Wir wollen einmal wandern, dort, wo es stille ist, dort, wo großes Menschenwerk, wo die Vergänglichkeit in stummer Größe uns anschauen und uns erzählen von vieler Geschlechter Mühe und Arbeit und von ringenden Kräften ferner Tage. Eine Wanderung über die alten Bergwerkshalden in der Umgebung der alten Bergstadt vermag uns gar stille und nachdenklich zu machen. Gar oft ist die Romantik der alten Burgen und Schlösser und ihrer trotzigen Ruinen besungen worden. Sagen und Geschichten umranken die Trümmer mit stimmungsvollem Zauber und beflügeln die Phantasie sogar auch manches nüchternen Spötters zu höherem, reinerem Flug.

Wir sind stolz auf diese Herrlichkeiten der Heimat, die uns vom Glanz, von urwüchsiger Kraft und kriegerischem Tatenmut unsrer Vergangenheit erzählen, und empfinden sie froh und tief. Doch hier unsere Halden und schlichten Bergwerkshäuser sind von gleichem Werte und gleicher oder tieferer Wirkung auf die sinnende Seele, wenn sie nur in ihr stilles, schicksaldurchfurchtes Antlitz schaut. Wir wollen sie suchen und lieben, wir wollen stolz auf sie sein und von ihrem stimmungsvollen Zauber in der Stille uns umfangen lassen und von ihnen reden und sagen, nicht wie von etwas, das der Menge und dem Geschrei gefallen muß oder etwas geben könnte, sondern wie von etwas, das den feinen Seelen, den stillen Herzen unendlichen Stimmungszauber gibt. Auch die alten Halden erzählen, wie jene stolzen Burgen, von untergegangener Herrlichkeit, und der silberne, mit bunten Blumen durchwirkte Mantel der Romantik liegt über ihnen. Es ist nicht die Romantik klirrender Waffen von Blut und Streit, sondern die Romantik klirrenden Werkzeugs, ringender Arbeit und sauren Schweißes von tausend Geschlechtern, welche in unermüdlicher Treue mit den Geistern der Tiefe den täglichen Kampf der Arbeit und Pflicht durchkämpften und in den dunklen Schächten die blutenden Silberadern der Felsen durchforschten. Es ist die Romantik, welche nicht Wunden schlug, sondern aus den Felsen die edlen Erze schlug und sie zum Zauberstabe machte, daß aus dem Lande ein Garten wurde, in welchem die Kultur und edelste Kunst erblühte.

Diese Arbeit von Jahrhunderten hat die Landschaft gestaltet und ihr so charaktervolle Formen gegeben, daß die Landschaft selbst dadurch ein Riesendenkmal des untergegangenen Bergbaues geworden ist. Die Kräfte, welche sie zu ihrer Eigenart herausgestaltet haben und in ihr wirksam waren, werden deutlich sichtbar, und jede Halde, jeder Hügel, jede Binge erzählt uns von dem Ringen, den Siegen und dem Segen zäher Arbeit zahlloser namenloser Geschlechter. Die Halden sind die Riesendenkmäler der Namenlosen der Arbeit! So trägt die Landschaft die tiefe geistige Schönheit eines durchgearbeiteten Charaktergesichts, und dies ist schöner und packt mehr die Seele und forschende Gedanken, als die leere Schönheit der äußeren Form, in der kein geistiges oder seelisches Erleben, kein Schicksal und kein Kampf sich ausprägt und uns mitleiden und mitfühlen läßt. Wie gewaltige Hünenmale des alten Bergbaues türmen sich rings die Halden mit ihren mächtigen Steinmassen. Blaue und violette Schatten auf dem schwarzen, braunen, gelben und roten Gestein und wieder der rote Glast der Sonne verleihen ihnen ein eigenartiges Leben und wundersame Stimmung. Bald im Sturze in natürlicher Böschung übereinandergerollt und durcheinander gekollert, bald wieder mit steiler Steinpackung wie in Felsenmauern gefügt, schwarz vom Wetter und finster-gewaltig in den mächtigen starren Linien des Umrisses gegen den blauen Himmel mit den schwebenden weißen Wolken stehend, liegen die Steinmassen nackt und ohne Grün da, gekrönt von den hellschimmernden, zusammengedrängten Häusern der Grube mit ihren grauen Dächern, die in feiner Massenabstufung dem Bilde den harmonischen Abschluß geben. Finster-dämonisch wirkt das Bild zu manchen Zeiten und Stimmungen. Ja, im Grauen des Gewitters, wenn Sturm und Wetter auf ihren blauschwarzen Wolkenrossen durch die bebenden Lüfte sausen, dann steigert sich die Wirkung ins Heroische. Die Wucht und Schönheit der einfachen Linie, der kantigen Form und Masse hält uns in ihrem Bann.

Ja, wie mächtige Festungsmauern, steil und unersteiglich, finster und wuchtig wirken manche dieser Riesenmale, welche der Bergbau sich gesetzt. Wie Titanenwerke ragen sie auf und beherrschen die Landschaft. Bedeckt doch z. B. die Halde des Davidsschachtes bei 27 m Höhe eine Fläche von fast 40 000 qm, und ihre Steinmassen betragen etwa 1 Million cbm.

