichter des Gudrunliedes, der größten Lieder deutschen Heldenmutes und deutscher Treue, sind uns unbekannt geblieben, aber in ihrem Heldensang zittert und bebt und lebt unser Blut, unser Geist, unser Herz und Seele. Sie schufen ihr Werk fast zu gleicher Zeit als unsere Goldene Pforte aus gleicher Seelentiefe, Herzensreinheit und Geistesfülle erstand. Vor 700 Jahren hat ein tiefer deutscher Künstlergeist dieses Wunderwerk geschaffen. Niemand kennt seinen Namen, aber sein Genius ist heute noch lebendig und schlägt dich in seinen Bann und nimmt dich im Fluge empor zu den neun Himmeln der Verheißung und Erfüllung, die er in tiefer Symbolik hier gestaltete. Sein Werk ist heute noch frisch und jung, als habe der Künstler eben erst den Meißel weggelegt, so klar, daß es jedem Kinde etwas sagt, so rätselhaft, daß seine restlose Deutung tiefster seelischer Zusammenhänge und Erklärung vielfach verschlungener Symbolik und kunstwissenschaftlicher Rätsel noch keinem Denker gelang. Wenn man einem tiefen Eindruck nachsinnt, bleibt immer etwas Unergründliches, Unerklärliches, was unter der Schwelle des Erkennens ruhend den tiefen göttlichen Urgrund ahnen läßt. Soll man sagen, warum etwas von Beethoven z. B. ergreift, so muß man zuletzt verstummen. Vor der Goldenen Pforte kann man das letzte nicht sagen, man muß stille sein und in der Seele die Unergründlichkeit spüren.

So jung ist das Werk, als wolle der Meister den weggelegten Meißel wieder aufnehmen, um die letzten unvollendeten Teile, die er vor 700 Jahren verließ, fertigzustellen, dort den Flügel des Engels im Tympanon, dort die Konsolen in den gewaltigen Rundbögen. Das Fehlen dieser letzten Meißelhiebe gibt den sinnenden Gedanken neue Rätsel auf und webt einen feinen Schimmer der Romantik und spürenden Phantasie um Künstlerhände, die zu frühe müde wurden, um Künstlerschicksal, das sich zu früh erfüllte, um Künstlernamen, der im Dunkel versank, während er unter den hellsten Sternen der deutschen Kunst leuchten müßte. Doch was soll uns der Name, wenn das lebendige Werk laut seinen Meister durch die Jahrhunderte preist?

Durch Feuersnöte und Einsturzgefahren, durch Kriegsstürme und Belagerungen, durch Abbrüche und Umbauten, durch Glaubenskämpfe, Fanatismus und Bildersturm, durch Empörung, Aufruhr, Bubenspott und wilden Übermut, durch Regen, Frost, Blitz und Wetter, durch Roheiten und Zerstörungslust, durch Aberglauben, Gleichgültigkeit und tausend andere Gefahren von sieben Jahrhunderten steht die Goldene Pforte in wunderbarer Erhaltung bis auf unsere Zeit.