Das Gotteshaus, zu dem sie gehört, hat öfter seine Gestalt gewandelt, sie ist in ihrer Herrlichkeit geblieben und zeugt in ihrer strahlenden Schönheit von dem Geist und der Kunst der alten Zeit, uns so nahe verwandt und verbunden und doch so fern, so still erhaben in seiner stillen Hoheit und Geschlossenheit über der lärmvollen Zerrissenheit unsrer Tage.
Es ist, als ob ihre Schönheit, wie einst die Klänge des Arion wilde Tiere besänftigten, so alle Zerstörungslust und wilden Übermut gebändigt habe, daß sie stille wurden und vor ihr in scheue Bewunderung und heilige Ehrfurcht sich wandelten. Die Macht der Schönheit hat sich selbst behütet und bewahrt.
Und doch ist es nicht nur die Schönheit, die hier zu uns spricht, es ist das tiefste Fühlen und Denken eines ganzen Zeitalters hier in Stein gebannt und wie ein gewaltiges Glaubenslied, wie der Schrei der verlangenden Seele eines ganzen Volkes nach dem, was göttlich ist und über die Nichtigkeit zur Ewigkeit erhebt, klingt es empor.
Du fühlst es, denn du bist Blut von ihrem Blut, und das wird dir unaussprechlich klar, daß die Kunst arm ist, wenn sie nur diesseitig ist. Du spürst in dir das Erkennen, daß die Kunst die Sprache der Seele zu der Gottheit ist, daß in ihr das Göttliche in uns seinen sehnsuchtsvollen Ausdruck sucht. –
Das Volk jener fernen Tage konnte nicht lesen, aber es konnte deuten und die Sprache der Symbole, sinnbildlicher Bewegungen, Stellungen und Gestalten verstehen, wie es unsrer Zeit ganz verlorengegangen ist. So war ihm ein reiches Bildwerk symbolischer Art wie ein Buch, das mit ihm redete in stummer, lebendiger Sprache und sich einprägte wie eine gewaltige Predigt oder wie wuchtige Glaubenssätze. Es erkannte in ihm das, was es im Innersten erfüllte und wonach ihre Herzen verlangten. Es war ihm ein Ausdruck des eigenen besten Seins, Fühlens, Verlangens und Glaubens. Es war ihm eine gewaltige Predigt, welche ihre Seelen von der Geburt des Weltheilands, den die Könige anbeten, bis zu den Donnern des Jüngsten Gerichts, da die Gräber springen, von den Verheißungen des alten Testaments zu der Erfüllung des neuen Bundes trug.
Solch ein Werk wie die Goldene Pforte konnte nur geboren werden aus einer Zeit höchster religiöser Empfindung und gesteigerten kirchlichen Lebens, als die Macht der Kirche und ihrer Lehren und Auslegungen besondere Gewalt über die Seelen und Gedanken hatte. Es war die Zeit der Kreuzzüge, in welchen so viel religiöse Inbrunst verloderte und deutsche Kraft verblutete für weltenferne Träume und wirklichkeitsentrückte Gedanken. Es war die Zeit der Gründung des Franziskaner- und Dominikanerordens, die mehr als andere im Volke ihre Wurzeln schlugen und ausbreiteten, dadurch, daß sie in den breiten Massen wirkten und nicht sich abschlossen wie die anderen Orden, die bald auch in Freiberg ihre Klöster gründeten und bauten.
Die geistigen Strömungen wirkten sich in kirchlichen Gedanken aus. Da blühte dieser Gedanke in der jungen Bergmannsgemeinde auf, ihren Reichtum und ihren kirchlichen Sinn zu zeigen. Statt der schlichten, alten romanischen Pforte aus der ersten Bauzeit in der Gründungszeit der Stadt, deren Reste noch auf uns gekommen sind, sollte ein großes, stolzes Marienportal das Gotteshaus schmücken, schöner und reicher als irgendein anderes in deutschen Landen! Nach einem tüchtigen Meister hielt man Umschau. Man mag im Kloster Altzella bei den feingebildeten, kunstverständigen Benediktinermönchen, ferner in Wechselburg und auch in anderen Städten herumgehorcht haben. Die Ordensbeziehungen der Klosterleute und die Handelsbeziehungen der Bürger reichten ja weit und machten nicht vor den Landesgrenzen halt. Die bunt aus allen Stämmen gemischte, zum Teil auch weitgewanderte, geistig regsame Bevölkerung hatte manchen klugen und gebildeten Kopf, und der den Verkehr anziehende Segen des Bergbaues und die uralten Handelswege mögen auch manchen Welt-, Menschen- und Kunstkenner herbeigeführt und sein Wort und Ratschlag zur Geltung gebracht haben.