In der Nähe aber wird das Einzelne lebendig. Farben leuchten auf in allen Schattierungen, von Schwarz und Grau und Weiß, vom Braun bis zum leuchtenden Gelb und Rot und Zinnober, Grün, Rosa und Violett, und suchst du mit dem scharfen Blicke des Sammlers und wendest oder zerschlägst du gar die Steine hier und dort, so blitzt bald hier ein Kristall, Quarz oder Feldspat, bald schimmert dort eine Ader von Bleiglanz oder Schwefelkies oder es fesselt dich das feine Geäder baumartiger Zeichnung auf einer bunten Fläche. Und richtest du dich auf, so schweift dein Blick über die malerische Umrißlinie der Stadt im grünen Grunde unter dir mit ihren Türmen und Mauern, mit ihren sich drängenden steilen, roten, grauen und schwarzen Dächern. Dicht vor dir der mächtige Donatsturm mit seinem spitzen Kegeldach, um welches die Dohlen flattern und schreien. Die altersgraue Stadtmauer schaut durch grüne Wipfel. Dort die beiden stumpfen Türme von St. Nikolai, die mit ihrer schlichten Wucht so recht in die alte Bergstadt passen, dort der hohe schlanke Petriturm, der über alle Dächer, Giebel und Türme weit hinausschaut ins grüne Land, der Rathausturm dicht dabei mit seiner barock geschwungenen Haube und endlich das mächtige Dach des altehrwürdigen Domes, das wie eine Henne weit seine Flügel breitet über die Schar der anvertrauten Küchlein, und dazwischen hinein das lustige Gewimmel von Giebeln und Dächern und Schornsteinen wie die Heerschar, welche sich um die hohen stolzen Führer freudig drängt und zu ihnen vertrauend aufschaut. Blauer Rauch wirbelt aus den Essen empor und ein Glockenklingen grüßt uns von den Türmen wie Stimmen aus den Seelentiefen der Stadt. Und wendest du dich um und schaust du weit ins Land hinaus, da sind die blauen Wogen des Waldes in der Ferne und vor dir in der Nähe und in der Weite im gewaltigen Ringe umher, die Halden, die schweigenden Beherrscher der weiten, stillen Landschaft. Bald träumen sie einsam im Felde wie ein gewaltiges Grab der Vergessenheit, der Vergänglichkeit entgegen, bald wandern sie in langen Zügen wie sagenhafte urweltliche Ungeheuer mit ihren Rücken und Kuppen durch das Zwielicht in geheimnisvolle Dämmerung hinein, bald türmen sie sich zu riesenhaften Kegeln empor, als sollten Pyramiden auf eines Pharao Geheiß zum Himmel emporgeschichtet werden, bald strecken sie sich lang und flach mit kurzem Steilhang wie vom Winde geformte, vom Sturm zerrissene Dünen, bald bäumen sie sich kurz, steil und trotzig empor wie eine vom Riesenpflug emporgeworfene Scholle. Bald weißschimmernd wie märkischer Sand, bald rot leuchtend, als bluteten alte, schmerzhafte Wunden, bald grünumwuchert, bald laubüberdacht, bald tot und nackt und kahl, stets wechselnd und doch immer dieselben schweigsamen und doch so vielsagenden Gestalten, sind diese Halden gewaltige und klingende Akkorde in der Landschaft Freibergs, welche die jahrhundertelange Arbeit des Bergbaues schufen und fügten zu einer heroischen Symphonie der Arbeit.

Die Bauten, welche die Halden hie und da krönen, klingen in dieser Symphonie mit und stimmen zur Ruhe und Macht der stillen Massen, als könnte es gar nicht anders sein. Wie träumend in weltenweiter Vergessenheit schaut uns so manche alte Kaue, so manches alte Grubengebäude an wie aus Märchenaugen aus der Zeit »Es war einmal«! Des Fäustels munterer Schlag ist längst verklungen, die fleißigen Häuer, die frischen Bergjungen, der bedächtige Hutmann sind davongezogen, und es ist still, ganz still geworden, wo einst des Bergmannes herzhaftes Glückauf erklang. –

Kein Haus, kein Dach in der Nähe, kein menschlicher Laut! Verlassen, vergessen steht die alte Kaue auf der Halde, ohne Fenster, ein Dach auf vier verwitterten Wänden, von denen der Putz herunterrieselt. Die Bruchsteine schauen braun und grau hervor, und die gelblichen Fugen sind ausgewittert vom Sturm und Regen, von Frost und Hitze, die hier auf einsamer Halde um das einsame Haus ihr Wesen treiben. Gestrüpp, langes, graues raschelndes Gras und Binsenbüschel haben sich angesiedelt. Nacktes Geröll und Sand in bunten Farben, gelb, grau, braun und rot und weißlich tritt überall in unfruchtbaren, toten Flächen zutage. Eidechsen huschen umher, ein bunter Schmetterling gaukelt müde und träge vorüber, hängt sich dort an die langgestielte Blüte der Skapiose, als wäre er verzaubert, der Schrei einer ziehenden Krähe, ein Rascheln in den spröden, langen Halmen und darüber des Himmels unendliche blaue Glocke, in der es summt wie geheimnisvolle Stimme, wie die Stimme der Einsamkeit.

»Auf den Halden schläft der Wind.

Leise Schmetterlinge fliegen.

Wege weiß ich, still verschwiegen,