Es erging vielleicht durch Vermittlung seines Meisters in Magdeburg an ihn der Ruf von Freiberg, ein Prachtportal zu bilden zur Ehre der Jungfrau Maria und zum Schmucke der jungen, stolzen Silberstadt, deren Ruhm weithin durch das alte Sachsenland erklang. –

In welcher bewundernswerten Weise er diese Aufgabe anpackte und löste und eines der größten Meisterwerke deutscher romanischer Kunst schuf, wie er unter meisterhafter Beherrschung aller romanischen Schmuckmittel und künstlerischen Möglichkeiten und Formenreichtums alle Tiefen inniger Glaubensgewißheit und kirchlicher Lehre durchmaß und in seinem Werke ihnen Sprache und Leben gab, wie er mit der Glut seiner deutschen Seele die Klänge ferner, fremder Kunst in die göttliche Harmonie und Reinheit seiner heimischen Kunst voll ursprünglicher, selbständiger künstlerischer Eigenart einordnete, das ist Zeugnis für den Himmelsflug seines Geistes, die Tiefe seiner Seele und seine schöpferische Kraft. Und sehen wir vom geistigen Inhalt des gewaltigen Werkes ab, so ist schon die rein bildnerische, künstlerische Schönheit des Ganzen und aller einzelnen Teile so vollendet und ergreifend, daß es weit über alle Werke jener Zeit emporragt.

Die Goldene Pforte ist noch ganz romanisch, ein stufenförmig gestaffeltes Portal mit Säulen in den Winkeln der Stufen von reinromanischer Kapitälbildung. In der Ornamentik der mächtigen Rundbögen finden wir die kräftigen Zickzacklinien, wie sie besonders gern und häufig irische Mönche verwendeten, welche als Missionare Deutschland und Frankreich durchzogen und ihre einheimischen Formen zur Geltung brachten. Diese »Schottenmönche« hatten z. B. in Regensburg zwei Kirchen nach ihrer Art gebaut und geschmückt, und es ist wohl möglich, daß auch bei der Goldenen Pforte mit ihren Zickzackornamenten, die sich bis in die Schäfte der Ecksäulen zart fortsetzen, solche irische Einflüsse, sei es über Regensburg, sei es über andere Studien und Skizzen des Meisters wirksam gewesen sind. Alle Gebundenheit und Steifheit der Ornamentik und namentlich des Figürlichen, in der die mittelalterliche Kunst noch gefesselt lag und die mittelalterliche Figuren neuzeitlichem Empfinden oft so schwer verständlich macht, ist aufgehoben. Die Gestalten leben und sprechen und sind erfüllt von innerer geistiger Spannung je nach ihrer Bedeutung und Bestimmung. Sie sind mit einer plastischen Sicherheit und Kenntnis des menschlichen Körpers und seiner Bewegung hingestellt, als wären sie vom Frühlingshauche der jungen Renaissance, die doch erst 300 Jahre später nach Freiberg kam, berührt und erweckt, von formaler Schönheit erfüllt und über ihre Zeit hinausgehoben worden.

So ist die Goldene Pforte zu dem strahlenden Juwel geworden, das durch die Jahrhunderte leuchtet und auch heute noch jeden Beschauer zur Andacht zwingt, daß er empfindet: Hier stehst du an heiliger Stätte, an einer Stätte der Offenbarung deutscher Seele, deutscher Kunst und deutscher Gedankentiefe. Die Kunst erhebt sich hier in der Tat zu einer so ergreifenden Großartigkeit, sagt Richard Freiherr von Mansberg, ihr geistvoller Erklärer, dem wir hier folgen wollen, daß in dem ganzen Gebiete der Erzeugnisse dichtender und bildender Kunst außer dem gigantischen Werk eines Dante wohl keines zu nennen ist, welches an tiefer Durchdringung des geistigen schwer zu bewältigenden Stoffes bei gleicher Formvollendung dem unsrigen ebenbürtig zur Seite gestellt werden könnte. »Noch einmal,« sagt er, »verschmelzen hier antiker Schönheitssinn und deutsche Empfindung, getragen von einem Naturgefühl, das bis ins kleinste der Gesichtszüge, der Hände und Füße, voll Adel und Lebenswahrheit ist«.

Neun Bogen schließen sich so zusammen zu einem gewaltigen Halbrund, das als Symbol des Weltalls gilt mit den neun Himmeln, in welchen die beim Jüngsten Gericht aus ihren Gräbern auferstehenden Märtyrer, die Apostel und die Scharen der Erzengel, Cherubinen und Seraphinen Gott in seiner Dreieinigkeit in den Scheiteln der Bögen thronend schauen und in feierlicher Würde verehren. Die Figuren sind wie die Juwelen eines Diadems in köstlicher Vollendung dem reichen Rahmenwerk eingefügt.

Dieses gewaltige Diadem umspannt das Bogenfeld (Tympanon) als Herz der ganzen Komposition. Die Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben ist hier thronend dargestellt, wie die drei Weisen aus dem Morgenlande, als Vertreter der Völker der Erde, ihre Gaben bringen und huldigen. Sie ist der Mittelpunkt des Weltalls, als die reine Jungfrau, die Gottesmutter, die Himmelskönigin, die Mutter der Gnaden in nahezu vollkommener Weise dargestellt. Hoheit und Demut und eine überirdische Verklärung spricht sich in den ernsten und doch weichen Zügen aus, die immer stärker fesseln, je länger man sie aus der Nähe betrachtet.

»Die Gottesmutter, die Himmelsfrouwe und der Engel Kuniginne«, wie der alte Dichter sagt, ist selten wieder in gleicher Tiefe, Innigkeit und Vollendung dargestellt worden.

Über ihrem Haupt runden sich die Himmelsbögen, in denen Engel, Apostel und Auferstehende die Erfüllung und Vollendung des göttlichen Erlösungswerkes symbolisieren. Zu ihren Füßen aber stehen Gestalten des alten Bundes, als Verkünder, Vorläufer und Ahnen des Heilandskindes, das sie in den Armen hält. Zugleich aber sind diese Gestalten als Sinnbilder zu deuten, die Maria feiern als eine Jungfrau, Gottesmutter, Himmelskönigin und Mutter der Gnaden. Zwischen den herrlichen Säulen mit ihren köstlichen Kapitälen, welche die Himmelsbögen tragen, stehen so auf kleineren Zwergsäulen sich gegenüber die Gestalten des Propheten Daniel und des Aron, der Königin von Saba und der Bathseba, des Königs Salomo und des Königs David, Johannes des Täufers und des Propheten Nahum.

Doch noch tiefer und weiter greift die Symbolik: Die neue Pforte zum Gotteshause sollte für die Freiberger Bergmannsgemeinde eine Bergmannspforte sein! Nicht ohne Absicht steht darum Aron auf der ersten steinernen Säule des Gewändes. Im Orient haben Namen ihre besondere Bedeutung. Der Name steht für das, was der Mensch selbst ist. Aron, das arabische Harun, von dem Märchenkalifen Harun als Raschid bekannt, bedeutet »Bergmann«! Aron, der Bergmann, steht als erster an der stolzen Pforte der Pfarrkirche der jungen Berggemeinde und weist so auf die Bergstadt hin.

Über der zweiten Säule ist die Stadt Freiberg, das alte »Vriberch« selbst dargestellt durch einen weiblichen Kopf mit Mauerkrone. Das Symbol der Mauerkrone kennzeichnete ja bereits in der Antike die Stadtgöttinnen.