Den rechten Meister zum Werke zu finden, das war jedoch ein Glücksgriff besonderer Art, und wie ein Meteor taucht der Künstler aus dem Dunkel auf, helleuchtend mit seiner Schöpfung, und verschwindet wieder im Dunkel. Wir können nur vermuten und ahnen, auf welchem Wege er gefunden wurde und aus welchen Einflüssen heraus der Meister dieses herrliche Werk schuf. Keine Urkunde und keine Chronik meldet seinen Namen, aber aus dem Werke seiner Hand können wir fühlen, wie seine Künstlerschaft zu dieser Vollendung reifte und Anregungen aus Jugend, Heimat und Fremde verarbeitete und mit schöpferischer Kraft gestaltete. Er stammte vielleicht aus Magdeburg, wo in der alten Bischofsstadt ein neuer Dom entstehen sollte. Dort in der Dombauhütte war er wohl als junger Künstler tätig, der sich schon ausgezeichnet hatte, weit durch Deutschland gewandert war und vielleicht in Regensburg, wahrscheinlich aber auch in Halberstadt gearbeitet hatte und dort den Dom und die Liebfrauenkirche genau kannte, ihre Formen, Bildwerke und Malereien mit ihrem Gedankenreichtum in sich aufgenommen, gezeichnet und verarbeitet hatte, dessen Künstlerschaft an diesen Werken gewachsen war. Sein Meister in der Dombauwerkstatt von Magdeburg war aber auch in Frankreich gewesen. Ihn hatte der Erzbischof Kardinal Albrecht II. dorthin geschickt, um Anregungen für den neuen Bau zu schöpfen, aus den gewaltigen Kathedralen von Paris, Chartres und Laon, die der Kardinal in seiner Jugend gesehen hatte.
Dieser Meister hatte den Kopf und das Herz voll sprudelnder neuer Gedanken und Bilder mitgebracht und ein Skizzenbuch voll Zeichnungen von Portalen und Figuren und allerlei Einzelheiten, Notizen und Motiven, um, befruchtet durch fremdes, neuartiges, künstlerisches Schaffen und Gestalten sein eigenes Können und seine künstlerische Phantasie zur höchsten Blüte zu entwickeln. In diesem Skizzenbuche seines Meisters mag nun mit feuriger Seele unser Künstler studiert haben, um das, was an alter deutscher Kunst ihm herrlich schien, nach Form und Inhalt mit diesen neuen Gedanken zu verbinden und zur Vollendung zu führen.
Die junge Kunst der aufblühenden Gotik, wie sie in Frankreich emporwuchs, mit ihren neuen Konstruktionsgedanken lag ihm fern. Er fühlte mehr als Bildhauer und wendete seine Neigung dem bildnerischen Schmucke zu. Er zeichnete eifrig und entwickelte sich seine Gedanken und ließ sich von seinem Meister erzählen, wie an den französischen großen Kathedralen die Portale geschmückt waren: Ein Marienportal mit der Darstellung der Erhebung Marias zum Himmel und Krönung, ein Christusportal mit dem Heiland in der Glorie, mit den Evangelistensymbolen und der Königsreihe seiner Vorfahren, und schließlich ein Portal mit der Darstellung des Jüngsten Gerichtes. Wie mag der Künstler mit der Fülle der neuen Gesichte und Vorstellungen und Anregungen und Formen gerungen haben, mit denen die junge Gotik seine Feuerseele bedrängte. Das Neue, das ihm entgegenblühte, zu verstehen und aufzunehmen, und neue Gedanken mit der klaren, einfachen, alten, lieben Sprache der Heimat auszudrücken, das wurde das Ziel seines Ringens. Im benachbarten Halberstadt zeichnete und studierte er viel an den neuen Werken der kirchlichen Baukunst und Bildnerei. Auch manches Werk der Antike in edler Einfalt und stiller Größe mochte ihm bekannt geworden und von ihm in seiner Schönheit im heißen Glück empfunden und gezeichnet worden sein und ihn emporgehoben haben zu reifer, abgeklärter Kunst.