Auf der Wessenburg herrschte jetzt nach langen Stürmen eine Windstille.

Juliens Arzt war der Leichtsinn, Augustens Trost das Bewußtseyn geworden und der himmlische Frühling goß das Füllhorn der Erneuung über sie aus. Eben war die Mutter mit Woldemars Braut auf ein nachbarliches Gut gefahren als sich ein fremder Baron bey dem Fräulein ansagen ließ. Viel lieber hätte die Einsame den unwillkommenen Gast abgewiesen aber es fehlt’ ihr für den Augenblick an einer glaubwürdigen Entschuldigung und so ward er denn angenommen.

Ein junger, blendend schöner Mann trat in das Zimmer. Sein hoher Wuchs, sein Apollons-Kopf, die würdevolle Anmuth seines Benehmens, gewann in voraus ein Gemüth dem der zärteste Sinn für die Gabe der Grazien anhing und der Gegenstand welcher ihn zu Augusten führte, war bedeutend genug ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.

Julius hatte nehmlich nach dem Empfange jener wenigen, nichts sagenden Zeilen welche Frau von Wessen damahls in Woldemars Nahmen schrieb, vergebens einer Antwort auf seine dringende, Herminens Ehre rettende Zuschrift entgegen gesehen; hatte endlich an den Adjutanten geschrieben, und von diesem einige Winke, Weisungen und Aufschlüsse empfangen die ihn zu der Reise nach dem fernen Schauplatz des Kriegs bestimmten. Von den Verhältnissen in denen sein getäuschter Freund hier stand wie von dem Charakter der handelnden Personen unterrichtet, hatte er im Posthause bereits seit Tagen den günstigen Augenblick erwartet, der ihm, Augusten ohne Zeugen zu sprechen, vergönnen würde. Er stellte sich ihr jetzt als Woldemars Vertrauten dar, den der Beruf, viel Unheil zu verhüten, vor ihre Augen geführt habe; bedauerte ihre Langmuth durch Weitläufigkeit erschöpfen zu müssen, unterhielt das Fräulein zuförderst mit Woldemars heimischen Verhältnissen, und von der seltsamen Katastrophe die ihn aus jenen weg, in den Krieg trieb.

Aber es fehlte viel daran daß seine Weitläuftigkeit das Fräulein ermüdet hätte: sie war ganz Ohr, und ihre Theilnahme machte sie von Minute zu Minute liebenswerther.

Herminens Vater „fuhr Julius fort“ hatte als Handlungs-Diener das Glück, der Tochter seines reichen Herrn zu gefallen, und im Gefolge dieser Gunst das Unglück, sich zu einem Schritte zu vergessen, der Theresen das Leben gab. Des Vaters Blindheit und der Beystand der Mutter machten die Verheimlichung möglich, der junge Mann ward nach Holland, das Kind der Liebe in ein entferntes Waisenhaus versetzt und des Kindes Mutter mit größerm Glück als Recht die Gattin eines bedeutenden Wechslers. Er starb im ersten Ehejahr und setzte sie zur Erbin ein. Der frühere Vertraute kam zurück, machte die verjährten Rechte geltend, verloschene Gefühle in dem Herzen der Wittwe wieder rege, und ward ihr Gemahl. Sie gebar ihm Herminen und starb in dem Kindbett. Er folgte ihr nach wenig Monden, vom Schlage getroffen nach, und sein redlicher Bruder nahm den verwaisten Säugling auf.

Falsche Schaam, die Quelle so manches Unheils, hatte es der Verschiedenen ohnmöglich gemacht sich späterhin zu diesem Kinde zu bekennen, doch sorgten die Eltern aus der Ferne für sein Wohl. Des Vaters schneller Tod entriß Theresen die letzte Stütze, denn es fand sich weder ein Testament noch irgend etwas das ihr Daseyn bezeichnet hätte, vor. Die Vorsteher jenes Waisenhauses überließen die heran Wachsende einer Dame, der sie ihre Bildung dankt, als aber diese zufolge einiger verlohrnen Rechtsstreite verarmte, und sie jetzt in die fremde Welt hinaus treten mußte, machten Bildung und Anmuth ihre Lage nur um so kritischer.

Der Thee unterbrach jetzt den Erzähler. Auguste kredenzte ihn; Julius bemerkte mit Wohlgefallen ein Paar der zartesten Hände und die ganz eigene Annehmlichkeit, welche Augustens Gliederspiel über die kleinste ihrer Bewegungen verbreitete.

Hermine „fuhr er fort, und rückte ihr vertraulich näher“ Hermine stört vor kurzem in der Schatulle ihrer Mutter, und trifft da, von dem guten Geist des Zufalls geleitet auf ein geheimes, mit Quittungen und Briefen angefülltes Fach, welches außer dem überraschenden Beweiser der mütterlichen Verirrung sichere Hülfsmittel enthält, die Spur der nie geahnten Schwester aufzufinden. Hermine sieht eine höhere Fügung in dem Ohngefähr, fühlt sich so geneigt als berufen die Verlassene mit ihrem Ueberfluße zu erfreuen, macht den Oheim zum Vertrauten und wird nicht müde ihn um Beystand und Vermittlung anzugehn. Der Onkel untersucht, überzeugt sich, empfiehlt ihr Verschwiegenheit; will erst das Wie und Wo erforschen, sich von dem Werth oder Unwerth der Person unterrichten, und der Wallung eines schönen Herzens durch weise Vorsicht Maß und Ziel setzen. Aber das übervolle hat sich bereits am Busen einer Freundin entladen und diese das Geheimniß unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihrem Bruder, Herminens hoffnungslosesten Anbeter mitgetheilt. Armuth, Habsucht und der Groll verschmähter Liebe bestimmen ihn, die Entdeckung zu seinem Vortheil zu benutzen: er durchreist die bezeichnete Gegend und findet nach manchem Kreuzzug die Gesuchte zwischen Hunger und Kummer mitten inne.

Augustens Mädchen rief jetzt das Fräulein ab. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück, entschuldigte ihre Abwesenheit mit der angenehmen Sorge für sein Nachtlager und bat den Baron der ihr für diese Güte den feurigsten Dank sagte, um die Fortsetzung der Geschichte.