Den ersten der neun Bogen tragen Löwen als Wächter des Heiligtumes, den dritten trägt die Stadt Freiberg als der Ort, der das Heiligtum baut, erhält und trägt, den fünften Bogen trägt links ein Bergmann in der alten Fahrhaube und rechts ein Mönch mit Fischen, der Bergmannsstand, der die Gemeinde bildet, und der Mönch, der die Gemeinde sammelt und pflegt nach dem Wort des Herrn: »Ich will euch zu Menschenfischern machen«.
Über 80 figürliche Darstellungen schmücken die Pforte in unerhörtem Reichtum aber ohne Überladung in köstlichem Rhythmus der künstlerischen Formen und der tiefen Gedanken. Die stets wechselnde Fülle der Ornamentik und aller Schmuckbildungen an Kapitälen, Gesimsen, Säulen und Bögen, in welchen Menschen- und Tiergestalten in echt deutscher Phantasie mit verflochten sind, ist staunenswert.
Hier zum ersten Male werden in Deutschland sitzende Figuren in den Nischen der Bögen verwendet, das einzige Mal im romanischen Stil, was später der gotische Stil häufiger zeigt.
Hier zum ersten Male in Deutschland wird eine Krönung Mariä dargestellt im untersten Bogen über dem Tympanon, die zwei bis drei Jahrhunderte später ein so beliebtes Motiv der Plastik und namentlich der Malerei wurde.
Hier zum ersten Male wird in der deutschen Kunstsymbolik das Jesuskind mit dem Apfel als Sinnbild der Welt dargestellt.
Eine Fülle von neuen Gedanken sind hier zum ersten Male ausgedrückt, die für Jahrhunderte die Kunst befruchteten und anregten. Hier ist die Kunst nicht nur ein Können voll Schönheit und nur der äußeren Form, welche die Augen beglückt, nein, sie ist eine Stein gewordene Weltanschauung von unendlicher, echt deutscher Seelentiefe, innerem Gehalt und unwiderstehlicher Gemütskraft. Sie ergreift das Innerste, weil hier eine gottbegnadete Künstlerseele ihr künstlerisches und seelisches Bekenntnis ausströmte und in wundervoller tiefer Einheit formte zu einem Werke voll leuchtender Klarheit, Schönheit und heiliger Innigkeit, einem Werke, in welchem das edelste Wollen und Fühlen seines ganzen Volkes und seines Zeitalters erhabenen Ausdruck fand.
Um die Wirkung seines gewaltigen Werkes auf das höchste zu steigern, hatte der Künstler dann das Ganze vergoldet und in reine leuchtende Farben, in strahlendes Rot, tiefes Blau und sattes Grün gehüllt. Das Gold und die Farben sind im Laufe der Jahrhunderte geschwunden, doch noch heute lassen sich Farbenspuren hie und da an versteckter Stelle finden und aus älteren Berichten kann die Farbengebung der einzelnen Teile mit einiger Sicherheit festgestellt werden. Die unverbildete Farbenfreude des Mittelalters, welche sich ja auch in der Tracht ausspricht, liebte es, architektonisch ausgezeichnete Bauteile, wie Portale, Erker, Giebel u. dgl. als besondere Schmuckstücke farbig zu bemalen und auch breite Wandflächen innen und außen mit Gemälden zu schmücken. Kaum ein mittelalterliches Bauwerk höheren Ranges wird auf die kräftige, belebende Wirkung reiner leuchtender Farben verzichtet haben. Das Erbe dieser Farbenfreude hat ja nur unsere Volkskunst in schlichtester Weise festgehalten, vermehrt und zu mancher neuen Blüte gefördert. Diese Farbenfreude, welche durch die mißverstandene Antike und Klassizismus verlorengegangen zu sein scheint, ist ein inneres Bedürfnis unseres Volkes und müßte wieder ihren Platz sich erobern im Leben des Volkes und im Straßenbilde.
Die alten Beispiele und die alte Volkskunst könnte da anregend und befruchtend wirken im Sinne einer farbigen, malerischen Bereicherung unserer so nüchternen, modernen, Grau in Grau gehaltenen und Grau in Grau die Seelen stimmenden Straßen und Plätze.
Wie ein Märchen voll Schönheit, Glanz und Farbe muß dagegen die »Goldene Pforte« einst gewirkt haben, und so manchen schlichten, rauhen Besucher aus harter, unwirtlicher Wald- oder Bergeinsamkeit überwältigt haben, als stünde er vor der Pforte des Himmels, wo alle Schönheit und aller Glanz vereinigt ist, so daß er geblendet die Augen schließen muß, nein, tief in die Seele die Herrlichkeit hineintrinken möchte und an dem Trunk genesen muß von dem, was schwer und trüb und dunkel seine Seele bedrückt und bedrängt, daß er alles vergißt, was dahinten ist und seine Sehnsucht nach dem ewigen Lichte strebt, und die Arme hebt dem leuchtenden Glanze entgegen. – – – –
Doch wir müssen scheiden. Die Glocken droben sind längst verklungen, aber im Herzen klingen lauter und lauter die Glocken, welche das Lied von deutscher Seele und deutscher Kunst, von deutscher Kraft und Schönheit singen, welche nach 700 Jahren noch jung ist und jung bleiben wird, solange noch eine deutsche Seele dem Lichte entgegenringt und goldene Pforten sich baut, leuchtend im Grau der Tage, hoch über dem Schmutz der Straße, hoch über den dunklen Tiefen des eigenen Herzens, die ihre goldenen Bögen öffnen der Erfüllung und Vollendung entgegen.